SPIEGEL ONLINE

Nach Anhörung Trump will Kavanaugh unbedingt durchdrücken

Tränen, Wut, Scham: Amerika streitet über die Senatsanhörung zu Donald Trumps Richterkandidat Brett Kavanaugh. Trotz der schweren Anschuldigungen von Christine Blasey Ford halten viele Republikaner an ihm fest - auch der Präsident.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, mit welcher Härte und Gnadenlosigkeit Amerikas Parteien in diesen Tagen Politik machen, so ist er mit dem Kampf um Donald Trumps Kandidaten für den Supreme Court erbracht.

Die Senatsanhörung von Brett Kavanaugh und Christine Blasey Ford, die ihn beschuldigt, sie vor 36 Jahren massiv sexuell attackiert zu haben, dauert mehr als acht Stunden. Im ganzen Land blicken die Menschen gebannt auf die Bildschirme. An der Wall Street, in der U-Bahn, in den Büros, alle wollen wissen: Wem ist mehr zu glauben? Ihr oder ihm? Der Psychologie-Professorin aus Kalifornien oder dem Top-Juristen aus Washington? Kann Kavanaugh noch Richter am Obersten Gericht werden?

Anschließend sind Amerikas Wähler und auch die Politiker so gespalten wie vorher. Viele sind klar auf der Seite von Christine Blasey Ford, halten sie für glaubwürdig. Die oppositionellen Demokraten fordern eine weitere Untersuchung des Falls, manche verlangen von Kavanaugh den Rückzug seiner Kandidatur.

US-Präsident Donald Trump und etliche Republikaner halten dagegen weiter zu ihm. "Richter Kavanaugh hat Amerika gezeigt, weshalb ich ihn nominiert habe", twittert der Präsident am Ende der Anhörung begeistert. "Seine Aussage war kraftvoll, ehrlich und fesselnd." Kurzum: Aus Trumps Sicht ist Kavanaugh absolut unschuldig.

Ist es wirklich so einfach? Wohl kaum. Amerika hat an diesem Tag vieles gehört und gelernt, aber eine Sache bleibt sicher unklar: die Wahrheit.

Der seltsamste Moment

Der seltsamste Moment dieser Anhörung kommt, als Brett Kavanaugh auf dem Zeugenstuhl Platz nimmt. Alle Augen blicken auf ihn. 21 Senatoren und eine Staatsanwältin sind da, die ihn befragen sollen. Und er bekommt einen Wutausbruch.

"Ich schwöre vor meiner Familie und vor Gott: Ich bin unschuldig", ruft Kavanaugh. Alle Vorwürfe gegen ihn seien falsch, er sei das Opfer einer Kampagne der Demokraten, die allein das Ziel habe, seine Nominierung für den Obersten Gerichtshof der USA zu verhindern. Ja, es gehe sogar darum, Rache zu nehmen für den Wahlsieg Donald Trumps - im Namen der Clintons. Seine Familie sei dadurch zerstört worden. "Das alles ist ein Zirkus, grotesk und koordiniert - eine Schande für unsere Nation."

Brett Kavanaugh

Brett Kavanaugh

Foto: JIM BOURG/ REUTERS

Es platzt förmlich aus Kavanaugh heraus, er schreit, er schnieft, zwischendurch kommen ihm fast die Tränen. Er kämpft um seinen Job, und, wie er es sieht, auch um seine Ehre. Er wird dabei sehr politisch, parteiisch. So etwas haben selbst die abgebrühten Senatoren in Washington noch nicht erlebt. Sie schauen sich gegenseitig an - als wollten sie fragen: Passiert das gerade wirklich?

Ja, es passiert wirklich.

Immer wieder beteuert Kavanaugh seine Unschuld, er präsentiert Indizien, die ihn entlasten sollen. Sein Tagebuch zum Beispiel, in dem im vermeintlichen Tat-Jahr 1982 keine Party markiert ist, bei der er Christine Ford hätte treffen können. Er präsentiert sich als harmloser katholischer Familienvater, der zu seiner High-School-Zeit gerne mal ein Bier trank. Aber der niemals Frauen unsittlich berührte. "Wo kommen wir denn hin, wenn jeder, der gerne Bier trinkt, beschuldigt wird, ein Sexualtäter zu sein?" fragt er empört.

Christine Ford - plötzlich auf der großen Bühne

Christine Blasey Ford spricht vor Kavanaugh. Sie wollte eigentlich nie auf dieser großen politischen Bühne auftreten. Aber sie hat den Schritt ins Rampenlicht trotzdem gewagt, nachdem ihr Name und ihre Vorwürfe in den Medien lanciert wurden. Von wem, ist nicht klar.

Christine Blasey Ford

Christine Blasey Ford

Foto: WIN MCNAMEE/ Getty Images

"Ich bin heute nicht hier, weil ich es will", sagt Ford, 51, mit bebender Stimme. "Ich habe Angst. Ich bin hier, weil ich es für meine Bürgerpflicht halte, Ihnen zu sagen, was mir zustieß, als Brett Kavanaugh und ich auf der High-School waren."

Ein Jahr nach Beginn der #MeToo-Bewegung spricht Ford für alle Frauen, die Ähnliches erlebt haben, doch weiter schweigen. Aus Angst, aus Scham oder weil die Politik sie alleine lässt.

Stockend und unter Tränen erzählt Ford, was ihr passiert sei, als sie 15 war. Bei einer Party mit Schulfreunden habe Kavanaugh, der sehr betrunken gewesen sei, versucht, sie in einem verschlossenen Zimmer zu vergewaltigen. Sein Freund Mark Judge - der sich geweigert hat, öffentlich auszusagen - sei dabei gewesen.

Im Video: Christine Blasey Ford belastet Brett Kavanaugh schwer

SPIEGEL ONLINE

Kavanaugh habe ihr den Mund zugehalten, um sie am Schreien zu hindern. "Ich konnte kaum atmen und dachte, dass Brett mich aus Versehen töten würde." Nur durch Zufall habe sie sich befreien und aus dem Haus fliehen können.

"100 Prozent sicher"

Der Vorfall verfolge sie bis heute: "Bretts Angriff hat mein Leben drastisch verändert." Sie habe jahrelang geschwiegen und sich nur engsten Vertrauten und Therapeuten offenbart. Doch als sie gelesen habe, dass Kavanaugh in der engeren Auswahl für einen Richterposten am Supreme Court gewesen sei, habe sie ihre Kongressabgeordnete kontaktiert - und anonym die "Washington Post".

Immer wieder bricht Fords Stimme. Sie hält inne. Sie gesteht Erinnerungslücken. Und sie analysiert zugleich klinisch präzise an ihrem eigenen Beispiel, was es mit Erinnerungslücken bei Gewaltopfern auf sich habe: Trauma, sagt die Psychologin, bleibe dauerhaft verankert, während viele andere "Details verschwimmen".

Mehr als zwei Stunden lang pariert Ford Fragen über Fragen - bald sichtlich erschöpft, doch souverän. Woran sie sich am meisten erinnere? "Das brüllende Gelächter der beiden Jungs, und dass sie sich auf meine Kosten amüsierten." Wie sicher sei sie, dass es Kavanaugh gewesen sei, kein anderer? "100 Prozent."

Wie geht es jetzt weiter?

Sie habe sich keineswegs aus politischen Beweggründen gemeldet, versichert sie. Trotzdem werde sie seither von Beschimpfungen und Morddrohungen verfolgt. Ihre gesamte Familie habe Personenschutz anheuern und umziehen müssen.

Wie geht es jetzt weiter? Schon wenige Minuten nach dem Ende der Anhörung teilen Senatoren der Republikaner mit, dass sie weiterhin vorhaben, im Justizausschuss über Kavanaughs Nominierung abzustimmen. Nächste Woche könnte dann der gesamte Senat entscheiden. Von Blasey Fords Aussage wollen sie sich offenbar nicht beirren lassen.

Unklar bleibt allerdings, ob sie dafür wirklich die erforderliche Mehrheiten haben. Dazu dürften jetzt mit möglichen Wackelkandidaten in den eigenen Reihen Gespräche geführt werden.

Anders gesagt: Wer noch zweifelt, dürfte jetzt von Trump und seinen Beratern massiv unter Druck gesetzt werden. Im Senat haben die Republikaner eine hauchdünne Mehrheit von 51 zu 49 Stimmen. Fehlen nur zwei Stimmen, fällt Kavanaugh durch.

Diese Geschichte ist nicht zu Ende.