Europa nach dem Brexit Es muss Liebe sein

Die Briten verlassen die EU. Bitter, aber so ist das nun mal in der Demokratie. Europa muss, Europa wird damit zurechtkommen. Das kann nur mit Herz und Leidenschaft gelingen.

EU-Fahne am Parlament in Brüssel
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EU-Fahne am Parlament in Brüssel

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Der schnelle Überblick
    Das ist passiert:
  • • 51,9 Prozent der britischen Wähler haben für den Austritt des Landes aus der Europäischen Union gestimmt. Die Wahlbeteiligung lag bei mehr als 70 Prozent.

  • • Premier David Cameron hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt.

  • • Politiker aus Schottland und Nordirland wollen in der EU bleiben.

  • • Das Pfund verliert dramatisch an Wert, Aktienkurse weltweit stürzten ab.

• Rechtspopulisten in ganz Europa freuen sich und fordern nun ebenfalls Volksabstimmungen über die EU.

Vielleicht war es am Ende der Regen, der den letzten Ausschlag gegeben hat: Während die hoch emotionalisierten Brexit-Befürworter sich nicht scheuten, selbst bei Wolkenbruch zur Wahlkabine zu marschieren, blieb mancher EU-Freund dann doch lieber daheim, ganz dem passiven Wahlziel entsprechend: "Remain".

Es sah ja auch alles danach aus, als würde es zwar knapp werden, aber für einen Verbleib Großbritanniens in der Union reichen. Als würde man sich nicht nass machen müssen dafür, zu bleiben. Das wäre immerhin eine bemerkenswerte Pointe an diesem bitteren Tag für Europa: Das britischste aller Wetter hat Großbritannien aus der EU geschwemmt.

"Ein Sieg der Emotionen über die Fakten"

So irrational diese Erklärung auch ist, womöglich stimmt sie. "Es ist ein Sieg der Emotionen über die Fakten", analysierte der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok in einer ersten Reaktion. Das mag so sein. Die Zukunft der verbliebenen Europäischen Union hängt davon ab, wie sie mit dieser Erkenntnis umgehen wird.

Von Anfang an bestand ein emotionales Ungleichgewicht in diesem Kampf um Großbritannien. Die Brexiteers hatten eine große, auf den Bauch zielende Erzählung anzubieten. Von einem stolzen Volk, das sich endlich wieder ermannen muss, das sich seine Souveränität zurückholen muss von einem gesichtslosen, bürokratischen Brüsseler Apparat, der ihm als undemokratisch empfundene, in intransparenten Kungelrunden abgekartete Vorschriften machte.

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Was hatte die Remain-Kampagne dieser Erzählung entgegenzusetzen? Nur nüchterne Fakten. Großbritannien würde wirtschaftlich leiden. Europa könne im globalen Wettbewerb nur geeint bestehen. Ja, alles richtig, aber kühl und abstrakt.

Schon sehen sich die EU-Gegner anderer Mitgliedstaaten im Aufwind. In den Niederlanden und Frankreich wurden bereits in den frühen Morgenstunden Rufe nach eigenen Referenden laut. Es werden nicht die einzigen bleiben.

Um solche Pläne zu bekämpfen, soll jetzt an den Briten ein Exempel statuiert werden: Kein Entgegenkommen mehr, die Zeit der Extrawürste ist vorbei. Es soll sich bloß niemand vom britischen Beispiel ermuntert fühlen.

Eine solche Bestrafungsaktion zur Abschreckung weiterer Austrittswilliger wäre allerdings kaum zielführend. Die EU wird kaum als Zwangsgemeinschaft überleben können, in der man nur aus Angst Mitglied bleibt.

Jetzt ist nicht die Zeit, beleidigte Racheschwüre über den Kanal zu rufen. Die Briten sind weg, das ist bitter. Aber sie haben sich demokratisch dafür entschieden, die Union zu verlassen - das ist zu akzeptieren. Großbritannien ist ab heute nicht mehr wichtig für die Zukunft der EU.

Europäische Einigung ist einzige Garantie für dauerhaften Frieden

In den Fokus aller europäischen Anstrengungen müssen jetzt vielmehr alle anderen europäischen Staaten, Bürgerinnen und Bürger kommen. Sie müssen von Herzen davon überzeugt werden und sein, dass die Union die beste aller möglichen Formen ihrer Selbstorganisation ist. Für diese Überzeugung muss die EU demokratischer werden, transparenter, weniger bürokratisch - das ist offensichtlich.

Reaktionen auf den Brexit:

"Europa wird jetzt zusammenstehen"

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Vor allem aber muss sich endlich eine europäische Emotion entwickeln, die stärker ist als alle nationalen Erzählungen. In Europa, auch in Deutschland, hat man sich abgewöhnt, mit Pathos von der EU zu sprechen. Die Kriegsgeschichten der Gründergeneration, so kann man immer wieder hören, tragen nicht mehr als Begründung für einen geeinten Kontinent. Freier Handel offensichtlich auch nicht: Eine Wirtschaftsgemeinschaft ist nun mal keine Liebesbeziehung. Niemand geht für sie stundenlang durch den Regen.

Wenn es jedoch nur eine einzige Begründung für den Fortbestand der Europäischen Union geben sollte, dann ist es genau die ursprüngliche: Die europäische Einigung, die immer stärkere Verflechtung dieser so unterschiedlichen und doch eng verwandten Nationen, ist die einzige Garantie für dauerhaften Frieden.

Keep calm and Euro on? Bloß nicht

Wir haben uns so sehr an unseren aus der Stabilität geborenen Wohlstand gewöhnt, dass wir uns gar nicht mehr vorstellen können, dass es noch einmal anders kommen könnte. Gerät aber der Krieg in Vergessenheit, ist seine Möglichkeit damit nicht gebannt - ganz im Gegenteil: Das Wiederaufkommen nationaler Egoismen ist der erste Schritt hin zu einer Zersplitterung, die Auseinandersetzungen erst wieder denkbar macht.

Keep calm and Euro on? Bloß nicht. Der britische Austritt muss der Anlass dafür sein, dass sich die Bürgerinnen und Bürger der verbliebenen Union mit aller Dramatik bewusst machen, warum es wichtig ist, zusammenzustehen - obwohl und gerade weil es so schwierig ist, sich ständig abzustimmen und Rücksicht zu nehmen auf die Interessen der anderen.

Sollte dieser Bewusstseinswandel gelingen, dann war der Brexit nicht mehr als ein irritierender, aber doch heilsamer Schock. Sollte er ausbleiben, dann wird dieser Freitag als finsteres Datum in die Geschichte eingehen: Als der Tag, an dem Europa begann, zu zerbrechen.

Videokommentar: "Jetzt muss die EU erst recht zusammenwachsen"

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Seite 1
Reziprozität 24.06.2016
1. Danke, Herr Kuzmany!
"Jetzt ist nicht die Zeit, beleidigte Racheschwüre über den Kanal zu rufen. Die Briten sind weg, das ist bitter. Aber sie haben sich demokratisch dafür entschieden, die Union zu verlassen - das ist zu akzeptieren." Danke für diese ausgewogene Meinungsäusserung!
schnurre64 24.06.2016
2.
Selbstverständlich muss die Idee "EUROPA" weiterhin Bestand haben (70 Jahre Frieden !!!!!!!!). Der Mühlstein um den Hals dieses Projekts ist allerdings die Brüsseler Administration (insbesondere das Konstrukt "Kommissionen"). Sollte letztere nicht grundlegend konzeptionell umgestaltet (d.h. stärker demokratisch legitimiert) werden, sind weitere Austritte zumindest in der Diskussion
Bruzzel 24.06.2016
3. Wir wäre es denn...
...wenn die Damen und Herren Politiker den Austritt Goßbritanniens endlich als das begreifen, was er wohl auch ist ? Ein ordentlichen Watschen ins Gesicht derer, die denken, sie müssten ihrem Volk nicht mehr erklären, warum die europäische Einigung DIE Errungenschaft des 20.Jahrhunderts ist. WIR sind das Volk. Und WIR möchten verstehen, was uns die EU bringt. Im Positiven und vor allem im Negativen. Ich bin glühender Europäer. Ich will nie zurück in die Zeit der Grenzen und Feindschaften. Ich weiß, warum ich Europa liebe. Aber liebe ich die EU ?
Dengar 24.06.2016
4. Europa der Eliten
Es sind unsere "Eliten", die das Projekt EU vor die Wand fahren. Solange nur auf Wirtschaftsdaten geachtet wird, die Lebensrealität eines zunehmenden Teils der Bevölkerung aber ausgeblendet wird, wird ein "Weiter so" immer mehr Menschen aus der scheinbaren Alternativlosigkeit in die Arme von Rattenfängern treiben. Oliver Nachtwey beschreibt das hier sehr schön: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/soziale-ungleichheit-gesellschaft-des-abstiegs-und-der-prekaritaet-14281707.html
geschwafelablehner 24.06.2016
5. Hoffnung
Nach dem Brexit besteht die Hoffnung auf eine Änderung der EU: Im Sinne, dass nicht weiter versucht wird, die Mitgliedsstaaten zu Sachen zu zwingen, die den eigenen Interessen zuwider laufen: Sanktionen die die eigene Wirtschaft schwächen, Handelsverträge die die eigenen Gesetze aushebeln oder neue demokratische Gesetze verhindern; außerdem sollen ja jetzt angeblich die Preise wegen der zusätzlichen Zölle für britische Waren steigen, so dass Draghi nicht mehr den Markt mit zusätzlichem Geld zuspammen müsste wobei er stattdessen die Immobilienblase und die Aktienblase anheizt; Ich fürchte allerdings, dass alles genauso weitergeht wie bisher...
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