Britische Pressestimmen zur Brexit-Entwicklung "No. No. No. No. No. No. No. No."

Das britische Parlament hat sich mehrfach gegen Theresa Mays Brexit-Deal gestellt. Nun aber stimmte das Unterhaus auch gegen sämtliche Alternativen. Die britische Presse reagiert scharf und spöttisch.

Jessica Taylor/DPA

Im Streit um den Brexit ist schon lange klar, was das britische Unterhaus nicht möchte: das Abkommen, das Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelt hat. Jetzt also bekam das Parlament seine Chance, selbst die Richtung vorzugeben. Die Abgeordneten stimmten über acht mögliche Alternativen ab, um herauszufinden, welche von ihnen eine Mehrheit erreichen könnte. Das Ergebnis: Das Parlament lehnte alle acht Möglichkeiten ab.

Ein zweites Referendum? Ein Brexit ohne Deal? Ein Rückzug vom Brexit? Die verschiedensten Szenarien standen am Mittwochabend zur Auswahl. Keines erreichte eine Mehrheit. Und so ist Großbritannien, einen Tag vor dem eigentlichen Austrittsdatum, immer noch nicht weiter. May hat mittlerweile ihren Rücktritt angeboten, sollten die Abgeordneten ihr Abkommen doch noch absegnen. Ob dieser Schritt allerdings ausreicht, ist weiterhin genauso offen wie die Frage, wie es nun weitergeht.

Die britische Presse reagiert entsprechend scharf oder spöttisch auf die jüngsten Entwicklungen:

"The Guardian" titelt am Donnerstagmorgen: "Das Parlament hat endlich das Wort: Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein." Ein Nein also für jede abgelehnte Option. Außerdem schreibt die Zeitung in einem Kommentar: "Wie so oft wissen wir letztendlich weniger als zu dem Zeitpunkt, an dem wir angefangen haben." Man könne jetzt nur darauf hoffen, "dass wir aufwachen und merken, dass wir in die neunte Staffel von Dallas geworfen worden sind und dass die vergangenen Jahre einfach nur ein schlechter Traum waren. Stellen Sie sich vor, wie gut sich das anfühlen würde."

Die BBC schreibt: Wenn es nach dem Willen des Parlaments gehe und nicht nach dem der Premierministerin, dann ist "eine schnelle Lösung jetzt außer Reichweite". Und weiter: "Für unsere Politik, für Unternehmen, die versuchen, Entscheidungen zu treffen, sind die Spaltung und die Spannungen innerhalb der Regierung und zwischen der Regierung und dem Parlament zu tiefgründig, um diesen Zwischenstatus zu beenden."

Aber auch an May gibt es erneut Kritik - trotz ihres Angebots, zurückzutreten. Die Premierministern habe sich schlicht "dem Unvermeidbaren gebeugt", schreibt die "Times". Und weiter: "Sie war unbeweglich, als Flexibilität erforderlich war. Sie war geheimniskrämerisch, als sie offen hätte sein sollen. Sie hat sich auf Tricksereien verlassen, als Aufrichtigkeit angebracht war. Sie erwies sich als unfähig, ihren eigenen Plan zu verkaufen. Am Ende hatte sie das Vertrauen aller verspielt, deren Unterstützung sie brauchte - ihres Kabinetts, ihrer Partei, des Parlaments und der EU."

Unterstützung für May gab es vom "Daily Express", der von einem "besonderen Akt eines politischen Opfers" spricht. Die Zeitung titelt: "Was soll sie noch mehr tun?"

Zu den Abstimmungen im Parlament wiederum schreibt der "Daily Mirror": "Die Abgeordneten stimmten darüber ab, was für einen Brexit sie wollen - und entschieden, dass sie überhaupt nichts wollen." Die jüngsten Entwicklungen fasste die Zeitung letztlich in einer Frage zusammen: "Was zur Hölle ist gerade passiert und was passiert jetzt?" Gerade der zweite Teil der Frage muss mit Blick auf eine langfristige Perspektive nach dem erneuten Chaos erst einmal unbeantwortet bleiben.

aev/dpa



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