Brexit-Gegner in Großbritannien Zum Siegen zu nett

Verabschieden sich die Briten aus der EU, sind auch die zahnlosen Befürworter des Verbleibs schuld. Die Gegenseite verbreitet Horrorvisionen, sie nur brave Fakten ohne Esprit. Ein Besuch.

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Aus London berichten und  (Video)


London, gängigstes Klischee: Der Himmel ist grau, es nieselt.

Es könnte ein Symbol für die Strahlkraft derjenigen sein, die stoisch für den Verbleib Großbritanniens in der EU werben. Sie sehen keine Sonne.

"Vote remain", stimmt für den Verbleib, rufen die freiwilligen Helfer der "Britain Stronger in Europe"-Kampagne, kurz BSE. Ihr Tapeziertisch steht vor der U-Bahn-Station "Russell Square" in London aufgebaut.

Sie haben ein Transparent dabei, auch darauf steht "vote remain", aber der kalte Wind hat es so verdreht, dass man es nicht lesen kann. Es ist kurz nach Feierabend, die Leute eilen aus der U-Bahn, nur wenige lassen sich Aufkleber an- oder Flyer zustecken, kaum jemand bleibt stehen.

Die Aufgabe der freiwilligen Helfer ist trist. Sie sollen Werbung für ein Produkt machen, das in Großbritannien traditionell auf wenig Begeisterung stößt: Europa. Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib in der Europäischen Union ab. Umfragen sagen ein knappes Ergebnis voraus, zuletzt legten die Brexit-Befürworter zu.

Die Helfer des sogenannten Bremain-Lagers haben noch rund zwei Wochen Zeit, die Briten von ihren Argumenten zu überzeugen. Eine von ihnen ist Hannah Philipps, 27. Sie trägt ein T-Shirt, auf dem "I'm in" steht, um ihren Hals hängt eine "Winner"-Medaille. "Ich will lieber mit den Nachbarländern zusammenarbeiten als alleine dazustehen", sagt sie.

Hannah hat European Studies studiert und arbeitet nun im Regierungsviertel, am Empfang einer Nichtregierungsorganisation. Seit Januar verteilt sie Flugblätter für die BSE-Kampagne, mittlerweile ist sie jeden Tag im Einsatz, zumindest für ein paar Stunden. "Ich habe nicht nur in Birmingham studiert, sondern auch in Straßburg", sagt Hannah. "Ich will, dass junge Briten weiterhin solche Möglichkeiten bekommen."

Sie kämpft hier zusammen mit Leuten wie Frank Baldwin, 60, dessen Vater im Zweiten Weltkrieg in der Normandie gegen das Hitler-Regime kämpfte, und der sich nun um den Frieden in Europa sorgt. Und mit Antony So, 30, der extra seinen Job in Brüssel kündigte, um sich in seiner Heimat gegen den Brexit zu engagieren.

In der heißen Phase vor der Abstimmung finden allein an einem Wochenende etwa 1300 Events von "Britain Stronger in Europe" in Großbritannien statt. Offiziell werden von der Kampagne keine Zahlen genannt, laut "The Times" verteilen ihre Helfer mehr als eine Million Flugblätter pro Woche. Und dennoch fällt es ihnen schwer, gegen die laute, aggressive Kampagne "Vote Leave" der Brexit-Befürworter anzukommen.

SPIEGEL ONLINE hat Philip Richmond, 54, einen Tag lang bei seiner Bremain-Aktivität begleitet - hier das Video

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Bis zu sieben Millionen Pfund dürfen BSE und die Gegenkampagne nach den Auflagen der Wahlkommission jeweils für den Wahlkampf ausgeben. 600.000 Pfund öffentliche Fördermittel und kostenfreie Sendeplätze für TV-Spots stehen bereit. Organisiert wird die Graswurzel-Kampagne der Bremain-Fraktion aber von den Freiwilligen selbst.

Die In-Kampagne will vor allem junge Wähler erreichen. Umfragen zufolge sind sie inhaltlich überwiegend proeuropäisch eingestellt. Das Problem dabei: Die Studenten haben gerade Semesterferien. Sie registrieren sich zumeist im Ort ihrer Universität, dort sind sie jedoch nicht immer zum Zeitpunkt der Wahl. Vielleicht sind sie im Urlaub oder beim Glastonbury-Festival, wie etwa 150.000 andere Besucher auch.

Entscheidend wird beim Referendum vor allem sein, wie viele Wahlberechtigte ihre Stimme abgeben. Viele sind noch unentschlossen. 16 Prozent der 18- bis 24-Jährigen gaben laut dem Umfrageinstitut YouGov an, sich noch nicht entschieden zu haben.

Vielleicht liegt das auch an der Pro-EU-Kampagne, die einfach nicht mitreißen will: Sie argumentiert mit Fakten und wirkt dabei farblos. "Die Rechte von Arbeitern werden durch EU-Gesetze geschützt", heißt es auf den BSE-Flyern. Oder: "Neue EU-Limits bedeuten günstigere Mobilfunk-Nutzung in Europa". Knackige Slogans klingen anders.

"Die EU kostet 350 Millionen Euro pro Woche - genug, um jede Woche ein brandneues Krankenhaus samt Fachpersonal zu bauen", heißt es bei "Vote leave". Oder: "Lasst uns die Kontrolle über unsere Grenzen zurückerlangen." Großbritannien könne nicht einmal verurteilte Straftäter oder Terroristen davon abhalten, aus der EU in das Land einzureisen - und daran sei der Europäische Gerichtshof Schuld.

Laute Töne kommen auch von Boris Johnson. Dem "Sunday Telegraph" sagte der frühere Bürgermeister von London und Brexit-Befürworter, die EU strebe einen europäischen Superstaat an: "Napoleon, Hitler, diverse Leute haben das versucht, und es endete tragisch." Rechtspopulist Nigel Farage poltert auf Twitter: "EU-Mitgliedschaft bedeutet Hunderte Millionen von Menschen mit EU-Pässen, die nach Großbritannien kommen dürfen."

Es ist schwierig, gegen solche Horrorszenarien mit rationalen Argumenten durchzudringen. Der neue Londoner Bürgermeister versucht es dennoch. Sadiq Khan hat an einem Mittwoch Ende Mai ins "Second Home" geladen, einen sogenannten Hub, in dem sich IT-Start-ups ihre Büros teilen. Über ihm schweben eine futuristische Ufo-ähnliche Konstruktion aus Papier. Vor ihm sitzen Künstlerinnen mit rotem Lippenstift und bärtige Programmierer.

Das Land werde beim Referendum die wichtigste Entscheidung der vergangenen Jahrzehnte treffen, sagt Khan, der erste muslimische Bürgermeister der Hauptstadt: "In der EU zu bleiben ist die beste Wahl für die britischen Herzen und für unsere Köpfe." London habe seine pakistanischen Eltern einst als Einwanderer mit offenen Armen empfangen, sagt er.

"Ich glaube, es ist patriotischer, in der EU zu bleiben", lautet seine Botschaft. Die Hipster applaudieren. "Ich bitte jeden jungen Menschen dringend, sich zu registrieren und wählen zu gehen."

Londons Bürgermeister Sadig Khan mit einer emotionalen Rede zum Verbleib Großbritanniens in der EU - hier das Video.

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Die Diskussion verlaufe auf beiden Seiten zu negativ, sagt Khan - auch die zahme In-Kampagne. "Die Debatte wird von potenziellen Risiken dominiert: Es sei das Ende aller Zeiten, wenn Großbritannien aus der EU austritt, sagen die einen. Oder: Das Land wird schwächer, wenn wir bleiben", sagt Khan über die "Vote leave" und BSE. Doch beide "Horrorvisionen" seien falsch, sagt er. Er wünscht sich eine positive Botschaft.

Doch wen meint er damit in den eigenen Reihen? Vielleicht Ed Miliband, der Ex-Labour-Kandidat, der bei der Parlamentswahl 2015 scheiterte, und der nun zaghaft vor der "Engstirnigkeit" des "Leave"-Lagers warnt. Oder Jeremy Corbyn, der sich zähneknirschend auf die Seite des konservativen Premiers David Cameron schlug, der vor einem Hype um das Referendum warnt und neuerdings das Potenzial der EU lobt.

Vermutlich meint Khan eher Premier Cameron selbst. Der Regierungschef warnt immer wieder vor den "furchtbaren" wirtschaftlichen Folgen eines Brexits. Und er weist die Studenten auf die Einschränkungen hin, die ein Brexit mit sich brächte. Eine Angstkampagne sei das, sagen Kritiker.

Vielleicht meint Khan aber auch auch "Stronger In"-Freiwillige wie Ben Datnow, 35, oder Jonathan J.G. Lewin. Je länger sie vor der U-Bahn-Station an der Bernard Street unbeachtet im Regen stehen, desto lauter rufen sie den Vorbeigehenden ihr "Remain!" entgegen. Das aber macht die Passanten nicht aufgeschlossener für ihre Botschaft, auch mit mehr Lautstärke können die beiden EU-Befürworter an diesem Abend die mangelnde Energie ihrer Kampagne nicht ausgleichen.

insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
abcd63 09.06.2016
1. Panik vor dem Brexit
Oh Wunder, auch nach einem Brexit wird GB weiter in Europa liegen. Die EU bietet mit dem "Steueroptimierer" Junckers an der Spitze und dem Goldman sachs- Mann Draghi als Finanzierer doch selbst genug Arumente für einen Austritt.
ulfD 09.06.2016
2.
Die Engländer tun gut daran der Chaostruppe in Brüssel den Rücken zu zu kehren. Das machen bald alle die noch was haben und Deutschland steht dann als alleiniger Zahlmeister da und übernimmt gerne freudestrahelnd und stolz die Zeche. Ganz wie früher der reiche arrogante Typ ohne Freunde zu dem man nett war solange er alles bezahlt hat dafür hat man auch seine Klugscheißersprüche ertragen.....
Roland Bender 09.06.2016
3. Der Brexit ist gelaufen
Ich habe mir in den letzten Wochen mal die Stimmung in den sozialen Netzwerken angesehen. Es ist verheerend. Es gibt kaum Stimmen von Befürwortern. Wer mal einen Eindruck bekommen möchte, sollte sich das verheerend manipulativ gemachte Machwerk: Brexit - The Movie in Youtube ansehen und die Kommentare dazu lesen. Dabei ist das nicht verwunderlich. Jahrzehntelang hat England alle Probleme (auch die verursacht durch eigene Fehler) nach Brüssel geschoben und alle Erfolge für sich selbst vereinnahmt. Deshalb können die Befürworter auch nicht gut umsteuern. Es war ja so bequem aber man möchte ja nicht an die eigenen Worte von Gestern erinnert werden. Deshalb hat die Regierung sich nun auf unspezifische Horrorszenarien verlagert, die kaum glaubhaft sind und von den Brexit-Fans als "Project Fear" gebranntmarkt werden. Die Unselige Einwanderungsdebatte ist völliger Unsinn. Die wurde in erster Linie dadurch verursacht, dass der damalige englische Premier Blair die Grenzen zu Osteuropa sofort aufgemacht hat, wogegen Deutschland und Frankreich bspw. den eigenen Arbeitsmarkt für sieben Jahre gesperrt haben. Die Fehler wurden von britischen Politikern gemacht aber verantwortlich machen die Engländer die EU und Brüssel. Es ist schade um die Briten aber ich denke, wir sollten uns an den Gedanken gewöhnen, dass das Kapitel vorbei ist. Deutschland sollte sich darauf konzentrieren, die Rest-EU beisammen zu halten und zu stabilisieren.
rst2010 09.06.2016
4. lasst sie machen,
dann wird für uns biliger. oder?
ulfD 09.06.2016
5.
Sie übersehen das die Briten mit einem Exit auch indirekt gegen TTIP stimmen welches uns den Boden unter den Füßen wegziehen wird auch die nächste Eurokriese steht bald ins Haus also die EU wird bald keine Kohle mehr übrig haben um Straßen zu finanzieren es wird bald Europaweit ein knüppelharter Kampf ums Überleben geben.
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