Brexit-Folgen Das Ende des Empire-Gefühls

Der Brexit weckt bei manchen Briten Träume von einem "Empire 2.0". Die übersteigerten Erwartungen belasten nicht nur die Austrittsverhandlungen: Auf der Insel droht ein Gefühl nationaler Demütigung.

Regen in London: Brexit lässt manche Briten von neuer nationaler Größe träumen
AFP

Regen in London: Brexit lässt manche Briten von neuer nationaler Größe träumen

Eine Analyse von , Brüssel


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"Mein Gott, es ist alles vorbei!" soll Premierminister Lord North gerufen haben, als er im Herbst 1781 von der Niederlage der britischen Truppen bei Yorktown erfuhr. Wenig später hatte Großbritannien seine nordamerikanischen Kolonien verloren. Es war der Beginn jener Empire-Nostalgie, die 235 Jahre später entscheidend zum Ausstieg der Briten aus der EU beitragen sollte - und die jetzt dazu führen könnte, dass die Verhandlungen über den Brexit im Desaster enden.

Denn die eigentlichen Verhandlungspartner der britischen Regierung sitzen nicht in Brüssel, sondern in London: die Boulevardpresse und die Brexit-Hardliner, die den EU-Ausstieg mit völlig unrealistischen Versprechen aufgeladen haben - und jetzt alle, die gegen einen harten Brexit sind, in die Nähe von Volksverrätern rücken.

Befreit von den Fesseln der EU, so das Argument der Brexiteers, warte eine goldene Zukunft auf Großbritannien, getragen vom Handel etwa mit den Commonwealth-Staaten. Doch die Vision des "Global Britain", die Premierministerin Theresa May in ihrer Brexit-Grundsatzrede im Januar entworfen hat, steckt voller Widersprüche. Richtig ist, dass die britische Wirtschaft massiv von ausländischen Investitionen und Fachkräften abhängt. Doch die Hauptmotive des Brexits waren die Furcht vor der Globalisierung, die strikte Begrenzung der Einwanderung von Arbeitskräften und die Loslösung von internationalen Regeln. Die simple Wahrheit ist, dass Großbritannien beim Abschluss neuer Handelsverträge Einwanderung akzeptieren und neue Regeln wird befolgen müssen.

Das Imperium kommt zurück?

Und selbst das setzt voraus, dass es den Briten überhaupt gelingt, in Windeseile Partner in aller Welt zu finden. Glaubt man manchen Londoner Beamten, ist das kein Problem. Manche reden allen Ernstes schon von einem "Empire 2.0", während Handelsminister Liam Fox auf Twitter tönt: "Das Vereinigte Königreich ist eines der wenigen Länder in der EU, die ihre Geschichte im 20. Jahrhundert nicht vergraben müssen." Der "Guardian" sieht darin ein Zeichen für die "arrogante Hybris, die Großbritannien auf die Felsen eines harten Brexits zusteuert".

Eher selten stellen die Brexiteers die Frage, ob die anderen beim "Empire 2.0" überhaupt mitmachen wollen - was freilich ans Empire 1.0 erinnert. Ob ein US-Präsident Donald Trump, laut Selbstdarstellung der härteste Dealmaker unter der Sonne, den Briten eiligst ein Abkommen voller Geschenke darreichen wird, darf zumindest bezweifelt werden. Für Kanada wiederum sind die USA und die EU deutlich wichtigere Handelspartner als Großbritannien. Und vieles deutet darauf hin, dass auch die dynamisch wachsenden Ex-Kolonien in Asien keineswegs servil darauf warten, mit ihren ehemaligen Herren ins Geschäft zu kommen - zumal diese dort nicht unbedingt in bester Erinnerungen sind.

Indien etwa hat zuletzt mehrere bilaterale Abkommen mit London aufgekündigt; der Handel zwischen beiden Ländern ist in den vergangenen fünf Jahren um mehr als zehn Prozent geschrumpft. Ganze 1,7 Prozent der britischen Exporte gehen nach Indien, nur neun Prozent in alle Commonwealth-Staaten zusammen. In Afrika spielt China inzwischen eine bei Weitem größere Rolle, und auch die EU unterhält Freihandelsabkommen mit 32 Commonwealth-Staaten. Diese Länder müssten nach dem Brexit jährlich rund 800 Millionen Euro an zusätzlichen Zöllen zahlen, um auf dem britischen Markt aktiv zu werden. Das restliche Commonwealth, so scheint es, wird auch ganz gut ohne neue Abkommen mit den Briten leben können.

Offener Krieg in Mays Kabinett

Dagegen fließen 44 Prozent der britischen Exporte in die EU - und Premierministerin May ist trotzdem bereit, den Zugang zum EU-Binnenmarkt aufzugeben, um die Zuwanderung begrenzen zu können. Weitere 18 Prozent der britischen Ausfuhren gehen in Staaten, mit denen die EU über Freihandelsabkommen verbunden ist. Die müsste London nach dem Brexit erst einmal neu abschließen - gesetzt den Fall, die Gegenseite hätte überhaupt Interesse an den damit verbundenen jahrelangen Verhandlungen.

Die EU hat im Brexit-Poker in jeder Hinsicht die besseren Karten. Sie ist inhaltlich gut vorbereitet und politisch bisher bemerkenswert einig. Die britische Regierung aber, das haben die Verhandlungen dieser Woche gezeigt, hat offensichtlich in zentralen Fragen noch immer keine klare Strategie - und wo sie eine hat, liegt sie mit der EU über Kreuz. Zugleich toben in Mays Kabinett offene Machtkämpfe zwischen Ministern, die sich Chancen ausrechnen, die nach ihrem Neuwahldesaster schwer angeschlagene Regierungschefin demnächst abzulösen.

Dass unter diesen Umständen bis Ende 2018 ein Abkommen steht, das einen geordneten Brexit garantiert, halten die meisten Insider für schlicht unmöglich. Die EU wird deshalb am Ende wohl großzügige Übergangsfristen gewähren. Das würde zwar einen chaotischen Brexit nebst Rückfall auf WTO-Regeln verhindern - zugleich aber die Zeit der Unsicherheit verlängern, was für die Wirtschaft pures Gift wäre. Und es würde die politische Agonie auf der Insel steigern, denn während einer womöglich jahrelangen Übergangsphase müsste Großbritannien aller Voraussicht nach weiter den Regeln der EU folgen, Zuwanderung von Arbeitskräften inklusive.

Doch egal, wie fair sich die EU und andere gegenüber London verhalten werden: Die vom "Leave"-Lager geweckten Hoffnungen auf ein goldenes Post-Brexit-Zeitalter können nur enttäuscht werden. Der Eindruck einer nationalen Demütigung wird sich auf der Insel deshalb kaum vermeiden lassen. Auf den Wellen, die es einst beherrschte, droht Großbritannien zum einsamen Bittsteller zu werden. Es wäre das endgültige Aus des Empire-Gefühls.

insgesamt 185 Beiträge
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Seite 1
Mertrager 21.07.2017
1. nix Demütigung
Das wäre so, als wollte man Gott demütigen. Klappt nicht. Und ein Abstieg in die Realität wird erst stattfinden, wenn er durch wirtschaftliches Elend erzwungen wird.
nonick93 21.07.2017
2. Propaganda
Ja klar, nationale Demütigung, weil sie ihre Freiheit wieder erlangt haben. Alles klar.
christoph_drenk 21.07.2017
3. Demütigung ?
Die Briten sind dabei sich selber in beide Kniee zu schießen und fühlen sich gedemütigt ? Die Deppen, die den Austritt wollen sollten die Briten in Rente schicken und wieder zur Vernunft kommen. Ansonsten hat "UK" (ohne Schottland) alles verdient ´what they asked for`...
freakout 21.07.2017
4. Pessimistische Analyse
doch ich denke es wird noch schlimmer kommen. Die Wirtschaft wird schrumpfen und England wird ein Museum.
forumgehts? 21.07.2017
5. Tja,
man wird sich im Noch-UK wohl langsam an den Gedanken gewöhnen müssen, dass das Commonwealth weder common ist noch wealth für GB bedeutet. Vielleicht heisst es sogar bald LB
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