Ex-Geheimdienstchef "Großbritannien erlebt einen politischen Nervenzusammenbruch"

Die Tory-Spitzenkandidaten ohne Format, der Ruf des Landes international beschädigt: John Sawers, Ex-Chef des britischen Geheimdienstes MI6, hat in einem Interview mit den Brexit-Akteuren abgerechnet.

Ex-Geheimdienstler John Sawers geht mit der britischen Staatsführung hart ins Gericht (Archivfoto)
REUTERS

Ex-Geheimdienstler John Sawers geht mit der britischen Staatsführung hart ins Gericht (Archivfoto)


Sir John macht sich Sorgen. Der Brexit, die handelnden Politiker in Regierung und Opposition, der Wirtschaft: Seine Befürchtungen sind so groß, dass sich John Sawers, früherer Chef des britischen Geheimdienstes MI6, in einem BBC-Interview an die Öffentlichkeit wandte - und kräftig austeilte.

Großbritannien erlebe gerade einen "politischen Nervenzusammenbruch", im Regierungsviertel gehe die nackte Angst vor dem Brexit um, sagte John Sawers im Gespräch mit der BBC-Sendung "Today". Die Brexit-Debatte habe das Land gespalten, der internationale Ruf Großbritanniens sei beschädigt.

Weder Regierung noch Opposition hätten das passende Personal, um angemessen auf die Krise reagieren zu können, so Sawers und bezog sich dabei unter anderem auf Boris Johnson und Jeremy Hunt, die gerade um die Tory-Parteiführung und damit auch um die May-Nachfolge als Premierminister konkurrieren.

Man müsse abwarten, ob der neue Premierminister - wer auch immer das werde - die notwendigen Kompetenzen noch entwickeln könne. Sawers begründete seine Wortmeldung damit, dass es nicht verwunderlich sei, wenn sich "Menschen, die sich den Interessen des Landes verschrieben haben", Sorgen darüber machten, wohin sich Großbritannien entwickelt.

Die kritisierten Spitzenpolitiker äußerten sich zunächst nicht zu den Vorwürfen. Aus dem Umfeld von Ex-Außenminister Boris Johnson hieß es jedoch süffisant, der Nervenzusammenbruch stehe wohl eher dem Ex-Geheimdienstler bevor: Sawers sei offenbar von den demokratischen Prozessen erschreckt worden, die im Brexit ihren Niederschlag fänden.

him

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Stäffelesrutscher 06.07.2019
1.
Tja, da hätten sich die Geheimdienste rechtzeitig mit den Hochverrätern um Farage und Johnson befassen müssen ...
Atheist_Crusader 06.07.2019
2.
"Die kritisierten Spitzenpolitiker äußerten sich zunächst nicht zu den Vorwürfen. Aus dem Umfeld von Ex-Außenminister Boris Johnson hieß es jedoch süffisant, der Nervenzusammenbruch stehe wohl eher dem Ex-Geheimdienstler bevor: Sawers sei offenbar von den demokratischen Prozessen erschreckt worden, die im Brexit ihren Niederschlag fänden." Eeeegh. Die Kunst der geistreichen Erwiderung ist wohl tot. Erinnert mich an diesen wie-hieß-er-noch-Bubi von der CDU, der sein Antwortvideo auf das Rezo-Video mit den Worten "Na Rezo, Du alter Zerstörer..." beginnen wollte und sich dabei für seine eigene Brillianz gefeiert hat. Und es sollte einen durchaus erschrecken wie hier schlechte Demokratie betrieben wurde: 1. Man hat die Bürger eine Entscheidung treffen lassen, die in ihren Umfang und Folgen so komplex ist, dass sie ganz einfach nicht in Laienhände gehört. 2. Man hat die Entscheidung um einen gravierenden Kurswechsel für die Zukunft des Landes mit einer hauchdünnen Mehrheit gewinnbar gemacht. Derart einschneidende Änderungen benötigen üblicherweise mehr als eine simple Mehrheit. 3. Anschließend hat man das Ganze dann noch als politisches Manöver ohne Not für bindend erklärt. 4. Die komplette Kampagne war von Lügen und Fehlinformationen gezeichnet (und von der jahrzehntelangen Tradition der Anti-EU-Hetze gewisser Personen, Parteien und Medienorgane fange ich mal gar nicht an), primär (aber nicht ausschließlich) auf der Leave-Seite. 5. Es wurden Versprechungen gemacht, die schon wenige Stunden nach Verkündung des Wahlergebnisses als Lügen eingestanden wurden. 6. Gute zweieinhalb Jahre hat man weitgehend ergebnislos um den Austritt verhandelt, weil man den eigenen Lügen über die eigene Überlegenheit aufgesessen war. Die EU hat zahllose verschiedene Optionen angeboten, aber nichts davon war gut genug, London wollte Vorteile ohne Nachteile - dass Brüssel sich das nicht bieten lassen würde, hätte jeder Idiot voraussehen können. 7. Als es dann endlich ein Austrittsabkommen gab, wurde es wiederholt abgelehnt. Das britische Parlament hat jedes bisherige Abkommen abgelehnt, aber gleichzeiti auch einen Brexit ohne Abkommen ausgeschlossen. Sprich: Es gibt eine Mehrheit gegen alles aber für nichts. 8. Keine große Partei hat den Mut zu sagen: "Wir schießen uns hier gerade in den eigenen Fuß. Mit einer Artilleriehaubitze. Und selbst dabei haben wir Probleme zu treffen. Lasst uns diesen ganzen Schwachsinn abbrechen oder zumindest mal das Volk fragen ob sie nach fast drei Jahren immer noch das hier wollen.". 9. Stattdessen wird jetzt einer der größten Lügner und Mit-Instigatoren der Krise vermutlich der nächste Premierminister. Und da die Leaver so gerne über angeblich ungewählte EU-Bürokraten schwadronieren, möchte ich einfach mal anemerken, dass das Volk hierbei nichts zu sagen hat. Ja, das kann einen schon erschrecken, denn das ist Demokratie von ihrer schlimmsten, dümmsten, kleinkariertesten, arrogantesten und peinlichsten Seite. Respekt vor Demokratie beinhaltet weit mehr als darauf zu beharren dass man seinen Willen bekommen sollte weil man eine Abstimmung gewonnen hat.
Haarfoen 06.07.2019
3.
"The differene between stupidity an intelligence is, that intelligence knows abouts its limits".
derhey 06.07.2019
4. Wirklich?
Sind die Unterschiede des Personals in Washington, Brüssel, Berlin, Rom etc wirklich so groß?
christof3709 06.07.2019
5. Kriminelle
Diese Leute zerstören bewusst das große Bret annien, allerdings steht die Hälfte der Bevölkerung hinter ihnen. Alles sehr merkwürdig!!!
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