Europäer in Großbritannien, Briten in der EU Fünf Millionen Mal Angst

Millionen EU-Bürger leben in Großbritannien, ebenso wie Briten in Europa. Das Brexit-Chaos zwingt sie in einen quälenden Schwebezustand. Nun haben sie genug - und fordern eine Befreiung "aus der Geiselhaft".
Anti-Brexit-Protest in Florenz (Archivbild)

Anti-Brexit-Protest in Florenz (Archivbild)

Foto: ALBERTO PIZZOLI/ AFP

Die knapp fünf Millionen vom Brexit direkt betroffenen EU-Bürger fordern von den Staats- und Regierungschefs der Union ein Ende ihres "Lebens in Angst". Sollte der Europäische Rat am Donnerstag den geplanten Abschied des Vereinigten Königreichs um mehrere Monate oder gar Jahre verschieben, blieben sie in einem rechtlichen Schwebezustand. So steht es in einem Brief der Bürgervertreter an EU-Ratspräsident Donald Tusk. "Das ist für uns schlicht inakzeptabel."

"Die Nerven liegen blank", sagte Maike Bohn am Montag dem SPIEGEL. Bohn ist Sprecherin der Initiative "the3million", die die Interessen der etwa dreieinhalb Millionen EU-Bürger in Großbritannien und Nordirland vertritt. Gemeinsam mit ihrer Partner-Initiative "British in Europe" versucht die Gruppe seit fast zwei Jahren, die rechtlichen, finanziellen und sozialen Folgen des Brexit für betroffene Bürger abzufedern.

Maike Bohn

Maike Bohn

Foto: Andrea Artz

Zwar haben sich London und Brüssel im Grundsatz darauf geeinigt, den über ganz Europa verstreuten Auswanderern auch nach dem Brexit fast alle bestehenden Rechte lebenslang zu garantieren. Ob und wann das britische Parlament das verhandelte Austrittsabkommen annehmen wird, ist jedoch weiterhin völlig unklar. Ein dritter Anlauf von Premierministerin Theresa May ist für diese Woche geplant, könnte aber mangels Erfolgsaussichten noch gekippt werden. Am Montag äußerte sich Unterhaussprecher John Bercow bereits ziemlich eindeutig. May wird aber so oder so auf der EU-Ratssitzung am Donnerstag eine Verlängerung der Brexit-Frist beantragen.

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"Wir werden bei all dem vergessen", sagt Maike Bohn. Rund 1000 Tage nach dem Brexit-Referendum häuften sich unter den Auswanderern beiderseits des Ärmelkanals Berichte über Panikattacken und Depressionen. Probleme mit Hypotheken und am Arbeitsplatz nähmen zu. In Großbritannien habe jeder fünfte Vermieter in Umfragen angegeben, Wohnungen nicht mehr an EU-Bürger abzugeben. "Viele haben auch wahnsinnige Angst um ihre künftige medizinische Versorgung" - vereinzelt hätten sich Menschen deshalb sogar an Sterbehilfeorganisationen in der Schweiz gewandt. "Da mag manches übertrieben sein", sagt Bohn, "aber das zeigt, wie groß die Angst ist."

Donald Tusk, Theresa May (Archivbild)

Donald Tusk, Theresa May (Archivbild)

Foto: POOL New/ REUTERS

"British in Europe" und "the3million" fordern seit Monaten, dass ihre Rechtsgarantien vom Austrittsabkommen abgespalten und unabhängig vom Ausgang des Brexit-Chaos vereinbart werden sollten. In einem ungewöhnlichen Schritt stellte sich das britische Parlament Ende Februar hinter diese Forderung und fügte Premierministerin May eine weitere Niederlage zu.

Die EU-Kommission weigerte sich anschließend jedoch, darauf einzugehen. "Wir werden keine Mini-Deals verhandeln", befand deren Sprecherin Mina Andreeva, denn das bedeute, "dass die Verhandlungen gescheitert sind". In Einzelgesprächen mit verschiedenen EU-Staaten wiesen diese stets darauf hin, das Austrittsabkommen müsse in Gänze beschlossen werden. Es könne keine Rosinenpickerei geben, sagt Bohn. "Wir sind aber keine Rosinen, wir sind keine Autoteile, wir sind Menschen."

Bereits am 26. Februar wandten sich "the3million" daher in einem Schreiben an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Diese habe "in einer heiklen Zeit" für Europa, während der sogenannten Flüchtlingskrise, schon einmal "Menschlichkeit und Bürgernähe gezeigt". Nun "bitten wir Sie, uns Menschen vom Verhandlungstisch zu nehmen". Der Brief blieb bis heute ohne Antwort.

Zukunftsplanung ist so nicht möglich

Dasselbe gilt für das Schreiben an Ratspräsident Tusk, das dem SPIEGEL vorliegt. "Wir wollen jetzt endlich aus der Geiselhaft befreit werden", heißt es darin. Das Ratstreffen am Donnerstag biete die Gelegenheit dazu. Dort müssten die 27 Staats- und Regierungschefs der EU-Kommission das Mandat erteilen, im Fall gescheiterter Verhandlungen mit London ein Abkommen über die Rechte der fast fünf Millionen Bürger zu schließen. Zudem müsse sichergestellt werden, dass dafür ausreichend Zeit bleibt. "Der einzige Weg, uns angemessen zu schützen, ist über einen internationalen Vertrag."

Ein alle EU-Bürger einschließendes Abkommen könne jedoch nur auf den Weg gebracht werden, solange das Vereinigte Königreich noch EU-Mitglied sei, so Bohn. Gelinge das nicht und sollten die Brexit-Verhandlungen kollabieren, würden anschließend 28 nationale Parlamente eigenständig über das Schicksal der Auswanderer befinden - mit allen rechtlichen Unwägbarkeiten. "Wie fünf Millionen Menschen unter diesen Umständen ihre Zukunft planen sollen, ist uns schleierhaft."

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