Brexit-Wahlkampf nach Mord an Jo Cox Die Zwangsentgiftung

Nur noch vier Tage: Dann stimmen die Briten über den Brexit ab. Die EU-Gegner brauchen einen starken Endspurt. Doch ihre radikale Rhetorik verbietet sich jetzt, nach dem Mord an Jo Cox. Was nun?

Aus London berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ausgerechnet der Labour-Abgeordneten Kate Hoey rutscht das Wort heraus, das die Wahlkämpfer derzeit unbedingt vermeiden wollen - "Hass".

"Am Donnerstag werden Bürger abstimmen, die noch nie zuvor gewählt haben", ruft die Brexit-Befürworterin Hoey: "Bürger, die Politiker hassen." Die Sozialdemokratin merkt sofort, dass sie einen Fehler gemacht hat. "Ich sollte dieses Wort nicht benutzen", versucht Hoey noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist. "Ich meine Menschen, die Politiker nicht mögen."

Die Szene belegt, wie schwer sich britische Politiker tun, die richtigen Worte zu finden, drei Tage nach dem Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox. Noch immer ist unklar, ob der Täter aus rechtsradikalen Motiven gehandelt hat, geistig verwirrt ist - oder beides. Klar ist aber, dass der Mord den Wahlkampf vor dem EU-Referendum verändert hat.

Das gilt vor allem für die Brexit-Befürworter, jene Politiker, die wollen, dass Großbritannien die EU verlässt. In den vergangenen Wochen hatten sie immer schärfere Formulierungen, immer drastischere Aufrufe unter das Volk gebracht. Londons Bürgermeister Sadiq Khan, ein Unterstützer der proeuropäischen Seite, beklagt ein "Umfeld von Hass, Gift, Negativität und Zynismus". Und für dieses Klima machen viele in Großbritannien die Brexit-Kampagne verantwortlich.

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Mord an Politikerin: Tödlicher Angriff in Birstall

Zwei Tage hatten beide Seiten ihren Wahlkampf aus Rücksicht auf die Trauer um Jo Cox ruhen lassen. Am Sonntag versuchten die EU-Gegner einen Neustart. Die Anführer der Kampagne, Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson und Justizminister Michael Gove, luden ihre treuesten Anhänger ins Old Billingsgate nahe dem Tower of London ein, um sie auf den Endspurt einzustimmen.

Dabei zeigte sich das Dilemma, in dem die "Vote Leave"-Kampagne seit Donnerstag steckt. Die aggressive Anti-EU-Rhetorik, die sich konkret gegen politische Eliten und alle proeuropäischen Politiker (dazu gehörte auch Jo Cox) richtet, ist nicht mehr angemessen. Auch schroffe Parolen gegen Einwanderer wirken im aktuellen Klima unpassend.

Auf der anderen Seite war es aber genau diese Strategie, die der "Vote Leave"-Kampagne so viel Unterstützung eingebracht hat. Der Spruch "We want our country back" spiegelt für die meisten, die ins Old Billingsgate an der Themse gekommen sind, ihre Gefühle wider. "Der 23. Juni wird unser Unabhängigkeitstag", hat ein Mann auf seinem T-Shirt stehen.

"Wir müssen rhetorisch abrüsten"

Hoey, Gove und Johnson versuchen es deshalb mit einem Mittelweg. Zunächst betont jeder der drei erst einmal, wie "100-prozentig" er oder sie doch für Zuwanderung sei. Danach versuchen sie den Brückenschlag zum alten Credo: Man müsse die Zuwanderung nun eben stärker steuern, Großbritannien könne seine Grenzen allein viel besser kontrollieren. "Take back control", holt euch die Kontrolle zurück: Allein Johnson, der als möglicher Premierminister im Fall eines Brexit gehandelt wird, nutzt diesen Slogan in seiner zehnminütigen Ansprache viermal.

Dennoch überzeugt sein Auftritt nicht. Johnson und Gove wirken angespannt, den aufmunternden Applaus ihrer Unterstützer scheinen sie kaum wahrzunehmen. Nachdem sie in den vergangenen Wochen immer stärker geworden waren, sehen die aktuellen Umfragen wieder ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Die Brexiteers wüssten, dass sie nach dem Mord an Cox, "ein bisschen vorsichtiger mit ihrer Sprache umgehen müssen", sagt der Politologe John Curtice. Verbalangriffe auf Politiker seien nicht mehr möglich.

Das haben auch die Aktivisten der Kampagne verstanden, die von Haus zu Haus ziehen und für "Leave" werben. "Wir müssen rhetorisch abrüsten", sagt Chris Trotter, ein 26-jähriger Finanzanalyst. Er kommt aus Belfast und arbeitet mittlerweile in der Finanzmetropole London. Der "Remain"-Kampagne wirft er vor, den Mord an Cox zu instrumentalisieren: "Sie versuchen, einen politischen Nutzen daraus zu ziehen, indem sie sagen, wir müssten jetzt alle zusammenstehen." Solche Vorwürfe weist die Gegenseite natürlich empört zurück.

Die Pro-Europäer liegen auf Kurs. Und schauen zu, wie die Brexiteers fieberhaft versuchen, sich mal eben neu zu erfinden.


Zusammengefasst: Der Wahlkampf über den EU-Verbleib hat in Großbritannien wieder eingesetzt. Doch die Brexiteers stehen vor einem großen Problem: Nach dem Mord an Jo Cox können sie ihren bisherigen, aggressiven Kurs nicht halten. Sie versuchen es mit einem Mittelweg, doch so recht scheinen Boris Johnson und die anderen EU-Gegner selbst nicht überzeugt.

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Seite 1
säkularist 19.06.2016
1.
Ich bin etwas zwiegespalten. Einerseits wünsche ich mir einen Verbleib Großbritanniens als korrektiv gegen die Allianz der Transferunion-Befürworter und die Bürokraten-EU. Andererseits gönne ich den Briten aber dennoch die Freiheit.
Sal.Paradies 19.06.2016
2. Sprachrohr der Brexit-Gegner
Ich persönlich würde mir auch wünschen, dass die Briten in der EU verbleiben, was aber noch lange kein Grund darstellt, dermasen einseitig die Leser zu beeinflussen. Ist SPON jetzt schon offiziell das Sprachrohr der Brexit-Gegner? Seit Wochen wird hier ein Gegen-Brexit-Artikel nach dem anderen bei SPON hochgeladen und noch die absurdesten Gründe für einen Verbleib benannt. In meinen ganzen Leben habe ich noch nie ene so einseitige Berichterstattung eines Mediums wie SPOn in Sachen Brexit wahrgenommen und so langsam stellt sich mir die Frage, ob SPON als Informationsmedium für mich weiter relevant ist? Was ihr hier treibt, hat mit sachlichem/seriösem Journalismus nichts mehr gemein, was euch eigentlich selbst längst klar sein sollte. Ihr führt euch hier auf, als wären wir alle fehlgeleitete unaufgeklärte Briten und berichtet sehr viel einseitiger als viele britische Bläter. Euer Verhalten ist einfach nur noch absurd und die Art&Weise, wir ihr euch genehme Themen behandelt, erinnert immer mehr an die Kampfblätter der alten UDSSR. Wir lange soll das eigentlich noch so weiter gehen?Selbst die Bild ist da nicht so einseitig wie ihr und in meinem persönlichem Ranking, was seriösen Journalismus angeht, seid ihr bei mir schon ziemlich weit in den Keller gerutscht.....Schade..eigentlich.... :-(
rloose 19.06.2016
3.
Wenn die Argumentation der Brexit-Befürworter nur aus dumpfen nationalistischen Hetzparolen besteht, bleibt logischerweise nichts mehr übrig, wenn man diese wegläßt.
dachristoph 19.06.2016
4. Sprechen wir doch
offen aus, was viele Menschen denken. Der Mörder hat seinem Ansinnen (Brexit) einen Bärendienst erwiesen. Ich vermute er hat eine große Verantwortung daran, daß GB in der EU bleiben wird. Im Stillen verfluchen ihn alle Politiker, die den Brexit wollen. Ganz nebenbei guter Stoff für Verschwörungstheoretiker.
mkalus 19.06.2016
5. Und das hier....
---Zitat--- "Sie versuchen, einen politischen Nutzen daraus zu ziehen, indem sie sagen, wir müssten jetzt alle zusammenstehen." ---Zitatende--- Zeigt wunderbar warum Leave ein "Problem" hat: Denn es geht hier nur um kurzsichtige Selbstinteressen ohne auch nur ansatzweise zu verstehen das in einer Globalvernetzten Welt ein "Alleine" eben nicht mehr geht. Aber das funktioniert natuerlich wunderbar als Werbeslogan, denn wir sind ja alle einzigartig und wunderbar. Schlimm ist immer nur das Kollektiv und "die anderen". Mal schauen wie die naechsten 4 Tage noch so laufen werden. Popcorn time.
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