Brexit-Hochburg Boston Die gespaltene Stadt

Nirgendwo war die Zustimmung für den Brexit so hoch wie in Boston im Osten Englands. Die Stadt ist zerrissen zwischen zwei Bevölkerungsgruppen: Den alten englischen Bürgern und den EU-Migranten aus Osteuropa.

Seamus Murphy

Eine Reportage von , Boston, England


Großbritannien tritt aus der EU aus, und Anton Dani strahlt vor Freude. Zusammen mit seinen Mitstreitern von der rechtspopulistischen Ukip steht Dani in der Fußgängerzone von Boston und verteilt Süßigkeiten. "We want our country back" steht auf einem Schild neben ihrem Stand. Doch das "want" ist durchgestrichen. Per Hand haben die Ukip-Leute das Wort "got" darauf geklebt: "Wir haben unser Land zurück" heißt es jetzt.

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"Danke", sagt eine Frau, die mit einem kleinen Jungen an dem Stand vorbeigeht.

"Nein, wir danken Ihnen", ruft einer der Ukip-Mitstreiter zurück.

Nirgendwo war der Stimmenanteil für den Brexit so hoch wie in Boston, einer Kleinstadt an der Ostküste Englands (Lesen Sie hier die Analyse zu den Brexiteers). 75,6 Prozent der Wähler wollten raus aus der EU. Warum?

Für Anton Dani ist die Sache eindeutig. Der 50-Jährige trägt einen blauen Anzug. Um seinen Hals hängt eine Ausweiskarte: Anton Dani, Mitglied des Stadtrates von Boston.

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Die EU-Einwanderer aus Osteuropa verursachten jede Menge Probleme in der Stadt, sagt Dani. "Die kommen hierher, und als Erstes beantragen sie eine Sozialwohnung. Und dann andere Sozialleistungen."

Auf einen Termin beim Arzt müsse man zwei Wochen warten, in den Schulen sprächen immer weniger Kinder Englisch und die Gewaltkriminalität sei angestiegen. "In einem Jahr gab es drei Morde", sagt Dani. "Auf den Straßen ist zu wenig Polizei unterwegs." Das kleine Boston, im Würgegriff von Polen, Rumänen und Letten?

"Die wollen doch gar nicht arbeiten"

Einer, der das ganz anders sieht, ist Peter, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. Der gebürtige Pole sitzt im Pub Delight, Fußball-EM gucken. Polen spielt gegen die Schweiz. Es ist dunkel und riecht nach Alkohol. Ein bulliger Mann im polnischen Trikot grölt etwas auf Polnisch in ein Mikro, dann stimmen alle ein und grölen mit.

Polnische Fans vor einem Pub
Seamus Murphy

Polnische Fans vor einem Pub

Peter und Anton Dani sind zu Fuß fünf Minuten voneinander entfernt. Und doch sind es zwei verschiedene Welten.

In der Halbzeitpause dreht sich der Pole vor dem Pub eine Zigarette. "Wir sind hierher gekommen für ein besseres Leben. Wir arbeiten hart, wir zahlen Steuern, wir kaufen ein", sagt der 28-Jährige. Die Briten könnten ihre Arbeit wohl kaum übernehmen. "Die wollen doch gar nicht arbeiten. Die beantragen doch nur Sozialleistungen", meint er.

"Wir" und "die" - wer durch Boston geht, trifft eine gespaltene Gesellschaft. Im 17. Jahrhundert brachen von hier aus Menschen nach Amerika auf. In Erinnerung an ihre alte Heimat gründeten sie das amerikanische Boston, heute eine Metropole an der US-Ostküste.

Doch in den vergangenen zehn Jahren war Boston nicht der Abfahrtspunkt für Migranten - sondern ihr Ziel. Mit der EU-Osterweiterung machten sich Polen, Letten, Litauer und andere auf den Weg. Der Landkreis Lincolnshire, in dem Boston liegt, ist die Gemüsefabrik Großbritanniens. Hier wächst alles, von Blumenkohl über Kartoffeln bis Erbsen.

Werbeplakat für die Leave-Kampagne
Seamus Murphy

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Der Anteil der Ausländer in Boston hat sich zwischen 2001 und 2011 verfünffacht, zeigen Zahlen der britischen Statistikbehörde. Jeder zehnte in Boston, einer Stadt mit rund 67.000 Einwohnern, hat mittlerweile Wurzeln in den neuen EU-Ländern.

Doch die alten und neuen Bürger leben nicht zusammen - sondern nebeneinander her. Es gibt polnische Supermärkte, polnische Delikatessenläden und die Wochenzeitung "Boston Express" erscheint nicht etwa auf Englisch - sondern auf Polnisch. Im Integrationsindex der konservativen Denkfabrik Policy Exchange kommt die Stadt in diesem Jahr auf den letzten Platz.

"Wen wir brauchen, der soll kommen"

Während Peter in der polnischen Kneipe Fußball schaut, sitzen Rob und Alan im Pub Moon under Water". Hier liegt roter Teppich auf dem Fußboden, die beiden Rentner schauen zufrieden.

"Es sind einfach zu viele Menschen", sagt Alan. "Unsere Infrastruktur hält das nicht aus."

"Das. Und die Morde", sagt Rob. "Wir sind die Mord-Hauptstadt Englands."

Leave-Voter im Pub
Seamus Murphy

Leave-Voter im Pub

Da sind sie wieder, die Morde, die schon Ukip-Mann Dani erwähnt hatte. Tatsächlich hatte Boston im vergangenen Jahr die höchste Zahl an Mord- und Totschlagsversuchen pro Einwohner in England. Boulevardzeitungen wie die "Daily Mail" und der "Daily Mirror" titelten daraufhin, Boston sei die "murder capital" des Landes.

Wer in die amtliche Statistik für Lincolnshire schaut, stellt jedoch fest, dass sich an dieser Zahl in den vergangenen 13 Jahren nichts verändert hat; sie springt immer mal wieder hoch und runter. Aber "murder capital" hört man in vielen Gesprächen - das hat sich festgesetzt in den Köpfen. Und immer schwingt mit, wer dafür verantwortlich sei: die Osteuropäer.

Doch es sind nicht nur alte, weiße Rentner, die für den Brexit gestimmt haben. Auf der Fahrt zu seinem Haus zeigt Ukip-Mann Dani auf einige Reihenhäuser. "Da wohnen die mit sieben oder acht Leuten drin", sagt er. "Viel zu viele."

Die Ironie: Eine von "denen" wohnt bei ihm zu Hause. Seine Frau Maria ist Polin. Er selbst hat einen marokkanischen Vater, ist in Toulouse aufgewachsen und hat in England studiert. Ein Teil seiner Familie lebt noch immer in Frankreich. Sein Sohn Zakaria lernt Deutsch in der Schule. Und Maria arbeitet als Lehrerin mit Kindern aus Osteuropa - ohne die EU-Einwanderer hätte sie in Boston keinen Job.

Anton Dani mit seiner Familie
Seamus Murphy

Anton Dani mit seiner Familie

Trotzdem kämpft die Familie mit aller Kraft für den Brexit. "With pride", "mit Stolz", sagt der ältere Sohn Sully. "Immigration ist gut", sagt Vater Anton. "Wen wir brauchen können, der soll kommen." Aber die anderen eben nicht - und vor allem wollen sie selbst entscheiden, wer ins Land kommt. "Es kann doch nicht sein, dass Brüssel entscheidet, wem wir Sozialleistungen zahlen", meint er.

Verhärtete Fronten

Mit den Danis tut sich eine völlig neue Dimension auf in Boston. Es sind nicht nur alte Engländer gegen Osteuropäer. Es sind auch alte Migranten gegen neue. Sie selbst haben von Europa profitiert, aber andere sollen das nicht. Dann sind es zu viele, so das Kalkül.

Die Ablehnung des etablierten Bostons spüren die Einwanderer aus Osteuropa. Die Fronten scheinen verhärtet, von Dialog erzählt niemand etwas.

Eine bulgarische Ladenbesitzerin schaut auf die Frage nach dem Brexit nur noch resigniert. "Ich möchte lieber nicht in der Zeitung stehen. Bei einem polnischen Laden die Straße runter haben sie vor einigen Wochen die Scheiben eingeschlagen. Ich habe drei Kinder, verstehen Sie?" Die Botschaft ist klar: Es werden wohl "die" gewesen sein.

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insgesamt 38 Beiträge
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maikel 26.06.2016
1. Noch ist England nicht verloren
Na ja. Wenn die Haltung lautet "Einwanderer sollten nicht nur wegen der besseren Sozialleistungen kommen, sie sollen dem Land nützen, ihm einen gewissen Respekt entgegenbringen, sich zu einem guten Teil anpassen, und sich nicht abschotten", dann finde ich das eigentlich nicht borniert oder antieuropäisch, sondern ganz normal. Ich selbst studierte, arbeitete (und bezog auch Sozialleistungen) vor 20 Jahren in den East Midlands (also der Landschaft, wo auch Boston liegt), und wenn es in meinem Leben anders gelaufen wäre, dann wäre ich wohl heute britischer Bürger mit deutschen Wurzeln -- und hätte natürlich gegen den Brexit gestimmt. Aber, kleiner Tipp an die polnischen Kollegen: Während der EM 1996 in England stand ich jedenfalls nicht mit Deutschlandfahne im Pub und habe mit Deutschen auf Deutsch "Deutschland vor, noch ein Tor" gegrölt.
curly988 26.06.2016
2.
Das "nebeneinander her leben" gibt es leider auch bei uns in der Region ( Leimen,Baden-Württemberg) Mittlerweile schon in der 3 Generation ist die russisch stämmige Bevölkerung immer noch isoliert. Wirklich sehr schade.. Das selbe gilt für Mannheim mit vielen türkischen Nachbarn.
Tuolumne Meadows 26.06.2016
3. Das Problem ist....
....wir leben alle in Europa.... viele besitzen aber keine europäische Identität. Würden diese Menschen sich wiederum z.B. in USA begegnen, könnten sie vielleicht sogar beste Freunde werden.... weil sie alle aus Europa stammen. Gemeinsamkeiten verbinden eben....aber nur im richtigen Kontext. Eines zeigte das britische Referendum auch....viele jungen Menschen fühlen hier inzwischen anders. Das gibt Hoffnung. Manchmal braucht es nur Zeit, bis sich etwas entwickelt und einmal als vollkommen normal angesehen wird.
salamicus 26.06.2016
4. Schön...
..., dass diese Bilderbuchbriten schon mal den Pub verlassen haben - oder wollen sie erst eintreten? Egal, sie werden sich unbändig darauf freuen, die hochbezahlten und gleichzeitig kinderleichten Jobs der Osteuropäer zu übernehmen. Wenn sie den täglichen Rausch ausgeschlafen haben. Dieses Referendum soll eine Lehre für alle sein, die an ein mündiges und kluges Wahlvolk glauben. Eine verblödete Gerontokratie hat zusammen mit den Intelligenzschlusslichtern einer ganzen Generation von jungen und begabteren Briten die Zukunft versaut. 75% der 19-24-Jähringen haben für "Remain" gestimmt.
eremit123 26.06.2016
5.
wobei 74 % der 18-24-jährigen gar nicht an der Abstimmung teilgenomme haben....
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