Brexit-Einpeitscher Jacob Rees-Mogg Die Verachtung

Ob er es nun wirklich getan hat oder nur markierte: Der Erzkonservative Jacob Rees-Mogg provozierte einen Aufschrei, als er sich im Parlament zum Schläfchen hinstreckte - eine Erinnerung an düsterste Zeiten der britischen Geschichte.
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Schlaf ist ein Menschenrecht, Humor sowieso. Als Vater von sechs Kindern bekommt Jacob Rees-Mogg, Leader of the House of Commons, vielleicht zu Hause wenig Ruhe, wenngleich dort - der 50-Jährige ist Multimillionär - gewiss mehr Platz zum Rückzug ist als im notorisch dicht gefüllten Unterhaus.

Auch fordert der Redemarathon im britischen Parlament in den vergangenen zwei Jahren - beinahe ohne Sitzungspause und häufig so ausgedehnt, dass Nachtigall wie Lerche das bange Ohr durchdrangen - gewiss seinen Tribut: Schon das Verfolgen dieser unaufhörlichen Brexit-Debatten im Livestream war ohne Zuhilfenahme wenigstens weicher Drogen sowie gelegentlicher Nickerchen eigentlich unmöglich, obwohl es weder an historischem Ernst, an dramatischen Wendungen noch an Geschrei ("Order! Oooorder!!"), an Tränen und Tumulten mangelte.

Dass die Schlaf-Performance von Jacob Rees-Mogg am 3. September dennoch als Demonstration äußerster Verachtung gilt, dafür gibt es eine Reihe guter schlechter Gründe.

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Sein exzellenter Anzug, die polierten Schuhe und Manschettenknöpfe, die ganze Ausstattung des Ultrakonservativen - der Bewunderer von Papst Pius IX. hält den menschengemachten Klimawandel für ein Märchen und die Homo-Ehe für eine Zumutung - lässt nämlich eigentlich hoffen, dass, wenn schon nicht Güte oder Verstand, so doch die Höflichkeit zu seinen verlässlichen Eigenschaften zählt.

Ein Mann allerdings, der nicht nur weiß, was sich gehört, sondern in der Eliteschmiede Eton College zur Schule ging und als Sohn eines Life Peer den Umgang mit dienstbarem Personal schon im Bobby-Car-Alter lernte, der zeigt sich in einer solchen Fläzerei im Parlament nicht nur als Snob. Sondern als das zeitgenössische Pendent des Aristokraten vordemokratischer und kolonialer Zeiten, in denen man in der Anwesenheit von Dienstboten buchstäblich schamlos agierte, sich nackt zeigte oder auch physischen Bedürfnissen aller Art selbstverständlich nachgab: Denn Menschen, die nicht der eigenen Kaste angehören, verdienen qua Geburt und Position keinen Respekt.

"Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige", soll der Franzose Ludwig XVIII. gesagt haben. Zweihundert Jahre später kann man ergänzen: Das markierte Nickerchen ist die Verachtungsgeste der britischen Oberschicht.

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