Unterhaussprecher John Bercow Die Verteidigung

Er ist das Gesicht des britischen Parlamentarismus: John Bercow, "Mr Speaker", moderiert längst nicht mehr nur das Brexit-Geschacher - und riskiert so die eigene Entmachtung.

PRU/ AFP; [M] SPIEGEL ONLINE

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John Bercow ist längst eine Kultfigur der britischen Politik. Seine "Order"-Rufe, seine oft humorvollen Maßregelungen haben den britischen Unterhaussprecher weit über die Grenzen des Vereinigten Königreichs berühmt gemacht. Bercow-Videos werden im Internet von Millionen angeklickt.

Der Tory-Politiker genießt die Aufmerksamkeit sichtlich - doch im aktuellen Brexit-Chaos nutzt er seine Rolle zu weit mehr als einer Unterhaltungsshow. Bercow dehnt die Möglichkeiten des eigentlich unparteiischen Postens aus und mischt kräftig mit in der Politik.

Er sieht sich als Anwalt des Parlaments. Und da zuerst Theresa May und nun ganz besonders Boris Johnson darauf bedacht waren, die Abgeordneten möglichst zu umgehen, machte das aus Bercow immer wieder auch das: einen Gegenspieler der Regierung.

In den vergangenen Monaten ließ Bercow Anträge zu, die der Führung nicht passten, andere verweigerte er hingegen. Er ließ Mays Regierung auflaufen, als sie immer und immer wieder über ihren unveränderten Deal abstimmen wollte. Als Johnson nun eine Zwangspause für das Parlament ankündigte, sprach Bercow von einem "verfassungsrechtlichen Skandal". Am Dienstag gewährte er den Abgeordneten eine Notfalldebatte - die Voraussetzungen, dass die Opposition gegen den Willen der Regierung ein Gesetz gegen einen harten Brexit einbringen kann.

Die Brexit-Hardliner bei den Tories werfen dem Unterhaussprecher vor, beim EU-Ausstieg zu bremsen. Tatsächlich ist es kein Geheimnis, dass der Konservative einst für den Verbleib in der EU gestimmt hat. Zählte er früher zum rechten Flügel der Tories, gehört er inzwischen längst zum Lager der Liberalen in der Partei. Zuletzt wurde berichtet, Bercow habe sich mit Tory-Rebellen getroffen, um zu besprechen, wie Johnson aufgehalten werden könne.

Die neue Skrupellosigkeit der Johnson-Regierung im Umgang mit politischen Widersachern könnte nun jedoch auch Bercow treffen. Laut dem britischen "Telegraph" gibt es bei den Tories - entgegen jeglicher Gepflogenheiten - Überlegungen, den Unterhaussprecher bei einer vorgezogenen Abstimmung in dessen Wahlkreis mit einem Brexit-Kandidaten herauszufordern.

Bercow wiederum gibt sich in diesen Tagen gewohnt selbstbewusst. Auf Kritik an seinem Kurs antwortet er am Dienstag im Parlament süffisant mit einem Johnson-Zitat. Er werde das Unterhaus weiter unterstützen, sagte Bercow - "komme, was wolle".

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markusblumenstock 05.09.2019
1. Unveränderter Deal
"Er ließ Mays Regierung auflaufen, als sie immer und immer wieder über ihren unveränderten Deal abstimmen wollte." Damit folgt er (wie viele vor ihm) Erskine May's "Parliamentary Practice", eine Art empfohlene Geschäftsordnung, die beinahe Gesetzesstatus genießt. Daher sollte man ihm nicht vorwerfen, zu parteiisch zu sein. Als Speaker sollte er natürlich die Rechte des Parlaments gegen die Regierung verteidigen, egal was seine persönlichen Ansichten sind. (Finde ich.)
sapiens-1 05.09.2019
2. Was soll er denn anderes tun?
KLar muß er die Rechte des Parlamentes verteidigen, weshalb sollte er das nicht tun? Die Exekutive ist ja durch das Fehlen einer geschriebenen Verfassung und dem dadurch bedingten Fehlens einer Art Verfassungsgerichtshof ja ohnehin in einer sehr starken Position. Datut es den Rechten der Parlamentatrier, die ja in ihrer Gesamtheit die demokratische Komponente des britischen Systems ausmachen mehr als gut, wenn sie einen kraftvollen Verteidiger ihrer Rechte an der Spitze habe.
burghard42 05.09.2019
3. Na ja,
wenn ich das so richtig verfolgt haben ,sind einige seiner Vorgänger im Amt (danach) einen "Kopf kürzer" gemacht worden. Wird diesmal wohl deutlich glimpflicher ausgehen. Ein sehr sympatischer Mensch......könnte auch im Bundestag eine gute Figur abgeben.....und ein bekennender Fahrradfahrer im Berliner Alltag mehr Egal welcher Partei......ich würde ihn wählen
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