Brexit Es ist genug, ist es nicht?

Falls Theresa May Ende der Woche ohne Deal bei der Europäischen Union eine Verschiebung des Austritts beantragt, sollte die Gemeinschaft ablehnen. Die EU hat Wichtigeres zu tun, als sich um zerstrittene Briten zu kümmern.

Brexit-Befürworter
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Eine Kolumne von


Es reicht. Die alten Herren haben lange genug unter der Fremdherrschaft gelitten, haben sich knechten lassen von zugereisten Bürokraten, und ertragen müssen, wie die Unterdrücker sie um die Früchte ihrer Arbeit bringen. Aber jetzt ist es genug, die Stunde der Befreiung ist da, endlich erheben sich die rechtschaffenen Angestellten und übernehmen die Macht: Das Büromaterial wird zu Waffen umfunktioniert, ein Aufseher nach dem anderen wird erledigt, und dann setzt das Gebäude der "Crimson Permanent Assurance" die Segel, das Gebäude der Versicherung wird zum Schiff, die Aktenschränke zu Kanonen, mit Gesang und voller Stolz segeln die Meuterer los, um die großen Konzerne der Welt das Fürchten zu lehren.

Diese Szene aus dem Vorfilm zu "Der Sinn des Lebens" der britischen Komikertruppe Monty Python stammt aus dem Jahr 1983. Zwar sind die fremden Herrscher, die die braven Briten knechten, hier als amerikanische Konzernschergen dargestellt, der Kurzfilm gilt als satirische Metapher für das Aufbegehren des einfachen Angestellten gegen den Kapitalismus. Doch sieht man ihn heute noch mal, könnte man ihn für eine aktuelle Dokumentation der britischen Psyche halten. Die bösen Ausbeuter kommen aktuell aus Brüssel, ansonsten scheint alles gleich: Das Gefühl der Unterdrückung, der unbedingte Wille, sich zu befreien und das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, bis hin zur surrealen Vorstellung, ein unbewegliches Versicherungsgebäude - beziehungsweise eine ganze Insel - könnte die Anker lichten und Kurs setzen, glorreichen Abenteuern und einer strahlenden Zukunft entgegen. Es ist absurd.

Ebenso absurd ist ein Blick in die Nachrichten. Zum dritten Mal will Theresa May in dieser Woche versuchen, das britische Parlament von dem Austrittsabkommen zu überzeugen, das sie mit der EU ausgehandelt hat. Entscheidend sind hierbei die nordirischen Abgeordneten von der DUP, deren Zustimmung sie aktuell mit der Zusage von Finanzspritzen erreichen möchte. Es ist höchst fraglich, ob sie damit Erfolg hat. Es könnte gut sein, dass Großbritannien auch am Ende dieser Woche noch genau dort steht, wo es am Morgen des 24. Juni 2016, dem Tag nach dem Brexit-Referendum, stand: Das Land will die EU verlassen. Es weiß aber nicht, wie.

Theresa May
REUTERS

Theresa May

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird May unabhängig vom Ausgang einer weiteren Abstimmung im britischen Parlament bei der EU nun eine Verlängerung der Frist für den Austritt beantragen: Entweder um wenige Monate, falls ihr Deal angenommen wird, damit die dafür nötigen Gesetze erlassen werden können. Oder, falls der Deal erneut durchfällt, für einen noch längeren Zeitraum - mit dem bizarren Effekt, dass die Briten dann noch mal das Europäische Parlament mitbestimmen müssten, obwohl sie ihm eigentlich gar nicht mehr angehören wollen.

Einer Verlängerung müssten die 27 verbliebenen EU-Staaten einstimmig zustimmen. Doch wenn die Briten ohne Zustimmung zum lange ausgehandelten und erneut nachgebesserten Deal anklopfen, sollte die EU ablehnen. So weh es tut: Sie sollte die Briten ziehen lassen. Und das nicht etwa, weil sie in der EU nicht gern gesehen wären.

Eine Farce namens Brexit

Tatsächlich wäre eine Europäische Union mit einem Mitglied Großbritannien ein besserer Ort. Einem Mitglied Großbritannien wohlgemerkt, das sich dem gemeinsamen Projekt verpflichtet fühlt, das solidarisch seinen Beitrag leistet und sich konstruktiv an einer gemeinsamen Flüchtlings-, Wirtschafts- und Verteidigungspolitik beteiligt. Doch dieses EU-Mitglied Großbritannien wird es auf absehbare Zeit nicht geben.

Schon immer waren die Briten eher widerwillige Mitglieder der EU. Verfolgt man die Debatte im britischen Parlament und in den britischen Medien, kann man sich nur wundern über das fortgesetzte Anspruchsdenken gegenüber der Europäischen Union. Noch immer scheinen die Brexit-Befürworter davon auszugehen, dass man nur anders und härter verhandeln müsse, um alle Vorteile der EU zu behalten, ohne ihr Mitglied zu sein. Boris Johnson, Mays ehemaliger Außenminister und eine der treibenden Kräfte hinter dem Brexit, schlägt nun vor, mit einem ganz anderen Verhandlungsteam anzutreten. Noch sei es nicht zu spät, behauptet Johnson.

In der Kolumne Agitation und Propaganda schreibt Stefan Kuzmany über die aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft. Abonnieren Sie den Newsletter direkt und kostenlos hier:

Tatsächlich ist es zu spät. Die Europäische Union hat auch ohne die Farce namens Brexit schon genügend Probleme. In Frankreich rebellieren die Gelbwesten, in Italien und Osteuropa regieren Rechtspopulisten, die an der Aushöhlung der Demokratie arbeiten. Bei der kommenden Europawahl wird sich entscheiden, ob die Feinde der Gemeinschaft so stark werden, dass sie die Union von innen zerstören können. Dringend müsste die EU sich reformieren, müsste zu einer neuen Gemeinsamkeit finden: sozial, ökologisch, ökonomisch und militärisch. Ein weiterer, womöglich unbegrenzter Verbleib der zerstrittenen Briten in der EU, die mit ihrer fortgesetzten Selbstbeschäftigung jeden Fortschritt verhindern, wäre fatal. Daran würde im Übrigen auch kein zweites Referendum etwas ändern.

Es ist traurig, aber leider unumgänglich: Großbritannien muss gehen. Vielleicht kehrt es irgendwann zurück.

insgesamt 182 Beiträge
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Seite 1
kp229 18.03.2019
1. Absolute Zustimmung, Herr Kuzmany!
Die EU hat wahrlich wichtigere Dinge zu tun, als sich mit Leuten herumzuärgern, die gar nicht Teil dieser EU sein wollen. Am 29. März muss Schluss sein, gerne mit Vertrag, falls das UK-Parlament zustimmt, ansonsten eben ohne.
gisbertlinneman 18.03.2019
2. Monty Python-Fans...
...wissen, wie es mit der "Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung" weiterging. Da die Erde bekanntlich eine Scheibe ist, stürzte das zum Piratenschiff umfunktionierte Gebäude am Ende der Welt in den Abgrund. Zumindest den britischen Humor werden wir vermissen!
4711_please 18.03.2019
3. Will be continued...
Aller Wahrscheinlichkeit nach wird May den Austritt zurückziehen und zurücktreten, falls der Deal nicht angenommen wird. Hat sie ja so ähnlich angedroht. Die Monty-Python-Szene mit den Gebäuden als Piratenschiffen passt genau, Glückwunsch ... Fortsetzung folgt also...
Ein Stein! 18.03.2019
4. Unglaublich!
Dass ich der Ansicht des Herrn Kuzmany überhaupt einmal überwiegend zustimmen kann, hätte ich noch bis 16:15h des heutigen Tages vehement ausgeschlossen. Das ich jemals zu 100% mit ihm übereinstimme, ... Wunder geschehen, ich habs gesehen,...
4laender 18.03.2019
5. Danke, dieser Beitrag fasst noch mal alles Wichtige zusammen
Auch ich befürchte, dass ein weiterer Verbleib des VK - auf welchem Weg auch immer - nur zum Nachteil für alle andern EU-Mitglieder sein wird. Die aktuellen Überlegungen der diversen Politiker - leider besonders auch in Deutschland - sind offensichtlich mehr von den kurz- und mittelfristig zu erwartenden wirtschaftlichen Verwerfungen in der Rest-EU getrieben denn mit Blick auf die dringend notwendigen Reformen. Auch das wurde im vorliegenden Beitrag griffig beschrieben. Ich habe es bis heute nicht verstanden, wieso halbwegs intelligente Menschen die EU als Hegemon über die einzelnen Mitgliedsländer ansehen können, wo doch die gewählten Vertreter dieser Länder zusammen mit dem Europaparlament die einzelnen Regularien mitgestalten - bis hin, dass selbst die kleinsten Staaten in wichtigen Souveränitätsangelegenheiten ein starkes Vetorecht ausüben können (einstimmige Beschlüsse - wie jetzt bei der Fristverlängerung).
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