Übergriffe nach dem Brexit-Referendum "Viele Migranten werden bedroht"

Seit dem Brexit-Votum ist die Zahl ausländerfeindlicher und rassistischer Übergriffe in Großbritannien sprunghaft gestiegen. Alarmierte Bürger gehen nun auf die Straße.

Angelica Udueni
SPIEGEL ONLINE/ Britta Kollenbroich

Angelica Udueni

Aus London berichtet


Am Tag nach dem Brexit-Referendum sitzt eine junge Frau mit ihrem Bruder in einer Bar in London. Es ist Mittag, als plötzlich ein Mann auf die beiden zukommt. "Ihr werdet nie echte Briten sein", sagt er. Es ist noch eine der vergleichsweise harmloseren Sachen, die er ihnen vorwirft.

Karissa Singh erwidert, sie komme aus Wales und er solle sie in Ruhe lassen. Der Mann zieht ab. Doch die 20-Jährige kann den Zwischenfall nicht vergessen und beschließt zu handeln: Auf Facebook und Twitter beschreibt sie ihre Erfahrung und gibt dem Ganzen einen Namen: #PostRefRacism - Rassismus nach dem Referendum. Viele folgen ihrem Beispiel.

Knapp vier Wochen sind seitdem vergangen, doch Angelica Udueni reicht ein Blick auf ihr Handy, um zu wissen: Verändert hat sich nicht viel. Noch immer schreiben ihr täglich Menschen von ihren Erfahrungen mit Rassismus nach dem Referendum. Meist sind es verbale Übergriffe, manche berichten aber auch von Sachbeschädigung oder körperlichen Angriffen.

Zusammen mit Karissa Singh und Freunden versucht die junge Politikstudentin, den Betroffenen eine Stimme zu geben. Aus Karissas Post im Juni ist längst eine Kampagne geworden, sie haben eine Facebook-Seite und einen Twitteraccount, mehr als 16.000 Menschen folgen ihnen. Angelica liest die täglichen Berichte und veröffentlicht sie.

Betroffenen Mut machen

Es sind Geschichten wie diese: Fremde Männer bewerfen eine Muslimin mit Eiern. Ein polnisches Kulturzentrum in London wird beschmiert, ein afrikanisches in Manchester nach Morddrohungen geräumt. Eine Frau, die im Bus auf Polnisch telefoniert, wird beschimpft. Eine Frau postet ein Foto ihrer Tochter, sie hat ein blaues Auge - "sie hat sich zwischen einen Fremden und einen polnischen Freund gestellt", schreibt die Mutter.

Hinter #PostRefRacism verbinden sich Hunderte solcher Erfahrungen. Angelica und ihre Mitstreiter überprüfen die Geschichten nicht, es geht ihnen darum, den Betroffenen Mut zu machen, darüber zu sprechen.

Ein Blick in die Statistik belegt allerdings den Eindruck: Die Zahl der Hassverbrechen und fremdenfeindlichen Übergriffe ist seit dem Referendum sprunghaft angestiegen. In der zweiten Junihälfte verzeichnete die Polizei 42 Prozent mehr Übergriffe als im Jahr zuvor. Die Zahlen für Juli stehen noch aus, doch der Trend setzt sich fort. Polizeichef Mark Hamilton führt die gestiegene Zahl auf die aufgeheizte politische Debatte zurück.

"Überrascht war ich nicht"

"Viele Menschen sind davon überrascht, ich war es nicht", sagt Angelica. Es stört sie, dass der Eindruck entsteht, das Referendum habe zu Rassismus geführt. "Rassismus hat es schon vorher in Großbritannien gegeben", sagt die 20-Jährige. Als Schwarze habe sie ihn ihr ganzes Leben lang erfahren, anderen in ihrem Freundeskreis geht es ähnlich. "Rassismus ist schon lange unsere Realität, es gehört zu unserem Alltag. Der Unterschied ist, dass nun auch Weiße stärker betroffen sind - so bekommt das Thema mehr Aufmerksamkeit", sagt Angelica.

Demonstranten in London
AFP

Demonstranten in London

Dass es Rassismus in allen Lebensbereichen in Großbritannien gibt, zeigten schon Studien vor dem Brexit. Seit 2001 habe im ganzen Land die Zahl derer zugenommen, die rassistische Vorurteile haben, berichtete der "Guardian" vor zwei Jahren. Minderheiten sind häufiger arbeitslos, haben schlechtere Bildungschancen, weniger Geld und sind häufiger krank, meldete die Zeitung vor einem halben Jahr.

Auch die Debatte vor dem Referendum war geprägt von ausländerfeindlichen Tönen. Vor allem Nigel Farage nutzte rassistische Parolen und schürte Ängste vor Migranten und Ausländern. "We want our country back", "wir wollen unser Land zurückhaben" - mit dieser Parole erreichte der ehemalige Ukip-Vorsitzende Nostalgiker und Nationalisten. Viele andere schlossen sich dieser Rhetorik an, verwendeten ähnliche Bilder.

Die Äußerungen der Politiker hätten "den Menschen den Eindruck gegeben, dass es okay wäre, so etwas zu sagen", sagt Eve Joy Wilson. Sie ist eine von knapp zehntausend Menschen, die am Samstag durch die Londoner Innenstadt ziehen und gegen Rassismus und die Regierung demonstrieren. Sie sitzt mit Freunden vor dem britischen Parlament.

Schon vor dem Brexit-Votum haben sie sich für LGBT-Community und gegen Fremdenhass stark gemacht, doch die Aktivitäten der Gruppe sind im Sande verlaufen. Nun wagen sie einen neuen Anlauf: "So viele Migranten werden bedroht, es sind schwere Zeiten", erklärt Eve.

Es sind diese kleinen Gruppen und Initiativen, die Angelica ein bisschen optimistisch stimmen. Viele solidarisieren sich mit Einwanderern, nehmen an Demonstrationen wie dieser in London teil. "Vielleicht nutzen wir Jüngeren die Krise, um etwas zu verändern." Vom Establishment hingegen erwartet Angelica nicht viel. "Solange wir uns nicht unserer rassistischen Vergangenheit stellen, wird sich nichts Grundlegendes ändern."



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