Großbritannien Rassisten fühlen sich durch Brexit-Votum bestärkt

"Hau ab", "geh nach Hause": Seit dem Brexit-Referendum kommt es in Großbritannien vermehrt zu fremdenfeindlichen Attacken. Aktivisten haben die Angaben von Opfern ausgewertet - und sind schockiert.
Fremdenfeinde in Newcastle-Upon-Tyne, England

Fremdenfeinde in Newcastle-Upon-Tyne, England

Foto: Ian Forsyth/ Getty Images

Eine Muslimin wird von fremden Männern mit Eiern beworfen. Eine Frau, die im Bus auf Polnisch telefoniert, wird beschimpft. Ein Mann ruft einer Gruppe Polen zu "Haut aus meinem Land ab". Eine Familie wird in London beschimpft und aufgefordert, "nach Hause" zu gehen.

Seitdem sich die Briten am 23. Juni für den Austritt aus der Europäischen Union ausgesprochen haben, kursieren unzählige solcher Geschichten in den sozialen Netzwerken. Die Gruppen PostRefRacism, Worrying Signs und iStreetWatch bieten Betroffenen eine Plattform, um Berichte über ausländerfeindliche und rassistische Attacken zu dokumentieren. Allein in den ersten beiden Wochen nach dem Brexit-Votum wurde #postrefracism in rund 130.000 Tweets verwendet.

Priska Komaromi und Karissa Singh von #PostRefRacism  haben nun 636 Berichte von Betroffenen und Augenzeugen ausgewertet. Die wichtigsten Erkenntnisse ihrer Untersuchung :

  • Die große Mehrheit der User (76 Prozent) berichtet von Verbalattacken, 14 Prozent schreiben über körperliche Übergriffe oder physische Bedrohungen.
  • In mehr als der Hälfte der angegebenen Vorfälle bezogen sich die Attackierenden direkt auf das Referendum.
  • In 74 Berichten bekamen die Betroffenen demnach "Go Home" ("Geh nach Hause") zu hören, in 80 Fällen "Leave" ("Geh") und 45-mal "Fuck off" ("Hau ab"). Ebenfalls häufig wurde gesagt "Wir haben euch rausgewählt" und ähnliches.
  • Ein Drittel der berichteten rassistischen Angriffe richtete sich gegen Schwarze, Asiaten oder andere ethnische Minderheiten. In 21 Prozent der Fälle waren EU-Ausländer betroffen - wobei dort vor allem Polen ins Visier gerieten (40 Prozent).
  • EU-Ausländer gaben an, zumeist dann attackiert worden zu sein, wenn sie eine andere Sprache oder Englisch mit ausländischem Akzent gesprochen hatten.
  • In 14 Prozent der ausgewerteten Fälle richteten sich die rassistischen und fremdenfeindlichen Attacken gegen Kinder.

Vor allem der letzte Punkt hat Autorin Priska Komaromi schockiert. Politiker und Medien sollten ihrer Meinung nach eingestehen, dass sie zur Entstehung des feindseligen Umfelds beigetragen haben, das diesen Ausbruch von Hass ermögliche. "Ich hoffe, dass sich durch die Zunahme von Hassverbrechen nach dem Referendum nun etwas am Umgang mit Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Hassverbrechen ändert", so Komaromi.

Rassistische Parolen und ihre Folgen

Die Autorinnen der Studie halten die Leave-Kampagne für mitverantwortlich für die Zunahme rassistischer und fremdenfeindlicher Übergriffe. Der Satz "Take back control of immigration" sei die Kernaussage der Brexit-Befürworter gewesen. Mit ihrer Rhetorik hätten Politiker wie Boris Johnson und Michael Gove Migranten dämonisiert und Ängste geschürt.

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In der Tat war die Debatte vor dem Referendum geprägt von ausländerfeindlichen Tönen. Vor allem Nigel Farage nutzte rassistische Parolen. "We want our country back", "wir wollen unser Land zurückhaben" - damit erreichte der ehemalige Ukip-Vorsitzende Nostalgiker und Nationalisten. Viele andere schlossen sich dieser Rhetorik an.

Den Brexit-Gegnern hingegen werfen die Autorinnen vor, sich nicht stark genug gegen die fremdenfeindliche Rhetorik positioniert zu haben. Die Stronger-In-Kampgane habe sich zu sehr auf die wirtschaftlichen Folgen des Brexit konzentriert.

Die nun veröffentlichte Auswertung ist aus vielerlei Gründen nicht repräsentativ, darauf weisen auch die Autorinnen in ihrer Arbeit hin: Sie erfasse nur die rassistischen Vorfälle, über die auf Twitter oder in anderen sozialen Netzwerken berichtet werde - viele Betroffene und Zeugen nutzten diese Plattformen jedoch gar nicht. Hinzu komme, dass es einige Überwindung koste, öffentlich von rassistischen Erfahrungen zu berichten.

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"Wir hoffen aber, dass unsere Plattformen weiter dazu beitragen, ein Bewusstsein für Hassverbrechen zu schaffen, dass sie einen Platz bieten, um die Erlebnisse zu teilen und Unterstützung zu zeigen sowie andere dazu ermutigen, darüber zu sprechen und einzugreifen", schreiben die Autorinnen.

Die Ergebnisse der Auswertung decken sich mit den offiziellen Angaben der Polizei. In der vergangenen Woche zog auch das National Police Chief's Council (NPCC) Bilanz: Demnach wurden zwischen dem 16. Juni und dem 14. Juli insgesamt 6193 sogenannte Hassverbrechen gemeldet. In der zweiten Junihälfte verzeichnete die Polizei 42 Prozent mehr Übergriffe als im Jahr zuvor. Zwar ging die Zahl im Juli leicht zurück - im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr waren es aber immer noch 20 Prozent mehr . Das Brexit-Votum habe offenbar etwas bei vielen Menschen freigesetzt, sagte der stellvertretende Chef von Scotland Yard, Craig Mackey.

Maßnahmen gegen Hass und Vorurteile geplant

Laut NPCC meldeten die meisten Betroffenen Fälle von "Gewalt gegen Personen" - dazu zählen in Großbritannien Belästigung, Körperverletzung, verbale Angriffe sowie Anspucken und Anrempeln. Am zweithäufigsten wurden Verstöße gegen die öffentliche Ordnung gemeldet, gefolgt von Sachbeschädigung.

Auch der Politik ist dieser offensichtlich gewordene Rassismus nicht entgangenen. Die neue Innenministerin Amber Rudd reagierte vergangene Woche und stellte Maßnahmen gegen die sogenannten Hassverbrechen vor .

Demnach soll erfasst werden, wie stark verbreitet Diskriminierung aus rassistischen, religiösen und homophoben Gründen sind. Außerdem sollen Schüler und Lehrer dabei unterstützt werden, gegen Hass und Vorurteile anzugehen. Darüberhinaus will die Regierung 2,4 Millionen Pfund zum Schutz von bedrohten Einrichtungen wie Kulturzentren, Moscheen und Synagogen bereitstellen.

Hass habe im Großbritannien des 21. Jahrhunderts keinen Platz, sagte Rudd. "Diese Regierung ist angetreten, um ein Britannien zu schaffen, das für jeden funktioniert." Das sehen viele Brexit-Befürworter wohl etwas anders.

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