Presseschau zum Brexit-Chaos "May muss jetzt beten"

Großbritanniens Zeitungen rechnen mit der Regierungschefin Theresa May ab - und bangen um die Zukunft des Landes. Die Presseschau.

In London wächst der Druck auf Theresa May: Eine Gruppe von Ministern bereite einen Putsch gegen die Premierministerin vor, berichten britische Zeitungen. Ein neuer Regierungschef solle den Brexit aushandeln. In ihren Wochenendausgaben und im Netz zerpflücken viele Blätter Mays Austrittsstrategie und spekulieren über mögliche Nachfolger. Ein Überblick.


"Guardian"


Einen "Ausweg aus dem Albtraum" müsse das britische Parlament jetzt finden, fordert der linksliberale "Guardian" . Die Brexit-Strategie von Premierministerin Theresa May sei "zertrümmert", nur das Unterhaus könne das Land noch retten. In London wird darüber spekuliert, dass May statt einer dritten Abstimmung über das Abkommen eine ganze Reihe von Abstimmungen im Unterhaus ansetzen könnte, um herauszufinden, ob es im Parlament eine Mehrheit für andere Szenarien gibt, etwa für den Verbleib Großbritanniens in der EU-Zollunion.


"Daily Mail"


Genau davor warnt die "Daily Mail" . "Der größte Betrug am britischen Volk aller Zeiten" sei es, wenn das Parlament nun den Brexit verwässere oder gar verhindere. "Der Brexit war als nationale seelische Läuterung gedacht", findet das Blatt. Nun könnten die Abgeordneten das Volk hintergehen. Einen letzten Dienst könne Premierministerin May dem Volk am Montag noch erweisen - den Tag ihres Rücktritts bekannt geben.

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Massendemo in London: Sie wollen bleiben!

Foto: Neil Hall/ EPA-EFE/ REX


"Sunday Times"


"Für das Durcheinander, in dem wir uns befinden, kann man vielen Menschen Vorwürfe machen, doch Theresa May steht ganz sicher an der Spitze der Liste", arbeitet sich die wirtschaftsnahe "Sunday Times" an May ab . Die Zeitung hatte ausführlich über einen möglichen Putsch gegen die Premierministerin berichtet. Die Zeitung kritisiert, May zeige kaum Bereitschaft zum Nachgeben.

SPIEGEL ONLINE


"Sun"


"Wenn Theresa May heute zur Kirche geht, muss sie für einiges beten", schreibt die EU-kritische "Sun"  mit Blick auf eine mögliche dritte Abstimmung über Mays Brexit-Abkommen mit der EU kommende Woche und den Putsch. "May musste dabei zusehen, wie ihre eigene Autorität erodiert ist." Sie sei eine "lahme Ente". Dennoch geht die oft marktschreierische Zeitung in ihrem Sonntagskommentar vergleichsweise gnädig mit May um. Ein Wechsel im Amt würde nicht viel bringen, ihr Deal sei die beste Möglichkeit, die EU zu verlassen.


"Scotsman"


Der "Scotsman" wundert sich , dass May überhaupt noch im Amt ist - und hat schon eine Traumkandidatin für ihre Nachfolge. "Großbritannien braucht eine Führerin wie Jacinda Ardern", schreibt das Blatt. "Die neuseeländische Premierministerin regiert in wunderbarer Übereinstimmung mit ihrem Volk, während May sich im Brexit-Chaos verliert." Ardern hatte zuletzt weltweit Sympathien für ihren Umgang mit dem Terroranschlag in Christchurch geerntet. Unter anderem trug sie einen Schleier bei der Trauerfeier zu Ehren der muslimischen Opfer und brachte ein strenges Waffengesetz auf den Weg. "Sie hat entschieden gehandelt." May hingegen wirke wie ein Geist bei ihrem Versuch, ihren Deal durchs Parlament zu boxen.


"Independent"


Für den "Independent"  ist die Regierungschefin nicht mehr im Amt zu halten. "Theresa Mays Zeit als Premierministerin ist zu Ende", findet die EU-freundliche Zeitung. Die möglichen Nachfolger überzeugen das Blatt nicht. Keiner dränge sich wirklich auf, beliebt beim Wähler seien die Kandidaten auch nicht. "Die Tories sind so mit der Brexit-Krise beschäftigt, dass sie gar nicht nach einem möglichen Wahlgewinner suchen, sondern nach jemandem, der den Brexit liefern kann." Sollte es eine Neuwahl geben, habe der oppositionelle Labour-Chef Jeremy Corbyn gute Chancen auf den Sieg.

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