Milliardenrechnung So teuer ist die EU für Großbritannien

Lohnt sich die EU-Mitgliedschaft für Großbritannien? Brexit-Befürworter sagen Nein - viel zu teuer. Doch ein genauer Blick auf die Zahlen entlarvt sie.

Zentrum von London
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Wenn Boris Johnson für den Brexit wirbt, vergleicht er die EU gerne mit einer Vereinsmitgliedschaft, die sich einfach nicht lohnt: "25 Milliarden Euro im Jahr dafür, dass wir die Kontrolle über unsere Grenzen verlieren und keine ökonomischen Vorteile haben?" Ein schlechter Deal, sagt Londons Ex-Bürgermeister.

Es ist das Hauptargument der Euroskeptiker: Auf ihrer Website zählen sie im Sekundentakt die Kosten der EU - und rechnen vor, wie viele Krankenhäuser Großbritannien bauen könnte, müsste es nicht regelmäßig Geld an die EU abdrücken.

Das Referendum über die EU-Mitgliedschaft am 23. Juni wird eine Abstimmung über die britische Gefühlslage sein: Glaubt die Mehrheit der Briten, dass die EU ihrem Land nützt? Oder haben die Inselbewohner das Gefühl, immer nur draufzahlen zu müssen?

Eine Auswertung des EU-Finanzreports zeigt, wie (un)gerecht die Briten im Vergleich mit den anderen Mitgliedstaaten tatsächlich behandelt werden.

Großbritannien gehört zu den größten Nettozahlern in der EU. Das heißt, dass das Königreich mehr Fördergelder an die EU überweist, als es zurückbekommt. Ein Zehntel der gesamten EU-Einnahmen stammt aus Großbritannien. Nur Deutschland und Frankreich zahlen mehr ein als die Briten - in absoluten Zahlen jedenfalls.

Anders sieht es aus, wenn man auch die Bevölkerungsgröße betrachtet. Setzt man die Nettozahlungen der Länder in Zusammenhang mit der Einwohnerzahl und dem Bruttonationaleinkommen (BNE), dann sind die Beiträge der Inselbewohner gar nicht mehr so riesig: Die EU-Zahlungen machen nur 0,23 Prozent des britischen BNE aus. Und durchschnittlich überweist Großbritannien nur 76 Euro pro Kopf an die EU - in Deutschland ist es mehr als doppelt so viel, Schweden und Niederländer zahlen sogar noch mehr.

Und warum müssen die Briten so verhältnismäßig wenig zahlen? Weil Margaret Thatcher "ihr Geld zurückhaben" wollte. 1984 handelte die damalige Premierministerin mit den Mitgliedstaaten den sogenannten Briten-Rabatt aus. Ihr Argument: Weil die Briten viel weniger Landwirtschaft betreiben als andere Länder, profitieren sie weniger von den europäischen Agrarsubventionen. Und deswegen sollten die Inselbewohner weniger zahlen müssen.

Dieser Deal hat die anderen europäischen Länder schon Milliarden gekostet. Denn jährlich müssen die übrigen EU-Mitgliedstaaten die Ausgaben übernehmen, die die Briten nicht tragen möchten. Vor allem Frankreich, Italien und Spanien schultern diese Last.

Fazit: Großbritannien zahlt jährlich sehr viel Geld in den EU-Topf ein, relativ gesehen ist die Summe aber nicht übermäßig groß. Tatsächlich beziehen die eurokritischen Regierungen in Polen und Ungarn am meisten Fördergelder aus dem EU-Topf, das könnte den Briten ungerecht vorkommen. Doch im Vergleich mit anderen EU-Nettozahlern haben sie bereits einen guten Deal ausgehandelt - und sparen dadurch Milliarden.

Animation: Was kostet der Brexit?

DER SPIEGEL
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insgesamt 194 Beiträge
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chrimirk 14.06.2016
1. Unverständlich!
Wenn die EU-Mitgliedschaft sich für GB "rechnet", dann kann doch der BREXIT für die Rest-EU kein Minusgeschäft sein und umgekehrt. Was stimmt nun? Wie immer in der EU-Diskusion: sowohl als auch? ;-))
rot-grün 14.06.2016
2. Und wo war jetzt das Entlarvende?
Die Briten haben bekommen also Rabatt bei ihrem "Vereinsbeitrag". Heißt das dann automatisch, dass sich die Mitgliedschaft für sie lohnt?
gehirngebrauch 14.06.2016
3. nicht nur die briten
wollen raus aus so einer EU, wären die politiker anständig und ehrlich würden sie ein europaweites referendum machen und die nicht willigen länder danach ziehen lassen. mal sehen wieviel dann von dem ganzen geschwafel übrig bliebe.
doc_snyeder 14.06.2016
4. Von Entlarven keine Spur
Der Artikel belegt, dass nicht nur Britannien, sondern auch mehrere andere Länder, darunter Deutschland, Milliarden an die EU überweisen, ohne dass so richtig klar ist, wofür.
steve121 14.06.2016
5. Tja...
...anhand der abgebildeten Karte wird ja deutlich, das nicht die Briten raus sollten aus der EU, sondern wir die Deutschen! Wir sind damit die Europadeppen die nicht rechnen können, denn scheinbar zahlen nur wir kräftig drauf, damit sich der Rest Europas sich auf unsere Kosten Vergnügen kann...und dann bekommen wir nur 11 Punkte beim ESC zurück...frei nach dem Motto "Geld ja nehmen wir gerne, aber ansonsten bleibt uns fern ihr Deutschen"
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