Brexit-Referendum Draußen sind sie längst

Was heißt hier Brexit? Die Briten sind eigentlich seit drei Jahrzehnten dabei, sich aus Europa zu verabschieden. Am 23. Juni hätten sie die Chance, endlich wieder in die EU einzutreten.

Britische Demonstranten in belgischem Miniaturenpark
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Britische Demonstranten in belgischem Miniaturenpark


"London 0 - Hull 4" hieß während der Regentschaft von Margaret Thatcher ein Album der britischen Band The Housemartins. Es stand für die Ohnmacht einer heruntergekommenen Stadt an der Ostküste Englands. Man wollte auch einmal gewinnen. Gegen London, gegen Thatcher. Gegen das Vergessen.

Nun steht es 550.000 Pfund zu 69.000 Pfund. 550.000 Pfund, das ist der Preis, den eine Garage für ein Auto in bei einer Versteigerung in London erzielt hat. Ein Rekord. 69.000 Pfund, das wäre der Preis für ein normales Haus in Hull. Man kann nicht sagen, dass ein Mensch in Hull weniger wert ist als ein Auto in London. Aber ein Auto in London wohnt in der Regel teurer als ein Mensch in Hull.

Hull, früher ein Zentrum für den Schiffbau und die Fischerei auf der Insel, zählt zu den ärmsten Gegenden Englands. Gerade deshalb sind hier so viele Menschen für einen Brexit wie sonst kaum irgendwo. Früher, so ist das Gefühl der Abgehängten von Hull, war irgendwie alles besser.

Jo Cox kämpfte gegen die Gier

Ist das seltsam? Nicht wirklich. Es ist die Folge einer Politik, die heißt "There is no such thing as society" - so etwas wie Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt nur den Einzelnen, und der möge sich gefälligst selbst helfen. Und vielleicht noch seinem Auto. Man kann diese Haltung neoliberal nennen. Margaret Thatcher hat sie eingeführt, alle, die nach ihr kamen, haben sie übernommen, mal weniger, mal mehr. Jo Cox war eine Ausnahme, sie bekämpfte die Auswirkungen des Thatcherismus mit seelenvoller Hingabe - sie hoffte, mit gutem selbstlosen Auftreten etwas ausrichten zu können gegen diesen Trickle-down-Effekt der Gier, der die Brexit-Anhänger ergriffen hat. Die Europa abstoßen möchten wie eine sinkende Aktie.

Früher war also alles besser. Nur wann genau früher war, das können die wenigsten Brexit- Befürworter sagen. Im 19. Jahrhundert, als die kleine Insel in der Nordsee die halbe Welt beherrschte und ausplünderte? In den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts, als dieses Weltreich zerbröselte, die Briten aber beharrten auf ihrem Selbstbild der "Splendid Isolation"?

Nostalgie ist ein weiches Kissen. Man kann es dehnen, zurecht zupfen, es hält viel aus, nur klarer wird mit Nostalgie nichts und besser eher wenig. Aber die Nostalgie raunt: Europa zieht uns runter, wir mit unserer Insel schwimmen lieber oben.

Seit 2004 haben sich in Hull, diesem Ort mit 260.000 Einwohnern, 30.000 EU-Bürger angesiedelt. Viele kamen aus Osteuropa. Sie haben verfallene Läden im Stadtzentrum aufgemöbelt, Supermärkte, Bäckereien und Metzgereien eröffnet, sie haben als Schreiner und Klempner florierende Handwerksbetriebe gegründet. Sie haben Erfolg. Aber diesen Erfolg empfinden die Nostalgiker von Hull als ihren eigenen Misserfolg. "Das Gefühl, dass wir diese Insel bereits verloren haben." An Zuwanderer, Migranten und andere unerwünschte Invasoren.

Thatchers Credo

Das Lebensgefühl der Nostalgiker ist im Grunde vor allem die Fortführung von Margaret Thatchers Überzeugung, dass jenseits des Ärmelkanals vor allem Probleme geschaffen würden, die irgendwann mit Waffengewalt Richtung Insel drängten, und dann von den Briten beseitigt werden müssten, zum Wohle der freien Welt. Eigentlich, so die Haltung Thatchers, wollten die Briten nur in Ruhe Cricket spielen und Tee trinken und ihren Geschäften nachgehen, aber diese Ruhe würde immer wieder gestört durch größenwahnsinnige Europäer: Der Kontinent kippt den Briten den Mist der Geschichte vor die Haustür, und die Briten haben alle Hände voll zu tun, ihn wegzuräumen.

Was die Nostalgiker aber begreifen sollten, wäre die Tatsache, dass sich in den letzten 30 Jahren das Verhältnis umgedreht hat - die Europäer haben alle Hände voll zu tun, die Folgen des von der Insel kommenden Neoliberalismus auszugleichen und aufzufangen.

Das Finanzzentrum London ist sehr stolz darauf, immer neue Finanzprodukte zu entwickeln, die zu raffiniert sind für jene, die sie beaufsichtigen und regulieren sollen. Es hat sich eine Bonuskultur entwickelt, dass ganze Jahrgänge der dortigen Eliteuniversitäten abgesogen werden, um in der Bankenindustrie sehr jung, sehr schnell, sehr reich zu werden.

Wie Alchimisten eines neuen Zeitalters fühlten und fühlen sich Londoner Finanzindustrielle. Vor der Lehman-Pleite waren sie überzeugt, dass allein sie den Weg gefunden hätten, um im 21. Jahrhundert vernünftiges Geld zu verdienen. Schön dumm, hieß es, seien die Kontinentaleuropäer, allen voran die Deutschen, die immer noch glaubten, dass es sinnvoll sei, Elektrotechnik, Maschinen und Autos zu produzieren. Ihr lebt noch im 20. Jahrhundert. Ihr bedient sterbende Industrien, so das Credo. Vergesst es. Finanzprodukte, das sind die Autos des 21. Jahrhunderts.

Seltsame Finanzkapriolen

Bis die Blase platzte und die Zocker Geld auftreiben mussten. Sie holten es sich ausgerechnet vom verhassten Staat.

Besonders bizarr gestalten sich diese seltsamen Finanzkapriolen im Fall Griechenland, das nun mit über 300 Milliarden Euro verschuldet ist. Geld, mit dem vor allem die Gläubigerbanken gerettet wurden, die vorher bestens an diesem Subprime-Land verdienten.

Ist das alles gut für die Stabilität des Euro, über den sich viele Briten nun mit Schaudern lustig machen? Natürlich nicht. Unter Blair hatte Großbritannien den Beitritt zur Währungsunion kurz erwogen. Nun beglückwünschen sich viele Nostalgiker, dass sie der vermeintlichen Weichwährung ferngeblieben sind.

Das Pfund, so sehen sie es, habe sie davor bewahrt, in den Schuldensumpf Europa hineingezogen zu werden und darin zu versinken.

Dass es Großbritannien wirtschaftlich besser als der Eurozone gehe, ist aber zumindest in Teilen Nostalgiker-Fiktion. Die britische Produktion schleppt sich dahin, die Ökonomie bleibt abhängig von einer Finanzwirtschaft, die dem Absturz von 2008 zum Trotz bereits wieder mit Verschuldungshebeln arbeitet, die Experten Schwindelgefühle bescheren. Einige sagen, die Gemengelage ähnele jener der Vor-Lehman-Zeit. Die Frage sei nur, wo der Dominostein dieses Mal falle. In China? Oder doch im Vereinigten Königreich, wenn es austritt?

Flüchtlinge? Not our business

Im wirklichen Wachstum befand sich in Großbritannien lange nur der Immobilienmarkt im Großraum London. 10 bis 20 Prozent kletterten dort die Hauspreise in guten Stadtteilen pro Jahr nach oben - zum Teil finanziert mit schmutzigem Geld aus Spanien, Russland, Italien und Griechenland. Statt in Athen Steuern zu zahlen, haben sich manche lieber ein Stadthaus für zehn Millionen Pfund in Kensington gekauft.

Der Nostalgiker will von all dem nichts wirklich wissen. Er möchte sich hineinbeamen in die pastellgetönte Welt einer Rosamunde-Pilcher-Inszenierung. Schon gar nicht wahrhaben will man auch die jüngere Verantwortung am Chaos im Nahen Osten, wo Blair an der Seite des großen Freundes George W. Bush half, Geheimdienstdokumente so zurecht zu biegen, dass er glaubte, Völkerrecht brechen zu können.

Die funktionierende Demokratie im Irak, von der Blair ernsthaft träumte, blieb ebenso Fiktion wie die Massenvernichtungswaffen. Stattdessen tauchte die von Sunniten dominierte Republikanische Garde wieder auf, in Form des IS, der mit seinem Terror die Region derart destabilisiert hat, dass die Menschen millionenfach flüchten. Nach Europa.

Ausgerechnet jenes Europa, von dem sich die Nostalgiker auch aus diesem Grund abwenden. Die Regierung Cameron beschloss, das Problem mit steifer Oberlippe zu ignorieren. Flüchtlinge? Not our business.

Der Tunnel dicht, den Kanal als Schutzgrenze, hat man angeboten bis zum Jahr 2020 die Zahl von bis zu 20.000 Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Handverlesen.

Help us to make Europe better

"Wir Briten interessieren uns nicht für das, was in unserer Geschichte schiefgelaufen ist, wir blicken da lieber in eine andere Richtung", hat Neil MacGregor, früher Chef des British Museum und heute Vorsitzender der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums, diese Haltung beschrieben.

Kann es also sein, dass Großbritannien in all den vermeintlichen Modernisierungen für das 21. Jahrhundert jenen zentralen Wert zu verlieren droht, den die Welt mit ihm verbindet wie Tee und guten Humor, den Wert von Fairness und Verantwortung? Jenes Großbritannien, das Jo Cox verkörperte?

Es ist viel falsch gelaufen im Vereinigten Königreich seit Margaret Thatcher den Hebel umgelegt hat, eigentlich ist das Land seit Mitte der Achtzigerjahre dabei, aus Europa auszutreten. Insofern bildet der 23. Juni die Chance, darüber abzustimmen, ob Großbritannien wieder eintreten möchte in die EU.

Im Grunde, liebe Briten, ist das europäische Projekt nichts weniger als die Fortsetzung jenes Projekts, das ihr mit erfunden habt: des Projekts von Demokratie und Marktwirtschaft. Man sollte es verteidigen gegen weiße Paranoiker, Flüchtlingshasser und all jene, die nicht mit einem Taschenrechner umgehen können.

Keep calm and help us to make Europe better.

Videoumfrage: Wovor fürchten sich die Briten?

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kv21061929 21.06.2016
1. auffällig unauffällig
am Sonntag hat unser Bundespräsident im ZDF ein Interview gegeben. Dort konnte man bemerkenswerte Sätze hören, wie z.B..........die vorrevolutionäre Situation in Europa....usw, er sagte diesen Satz ohne Not um in gleich danach zu revidieren. Nirgendwo in den Leitmedien (Spiegel u. Spon, Zeit, Süddeutsche) war auch nur ein Wort über dieses Interview zu lesen. Ich frage mich warum. Dabei hat er doch den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich muss unbedingt anmerken das ich kein Fan von Gauck bin.
oliver42 21.06.2016
2. Das war das beste ...
... was jemals zum Brexit geschrieben worden ist. Hut ab vor dieser journalistischen Meisterleistung !
exil-teutone 21.06.2016
3. Gibt's das auch bitte in English?
Ich möchte das gerne meinen Freunden hier in England geben - und allen Nostalgikern and Taschenrechner-Legasthenikern...
tiefenrausch1968 21.06.2016
4. Oh weh
Auch wenn es der Spiegel und auch die EU-Polit-Kaste furchtbar finden: Die Briten sagen eventuell Adieu zu einem europäischen Zentralstaat. Ich kann daran nichts Schlimmes finden, im Gegenteil. Die Eurokraten haben sich durch mangelndes Demokratieverständnis selbst obsolet organisiert. Der europäische Supermarkt auf Kosten der Bürger ist gescheitert. Und das zurecht. Bis das allerdings bei einer deutschen Regierung als Erkenntnis ankommt, dürfte es noch ein paar Jahre dauern.
jan07 21.06.2016
5.
Es stimmt, die Briten haben sich einen nüchternen Blick auf die EU erhalten, sind nicht so blind europahörig wie es die meisten deutschen Politiker und leider zu viele deutsche Bürger sind. Aber auch hierzulande wächst die Skepsis und erstarken Forderungen nach Reformen dieser EU. Hierfür brauchen wir die Briten. Sonst wird Deutschland in den nächsten Jahrzehnten durch die EU regelrecht ausgeplündert.
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