Demonstranten vor Londoner Parlament Anti-Brexit-Karneval

Eine Schauspielerin im Suffragetten-Outfit, ein Maler, ein Familienvater im Robocop-Kostüm: Sie sind vereint in ihrer Abneigung gegen Boris Johnson und den Brexit. Eindrücke aus Westminster.

Georg Fahrion/ DER SPIEGEL

Aus London berichtet


Vor dem Palace of Westminster mitten in London steht Robocop. Er trägt einen metallisch schimmernden Ganzkörperanzug, auf dem Kopf einen mit Alufolie überzogenen Helm. "Irgendwo hier geschieht ein Verbrechen", steht auf dem Schild in seinen Händen. "Robocop sagt: #StopTheCoup".

Es ist später Dienstagnachmittag, im Parlament ringen Opposition und Tory-Rebellen gerade mit Boris Johnson um den Brexit - ein Kampf, der den britischen Premier an diesem Tag seine Mehrheit kosten wird.

Auch draußen auf der Straße sind seine Gegner in der Überzahl. Zwar haben sich unter die Demonstranten an der Abingdon Street auch ein paar Brexiteers gemischt. Doch es dominiert das Europa-Blau der Remainer, durchsetzt von vielen Farbtupfern: Manch besonders engagierte Brexit-Gegner haben sich fantasievoll verkleidet, es ist ein kleiner Anti-Brexit-Karneval. Jedes der Kostüme enthält eine Botschaft an die Mächtigen drüben im Parlamentssaal.

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Brexit-Gegner: Empört und kostümiert

"Robocop hat drei Grundsätze", sagt Charlie Rome, der in dem Outfit steckt. "Erstens, diene der Allgemeinheit. Zweitens, schütze die Unschuldigen. Drittens, erhalte das Recht aufrecht." Der 35-jährige Familienvater aus Greenwich findet, dass Premierminister Johnson all diese Prinzipien missachte: Er habe die Öffentlichkeit über die zu erwartenden Konsequenzen eines EU-Austritts belogen, der Brexit werde die Schwächsten der Gesellschaft am härtesten treffen. Und das Kabinettsmitglied Michael Gove habe erst kürzlich infrage gestellt, ob die Regierung ein Gesetz achten werde, das einen Brexit ohne Austrittsabkommen ausschließt, sollte das Parlament eines verabschieden. "Wir haben eine Regierung, die meint, sie steht über dem Recht."

Über die Spaltung der Gesellschaft macht Rome sich Sorgen. "Nach dem Referendum war ich wahnsinnig enttäuscht, aber ich hätte mich mit einem Norwegen-Modell zufriedengegeben. Aber heute? Auf keinen Fall." Das skandinavische Land ist kein EU-Mitglied, nimmt aber am Binnenmarkt teil. "Wir werden alle extremistischer", sagt Rome, "auch ich."

Dieser Gedanke macht auch Kate Willoughby zu schaffen. Die Schauspielerin steht ein paar Schritte weiter auf den Stufen der Statue von König George V., im Hintergrund die Westminister Abbey. Willoughby trägt einen bodenlangen Rock, unter dem Jackett eine Bluse mit altmodisch hohem Kragen. Sie ist als Suffragette gekommen, wie sich zum Anfang des 20. Jahrhunderts die frühen Feministinnen nannten, die für ihre demokratischen Rechte auf die Straße gingen.

Video: Sind Sie ein Diktator oder ein Demokrat?

Reuters

"Die Geschichte, die ich erzähle, handelt vom universellen Wahlrecht - das verbindet Menschen", sagt Willoughby. Die tief zerstrittene Nation brauche positive Erzählungen, mit denen sich alle Briten identifizieren könnten. "Solche Geschichten können uns wieder zusammenführen." Und aus noch einem Grund passe ihr Kostüm als Frauenrechtlerin zum Anlass: "Die Regierung nimmt uns die Stimme, wenn sie das Parlament dichtmacht."

Am folgenden Tag, Mittwoch, haben sich erneut Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude zusammengefunden. Sie schwenken EU-Flaggen, rufen "Stoppt den Putsch!" Durch die Menge schlängelt sich ein älterer Herr im bunten Clownskostüm, eine Boris-Johnson-Maske vor dem Gesicht.

Ein anderer Mann mit grauem Schnauzbart trägt ein Ölbild vor sich her. Er hat es in der vergangenen Nacht selbst gemalt, die Farbe ist noch feucht. Es zeigt eine düstere Szenerie, der Bug eines sinkenden Schiffs ragt aus dem sturmgepeitschten Meer, darauf der Union Jack und das Wort "Brexit". In der Bildmitte reckt ein ertrinkender Boris Johnson das Kinn aus dem Wasser. "Er säuft buchstäblich ab", sagt Kaya Mar, der Maler.

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Der 63-Jährige spricht Englisch mit Akzent, nennt als Nationalität mit feinem Lächeln "Second-Hand British". "Ich bin nicht gut mit Wörtern, ich drücke mich mit meinen Bildern aus." 115 davon habe er schon gemalt. Johnson sei ein Scharlatan, dem es nur um sich gehe. "Er will ein kleiner Diktator werden, ein britischer Trump. Aber Gott sei Dank ist Großbritannien nicht Amerika." Als der Premier Dienstagabend die Abstimmung im Unterhaus verlor, habe sich etwas verändert: "Den Menschen steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben."

Sarah Jane Checkland würde dem zustimmen. Die Kunsthistorikerin aus London engagiert sich seit dem Referendum 2016 gegen den Brexit. Aus Frustration über das Ergebnis habe sie damals so heftig gegen ihr Sofa getreten, dass sie sich einen Zeh brach. Entsprechend tief sitzt ihr Groll gegen den Premier, was sich an ihrem Mitbringsel zeigt.

Checkland trägt eine Gummipuppe mit sich herum, die sie als Boris Johnson ausstaffiert hat, blonde Wuschelperücke inklusive. Auf seiner Brust steht: "Stop screwing our country", wobei die Übersetzung "Hör auf, unser Land zu verarschen" nicht alle Nuancen wiedergibt. Johnson sei verantwortungslos, sagt Checkland. Es sei eine Schande. Nun, da Neuwahlen im Raum stehen, werde er wieder allen das Blaue vom Himmel versprechen, um zu bekommen, was er wolle.

Aus Sicht der Anti-Brexit-Karnevalisten gibt es also vorerst keinen Grund nachzulassen. Viele von ihnen kommen während der Sitzungsperioden immer wieder vor dem Parlament zusammen, manche sogar täglich.

So lümmelt am Mittwoch vor dem Eingang zum House of Commons ein Mann im dunklen Anzug herum, auf dem Kopf einen Zylinderhut, seine Gesichtszüge hängen in gespielter Langeweile herab. Nicht zu verkennen: Da gibt einer den "Leader of the House of Commons" Jacob Rees-Mogg, der am Vorabend das Land mit seiner aufreizenden Entspanntheit im Unterhaus provoziert hat. Sein Doppelgänger ist - der Robocop vom Vortag. Charlie Rome trägt seine Kostüme gern passend zum Anlass.

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wendler.wfk 05.09.2019
1. Jetzt fehlt nur noch
eine gutgelaunte Schlaegerei im Parlament, dann ist der Zirkus komplett. Im Ernst, ich frage mich ob das was zur Zeit dort, und in der britischen Gesellschaft allgemein vor sich geht ein sog. Lehrstueck sein kann welches die Konsequenzen demonstriert, die ein aus dem Ruder gelaufenes Parlament, mit einem Psychopaten als Premier, hervorbringt. Andererseits, muss ich sagen, ich wuenschte mir solch lebhafte Debatten im Congress in Washington, oder besser noch, im White House.
Leser1000 05.09.2019
2. Demokratie in Gefahr
Leider ist das Ganze nur begrenzt lustig-bei Lichte betrachtet. Robocop hat nämlich recht. Vieles wofür der Westen stand geht so langsam den Bach runter. Verantwortlich: Die narzistischen Populisten Angefangen bei Trump; weiter geht es mit Orban, Bojo u.s.w. Demokratie lebt vom Kompromiss. Den wollen diese Herrschaften aber überhaupt nicht. Ich bin inzwischen eigentlich nur noch traurig. Ich will zurück in die Zukunft.
hilfe2018 05.09.2019
3. Nur mal ein Hinweis,
über 60 Mill. Einwohner hat Britanien. 500 stehen vom Parlament. Wo ist der Fehler? Wählt doch neu bitte.
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