Brief an Berlusconi Caro Silvio!

Die Italien-Korrespondentin des SPIEGEL hat sich selten mit einem Mann so gequält wie mit diesem: Silvio Berlusconi. Heute wird er 75 Jahre alt. Weil sie ihm gratulieren wollte, campierte Fiona Ehlers vor seinem Palast. Er ließ sie nicht rein, also schrieb sie ihm diesen Brief.

Berlusconi: "Silvio wird's schon richten"
REUTERS

Berlusconi: "Silvio wird's schon richten"


Herr Premierminister, caro Silvio,

seit zwei Stunden stehe ich vor Ihrem Palast. Verblasster Barock, drei Geschosse, aus Ihrem Stockwerk, dem ersten, weht eine bettlakengroße Trikolore-Fahne. Jeden Morgen düse ich hier auf meiner Vespa vorbei, am Palazzo Grazioli, Via del Plebiscito 102. Jetzt warte ich hier auf Sie, wenn es sein muss, die ganze Nacht. In einer halben Stunde werden Sie 75 Jahre alt, ich möchte Ihnen gratulieren.

"Berlusconi feiert, wie einst Kaiser Nero während Rom brennt", schrieb jetzt die britische "Financial Times", eine von vielen ausländischen Zeitungen, denen es immer schon schwer fiel, Sie ernst zu nehmen. Das war übertrieben, noch brennt hier gar nichts. Ihr Palast ist abgesperrt wie so oft, ein paar Touristen lungern davor, und Carabinieri halten sie im Zaum.

Ich muss mir das aus der Nähe anschauen, Krisen-Journalismus, Schaulustigen-Voyeurismus. Nennen Sie es, wie Sie wollen, nennen Sie es einfach "Verkehrskontrolle", wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben. Seit ich in Italien lebe, habe ich mir das Kalauern angewöhnt. Ist das auch Ihre Schuld?

Noch wirkt Ihr Palazzo verlassen, die Tore sind vergittert, man kommt nur rein mit Nummerncode. Ein einziges Lämpchen brennt im ersten Stock. Knipsen das Ihre Hausangestellten an, um Diebe abzuschrecken?

Um 0.57 Uhr rasen drei dunkelblaue Limousinen in den Innenhof. Sie sitzen in der ersten, raunt mir ein Carabiniere zu, hinter verdunkelten Scheiben. Ziemlich früh für Ihre Verhältnisse. Kann es sein, dass Ihnen die Lust am Feiern im Krisengebrüll abhanden gekommen ist? Jetzt öffnet sich ein Fenster im ersten Stock, die Trikolore weht schlapp im Abendwind, es bleibt still.

Um Ihre Privatgemächer erzählt man sich in Rom die wundersamsten Dinge. Ihr Kanzleramt befindet sich um die Ecke, im Palazzo Chigi neben dem Parlament. Aber da sind Sie praktisch nie. Vor 16 Jahren, im Jahr nachdem Sie zum ersten Mal Premier wurden, haben Sie das gesamte erste Stockwerk im Palazzo Grazioli angemietet, die Inneneinrichtung übernahm ein Bühnenbildner von Luchino Visconti.

Was in diesen Filmkulissen passiert, all die Gipfel und Gelage in Roms Vergnügungszentrale, weiß ich, seitdem eine Ihrer Damen ein Diktiergerät hineinschmuggelte und im King-Size-Bett von Wladimir Putin Ihr Liebesgeflüster aufnahm.

Natürlich erwarte ich nicht, dass Sie mich in Ihren Palazzo bitten. Was Sie privat treiben, geht mich überhaupt nichts an. Was Sie treibt, allerdings schon. Die Sorgen um Ihr Land vielleicht? Die Schulden, fast so bedrohlich wie die von Griechenland, das Null-Wachstum, die Börsencrashs von Mailand? Ich möchte einfach wissen, was Sie wach hält in diesen Nächten, einen Zipfel vom Glück erhaschen, das Sie mit Ihren Gästen teilen, oder den Hauch des Fluchs spüren, den Sie über Ihr Land gebracht haben.

Ich gestehe, nebenbei würde ich auch einen Blick auf die Damen werfen, die, so haben Sie selbst geprahlt, vor Ihrer Schlafzimmertür Schlange stehen.

1.30 Uhr. Die Funzel im zweiten Stock brennt immer noch. Silvio? Pronto? Sind Sie vielleicht doch zeitig ins Bett gegangen? Oder hat sich Ihr Finanzminister durch den Hintereingang geschlichen und ihr feiert Versöhnung? Oder nehmen Sie etwa gerade die Kardinäle vom Vatikan ins Gebet, die in diesen Tagen immer lauter Ihren "redlichen Lebenswandel" fordern?

insgesamt 27 Beiträge
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Hubatz 29.09.2011
1. Mensch...
75 Jahre alt. Ich will ja keinem böses wünschen - aber ich hoffe er macht diesen Job keine 10 Jahre mehr. Dafür mag ich die Italiener an sich zu sehr (abgesehen vom Sommer 2006 :P).
beaudo68, 29.09.2011
2. Povera italia
Zitat von sysopDie Italien-Korrespondentin des SPIEGEL hat sich selten mit einem Mann so gequält wie mit diesem: Silvio Berlusconi. Heute wird er 75 Jahre alt. Weil sie ihm gratulieren wollte, campierte Fiona Ehlers vor seinem Palast. Er ließ sie nicht rein, also schrieb sie ihm diesen Brief. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,789120,00.html
Ich habe Rom 2007 nach 10 Jahren verlassen, da der Egoismus, denn der Cavaliere an den Tag legt, von einer immer breiter werdenden Bevölkerungsschicht übernommen wurde. Der Gemeinschaftssinn (senso civico) ist in den 16 Jahren Berlusconi (unterbrochen durch kurze Intermezzi) als Presidente del Consilgio in Italien zusehends verloren gegangen und diesen wieder herzustellen, wird ähnlich lange dauern. Armes Italien
prinzipal8 29.09.2011
3. Am besten auf ewig.
Zitat von Hubatz75 Jahre alt. Ich will ja keinem böses wünschen - aber ich hoffe er macht diesen Job keine 10 Jahre mehr. Dafür mag ich die Italiener an sich zu sehr (abgesehen vom Sommer 2006 :P).
Sicher ist er ein schlechter Regierungschef. Und seine Vorgänger waren ebenfalls schlecht und seine Nachfolger werden genauso schlecht sein. Aber Silvio sorgt für Unterhaltung. Deswegen fordere ich: Silvio for ever. Er darf einfach nicht in Rente. Wer soll uns sonst unterhalten?
Münchner-Kindl 29.09.2011
4. ...
Hmm also sonderlich lustig fand ich diesen Post jetzt aber nicht... Berlusconi ist bei weitem schlimmer als seine Vorgänger!! Was der alles so getrieben hat ist wirklich im wahrsten Sinne des Wortes kriminell. Italien war eine aufstrebende "Wirtschaftsmacht" die er kathegorisch runtergewirtschaftet hat. Von den ganzen Eskapaden (NEIN die waren nicht lustig!) ganz zu schweigen.
R.Steffens 29.09.2011
5. Beelzebub, Teufel und Tetzlaff
In früheren Jahrhunderten hätte ein Papst schon für geringere Verfehlungen eine Exkommunikation ausgesprochen. Aber mancher Papst hat auch einen ähnlichen Lebenswandel wie Herr Berlusconi gepflegt. Wer den Beelzebub nicht will, muss wohl mit dem Teufel leben. Alfred Tetzlaff könnte dazu ein paar markigere Worte sagen.
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