Brief an Obama "In Berlin können Sie von klugen Europäern lernen"

Barack Obama will als Präsident vieles anders machen als Amtsinhaber Bush - vor allem eine neue Außenpolitik. Der ehemalige US-Präsidentenberater Norman Birnbaum wünscht sich mehr Klugheit im Weißen Haus. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht exklusiv seinen offenen Brief an den Kandidaten.


Sehr geehrter Herr Senator,

die "New York Times" berichtet, dass 300 bedeutende Kollegen - Experten für jedes der vielen Übel dieser Welt - Ihnen beratend zur Seite stehen. Diese Gruppe ist so herausragend - es wäre betrüblich, würden ihre Anstrengungen in dem unglücklichen Falle verlorengehen, dass Sie alle (was Gott verhindern möge) nicht das Weiße Haus erreichten. Vielleicht können sich die Beraterkollegen gemeinsam an ein großes Investmentunternehmen oder an ein kleines Scheichtum verkaufen. Denn in der Zwischenzeit hat ein bekannter Ratgeber beklagt, dass er nicht wisse, ob seine weisen Worte bis zu Ihnen durchdringen.

Ich nehme mir die Freiheit, Sie persönlich anzusprechen - und das ohne professorale Weitschweifigkeiten.

Außenministerin Rice hat bekanntgegeben, dass Staatssekretär Burns zur letzten Verhandlungsrunde mit Iran in Genf nur deshalb gefahren ist, um demonstrativ zu schweigen. Nach dem Motto: Wir verhandeln mit Iran nicht, bis sie unseren Forderungen nachgeben. Präsident Bush, der nun glaubt, er sei der nationale Chef-Etymologe, hat Ihre Idee eines Zeitplans für den Irak-Rückzug akzeptiert - nennt sie jedoch einen "Zeithorizont". Doch Europa und Deutschland, wie Ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger, erwarten von Ihnen eine ganz andere Botschaft bezüglich unserer gemeinsamen Zukunft.

Ihre deutschen Gastgeber haben einige Erfahrungen darin gesammelt, die Welt mit Gewalt ändern zu wollen. Sie werden an der Siegessäule sprechen, die für Deutschlands letzten gewonnen Krieg im Jahr 1871 steht. Am Ende der Straße befinden sich allerdings einige russische Panzer und die Statue eines sowjetischen Soldaten. Den Berlinern kann vergeben werden, dass sie das zwanghafte Selbstmitleid unserer eigenen Nation nach dem 11. September und den daraus hervorgegangenen krankhaften Militarismus mit Skepsis sehen. Ihre Erinnerungen sagen ihnen, dass wir nicht die Einzigen sind, die ins Unglück marschierten.

Ihre Beraterin Susan Rice hat den Europäern per Interview im SPIEGEL mitgeteilt, dass die USA von ihnen Hilfe in Pakistan und Afghanistan erwarten. Kanzlerin Merkel wird Ihnen erklären, dass sie sich vollkommen solidarisch mit den Vereinigten Staaten fühlt - aber 2009 Stimmen von jenen Bürgern braucht, die keinen Sinn darin sehen, den Preis unserer Fehler in Asien zu bezahlen. Letzten Endes haben wir die Taliban militärisch ausgerüstet - gegen ein Regime, das nach einer säkularen Gesellschaft mit Frauenrechten strebte. Was Pakistan angeht: Die Milliarden, die wir den dortigen Generälen gaben, haben die Probleme des Landes ebenso vervielfacht wie unsere eigenen.

Anthropologen, Historiker, Psychologen und Theologen diskutieren darüber, was Gesellschaften dafür tun können, um sich von Dunkelmännertum und Tyrannei zu befreien. Was klar ist: Besetzung und Krieg werden das nicht schaffen. Nachkriegsdeutschland florierte deshalb, weil es 1945 genügend Demokraten gab, um einen Neustart zu schaffen - und ihnen die Ex-Nazis gegenüberstanden, denen wir um der Hilfe gegen die Sowjetunion willen vergeben hatten. Aber Afghanistan und Pakistan sind definitiv nicht Deutschland.

Sie haben sich für einen klug geführten Krieg gegen den Terror ausgesprochen. In Berlin können sie von klugen Europäern lernen - wie dem Außenminister oder der Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit - die sich in einem solchen Krieg befinden. Jenes Deutschland, das sich nach 1945 allmählich zur Friedensmacht entwickelte, genießt weit mehr Ansehen in der Welt als das alte Deutschland.

Der "Economist" meint, Sie verträten ein edleres Amerika - und viele von uns stimmen dem zu. Wir alle werden frohlocken, falls Sie von unseren gemeinsamen Anstrengungen sprechen, bezüglich des mühevollen Weges hin zu menschenwürdiger Entwicklung und Menschenrechten. Der Wechsel, der funktioniert, kommt unserem Weltbild zufolge nicht durch Waffen - sondern durch die Hilfe für andere. Hilfe, damit diese Menschen in ihrer eigenen Zeit und nach ihren eigenen Möglichkeiten den Weg zu sozialem Wiederaufbau finden.

Hochachtungsvoll,
Norman Birnbaum

Übersetzung: Florian Gathmann



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Daniel Hoogland, 23.07.2008
1. Einen wahrhaften Neuanfang ?
Da kann man nur zustimmen. Der entscheidende Unterschied zwischen die US und die Europäische Auffassung von Einfluss in internationalen Angelegenheiten: Wo Amerikaner sagen : do as we say sagen Europäer : do as we do einfacher kann es nicht gesagt werden, her Obama möchte gerne von den Europäern lernen.
NielsK 23.07.2008
2. Original?
Gibts den Brief auch irgendwo im Original? Wär schön, wenn auch das Orignal verlinkt würde in dem Artikel. Ansonsten finde ich es gut, wenn sich auchmal Menschen zu Wort melden, die pro und contra einmalkritisch beleuchten, statt sich in eine "Wir sind die Größten" Haltung zu flüchten. Dass das nicht gut geht, egal, wer es versucht, dafür gibt es in der Geschichte genug Beispiele.
diulf 23.07.2008
3. Originaltext
wäre schön. Wo kann man den finden
Polymorph, 23.07.2008
4. ...
Wie lächerlich und billig, diese Versuche, eine deutsche Wichtigkeit in Bezug auf den US-Wahlkampf herbeizuschreiben. Dass da in einer Schlagzeile von einer "Triumphtour" Obamas und in einer anderen von einer "Zitterpartie" in Berlin die Rede ist, scheint dann irgendwo auch keine Rolle mehr zu spielen. Emotion ist alles, die Nachricht wird zum bloßen Stimulans für den Leser. Man könnte die Berichterstattung zu diesem Thema eigentlich auch ganz einstellen, so wie das nun schon seit einigen Monaten läuft. Pseudoereignisse, Pseudowichtigkeiten, Pseudojournalismus.
aliaxe 23.07.2008
5. Originaltext
Zitat von sysopBarack Obama will als Präsident vieles anders machen als Amtsinhaber Bush - vor allem eine neue Außenpolitik. Der ehemalige US-Präsidentenberater Norman Birnbaum wünscht sich mehr Klugheit im Weißen Haus. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht exklusiv seinen offenen Brief an den Kandidaten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,567195,00.html
Daran glaube ich nicht. Obama wird, sobald er das Zepter in der Hand hält, auf die Industriemogule, die Waffenlobby usw. hören. Diese Leute betreiben, wie ihre Pendents in den meisten Länder auch, die Politik. Seine Werbekapagne, die er auch in Deutschland betreibt (wer kommt eigentlich für die Kosten auf? Das hochverschuldete Berlin?) ist eine gezielte Darstellung eines Kandidaten, der Obama in seinem Amt nicht ausüben kann.
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