Boko-Haram-Geiseln Das Dilemma der nigerianischen Armee

Nigerias Armee will die verschleppten Schülerinnen aufgespürt haben. Doch die Streitkräfte sind militärisch nicht in der Lage, die Mädchen aus der Gewalt von Boko Haram zu befreien.
Generalstabschef Badeh: "Wir dürfen die Mädchen beim Versuch sie zurückzuholen nicht töten"

Generalstabschef Badeh: "Wir dürfen die Mädchen beim Versuch sie zurückzuholen nicht töten"

Foto: AP/dpa

43 Tage hat die Suche gedauert. Nun verkündet die nigerianische Armee, was sie offenbar für einen Erfolg hält: Das Militär will nach eigenen Angaben den Aufenthaltsort der mehr als 200 Schülerinnen entdeckt haben, die im April von Milizionären der Terrorgruppe Boko Haram verschleppt worden waren.

"Die gute Nachricht für die Eltern der Mädchen ist, dass wir wissen wo sie sind", sagte Nigerias Generalstabschef Alex Badeh. Mehr dürfe er jedoch nicht sagen: "Das ist ein Militärgeheimnis", so der oberste Soldat des Landes.

Nach Angaben von Badeh kommt eine gewaltsame Befreiungsaktion derzeit nicht in Frage. "Niemand kann sagen, dass die nigerianische Armee nicht weiß, was sie tut. Aber wir dürfen die Mädchen beim Versuch sie zurückzuholen nicht töten", sagte Badeh.

Boko Haram ist zu allem bereit

Die Geiseln befinden sich in der Gewalt skrupelloser Terroristen. Boko Haram hat in den vergangenen Jahren mehrfach gezeigt, dass die Gruppe keine Skrupel kennt: Ihre Kämpfer haben Kirchen angegriffen, Schulen überfallen, Selbstmordattentäter in vollbesetzte Pendlerbusse geschickt und ganze Dörfer niedergemetzelt. Mehrere tausend Menschen sind dabei seit 2010 getötet worden.

International hat jedoch erst die Entführung der mehr als 200 Mädchen im April für größeres Aufsehen gesorgt. Bei der Online-Kampagne #BringBackOurGirls  setzen sich Zehntausende für die Freilassung der Schülerinnen ein. In Nigerias Hauptstadt Abuja gehen seit Wochen jeden Tag Hunderte Menschen auf die Straße. Sie beten für die Geiseln - und kritisieren die Untätigkeit von Regierung und Armee.

"Allen, die das Militär geißeln, sage ich: Ihr seid nicht ganz richtig im Kopf", schimpfte General Badeh. Dabei sind die Streitkräfte in einem desolaten Zustand: Erst in der vergangenen Woche beklagten sich hochrangige Generäle darüber, dass die Armee chronisch unterfinanziert sei. "Das Armee-Budget reicht nicht aus, um die gegenwärtigen Herausforderungen für die Sicherheitskräfte zu bewältigen", sagte Abdullahi Muraini, Finanzchef des nigerianischen Militärs.

Soldaten schießen auf ihren Befehlshaber

Die Moral der Truppe ist am Boden: Anfang Mai schossen Soldaten der Siebten Division auf das Auto ihres befehlshabenden Offiziers. Kurz zuvor hatte der Vorgesetzte einen Einsatz gegen Boko Haram angeordnet, bei dem zwölf Soldaten getötet wurden. Dieser Vorfall ereignete sich ausgerechnet in Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaats Borno. Der Ort gilt als Geburtsstätte von Boko Haram. Nach Auskunft der Regierung in Abuja sollten es eigentlich Elitekämpfer sein, die dort den Krieg gegen die militanten Islamisten führen.

Umso größer sind die Hoffnungen der Angehörigen auf eine Verhandlungslösung. Über Verbindungsleute verhandelt die Regierung bereits seit einigen Wochen mit den Entführern.

Nach BBC-Informationen soll am Wochenende eine Einigung kurz bevorgestanden haben. Der Plan sah vor, dass ein Teil der Mädchen im Austausch für 100 inhaftierte Boko-Haram-Kämpfer freigelassen werden soll. In letzter Sekunde habe Präsident Goodluck Jonathan den Deal jedoch gestoppt. Angeblich habe die Regierung Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Vermittlers bekommen.

So geht der Nervenkrieg um die Mädchen in die siebte Woche. Die Terrorgruppe, deren Name übersetzt so viel bedeutet wie "Westliche Bildung ist Sünde", droht derweil schon den nächsten Schulen und Universitäten. In den vergangenen zwei Wochen erhielt die staatliche Universität im Bundesstaat Adamawa mehrere Drohbriefe von Boko Haram. In den Umschlägen steckte außer den Schreiben ein halbes Kilo Menschenfleisch.

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