Briten in Afghanistan "Wir müssen es richtig oder gar nicht machen"

Mit dem Tod von acht Soldaten innerhalb von 24 Stunden sind nun am Hindukusch mehr Briten gefallen als im Irak. Die Regierung gerät unter Druck: Die Armee sei mangelhaft ausgestattet und habe nie eine Chance gehabt, so die Vorwürfe.


In Afghanistan sind binnen zehn Tagen 15 britische Soldaten ums Leben gekommen. Allein am Freitag gab das Verteidigungsministerium in London den Tod von acht Soldaten bekannt - für die Briten war es einer der schwärzesten Tage seit Beginn des Einsatzes vor sieben Jahren, dem bislang 184 Angehörige der britischen Truppen zum Opfer fielen. Damit übertrifft der Afghanistan-Einsatz die Todesliste im Irak: Im sechs Jahre langen Irak-Einsatz starben 179 Soldaten.

Britischer Soldat in Afghanistan: Mehr Tote als im Irak
REUTERS

Britischer Soldat in Afghanistan: Mehr Tote als im Irak

Sechs Soldaten seien am Freitag in Südafghanistan umgekommen, erklärte das Ministerium. Zwei weitere kamen am Donnerstag ums Leben. Diese 24 Stunden gehören somit zu den blutigsten des Einsatzes. Der Chef der Streitkräfte, Jock Stirrup, sprach den Familien in der Nacht zum Samstag sein Beileid aus. Er betonte jedoch, der Einsatz in Afghanistan schütze auch die Menschen zu Hause vor Terrorangriffen. Die radikal-islamischen Taliban würden "verlieren".

Mit den Angriffen wurde auf der Insel auch wieder die Debatte über den Einsatz angeheizt. Oppositionschef David Cameron kritisierte, es sei "ein Skandal", dass dem Militär nicht genug Mittel zur Verfügung gestellt würden.

Unzureichende Ausrüstung

"Wir haben unsere Soldaten im Stich gelassen", sagte auch Adam Holloway, Abgeordneter der oppositionellen Konservativen Partei und Mitglied im Verteidigungsausschuss. "Die Zahl der Todesopfer zeigt, dass wir es entweder richtig oder gar nicht machen sollten." Nach Holloways Meinung hatte Großbritannien nie die Truppenstärke, um sich in Afghanistan zu behaupten. Die Soldaten hätten es nicht geschafft, wie versprochen für Sicherheit und Wiederaufbau zu sorgen. Das lasse viele Afghanen glauben, dass die Taliban den westlichen Truppen überlegen seien. "Wir sitzen in der Tinte", bilanziert Holloway.

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"Lagen wir falsch?" fragt auch die konservative britische Zeitung "Times" am Samstag. Zwar wird der Afghanistan-Einsatz nicht in Frage gestellt, doch die Taktik der Regierung schwer kritisiert. "Die Fehler liegen an der Heimatfront", schreibt die "Times", "die Regierung war zögernd und unsicher, überzeugende Argumente für den Krieg zu liefern. Der Einsatz in Afghanistan muss gewonnen werden. Und es ist an der Zeit, dass die Regierung einen besseren Job macht, dafür im eigenen Land zu kämpfen."

Kritiker bemängeln vor allem die ihrer Meinung nach unzureichende Ausrüstung der britischen Truppen in Afghanistan. Insbesondere würden mehr Hubschrauber benötigt. Die meisten Opfer gebe es bei der Explosion von Bomben am Straßenrand, sagt Charles Guthrie, ehemaliger Stabschef der britischen Streitkräfte. Weil zu wenig Hubschrauber für den Truppentransport zur Verfügung stünden, müssten die Soldaten sich dieser Gefahr aussetzen. "Hätte es mehr (Helikopter) gegeben, wären höchstwahrscheinlich weniger Soldaten von Bomben getötet worden", sagte Guthrie der "Daily Mail". Der "Telegraph" kritisiert, immer noch seien zu viele Soldaten in Fahrzeugen unterwegs, die erwiesenermaßen nicht gegen Minen abgesichert seien, doch leistungsfähigere Panzer würden nicht vor nächstem Jahr ausgeliefert.

Brown: "Harter Sommer noch nicht vorbei"

"Demütigend" empfindet "Guardian"-Kommentator Simon Jenkins die ungenügende Ausstattung der britischen Truppen, die zunehmend auf die Hilfe der Amerikaner angewiesen seien. Kommentator Matt Waldman fordert intensiveres Engagement gegen Armut und für den Schutz von Zivilisten. Die Interessen des afghanischen Volkes müssten verfolgt werden und internationalen Bemühungen vereinheitlicht, nur auf diesem Weg könne die Sicherheit im Land hergestellt werden.

Verteidigungsminister Bob Ainsworth und Premierminister Gordon Brown verwiesen auf die Bedeutung des Anti-Terror-Einsatzes am Hindukusch. Er spiele eine bedeutende Rolle für die Sicherheit Großbritanniens, sagte Brown am Freitag. Eine "Kette des Terrors" führe aus den Bergen und Dörfern Afghanistans in die Straßen Großbritanniens. Auf dem G-8-Gipfel seien sich alle einig gewesen: "Dies ist eine Aufgabe, der sich die Welt gemeinsam annehmen muss, und dies ist eine Aufgabe, die wir erfüllen müssen." Brown warnte allerdings, dass der "sehr harte Sommer" noch nicht vorbei sei. Auch Außenminister David Miliband verteidigte den Einsatz. Die Soldaten kämpften "für die Zukunft Großbritanniens". Afghanistan dürfe nicht wieder zur "Brutstätte des Terrorismus" werden, sagte er am Samstag der BBC.

Britische Medien berichten hingegen von einer zunehmenden Unsicherheit der Regierung in militärischen Fragen. Großbritannien habe demnach in den letzten Tagen über die Entsendung von weiteren 2000 britischen Soldaten in die Unruheprovinz Helmand nachgedacht, die Pläne jedoch verworfen, berichtet der "Guardian". Gordon Brown habe Kritikern gegenüber erklärt: "Unter den Leuten, die jetzt fordern 'Wir sollten mehr tun und weitere Truppen nach Afghanistan schicken' sind einige, die noch vor kurzem riefen 'Wir verschleudern unsere Armee'."

Derzeit sind in Afghanistan rund 8300 Briten im Einsatz. Großbritannien hatte seine militärische Präsenz bis zu den afghanischen Wahlen im kommenden Monat vorübergehend um einige hundert Soldaten aufgestockt.

cpa/dpa/AP



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