Britisch-französisches Bündnis Spardruck zwingt Sarkozy und Cameron zu Militärpakt

Die Rivalität hat ein Ende. Erstmals in ihrer Geschichte wollen die Militärgroßmächte Frankreich und Großbritannien bei Flugzeugträgern und Atomraketen zusammenarbeiten - der Kostendruck lässt ihnen keine andere Wahl.

REUTERS

London - Tausend Mal diskutiert, tausend Mal ist nichts passiert: So ungefähr lassen sich die jahrzehntelangen Überlegungen von Großbritannien und Frankreich zur militärischen Zusammenarbeit beschreiben. Beide Nationen waren stets zu stolz, sich vom Erzrivalen in die Karten blicken zu lassen.

Nun aber führt der Sparzwang auf beiden Seiten des Ärmelkanals zu einem Umdenken: Am Dienstag kündigten der britische Premierminister David Cameron und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy in London die bislang weitreichendste Kooperation der beiden führenden Streitkräfte Europas an.

Die beiden unterzeichneten zwei Verträge, in denen mehrere dutzend gemeinsame Projekte beschlossen wurden:

  • Die Flugzeugträger beider Länder sollen so umgerüstet werden, dass künftig alle britischen und französischen Flugzeuge hier starten und landen können. Insbesondere Großbritannien ist auf französische Jets angewiesen, weil die neuen britischen Träger aus Kostengründen bis 2020 ohne eigene Kampfflieger auskommen müssen.
  • Die Atomforschung und Wartung der britischen und französischen Nuklearsprengköpfe will man künftig gemeinsam betreiben. In Frankreich soll ein neues gemeinsames High-Tech-Labor errichtet werden. Die Zusammenarbeit auf dem Gebiet war bislang tabu, weil die Briten mit dem hochgeheimen amerikanischen Trident-System arbeiten, während die Franzosen ihre eigene Technik entwickelt haben.
  • Britische und französische Soldaten sollen eine gemeinsame schnelle Eingreiftruppe von 10.000 Mann für Krisen bilden. Sie werden zusammen üben, aber im Heimatland stationiert sein. Der Einsatzkommandeur im Feld ist entweder Franzose oder Brite.
  • Die neuen Transport-Flugzeuge A400M, die ab 2012 in Dienst treten, sollen gemeinsam genutzt werden. Frankreich will auch auf neue britische Tankflugzeuge zugreifen, Großbritannien so Kosten sparen.

Dies sind nur die wichtigsten Punkte einer langen Liste. Die Verträge seien vor allem dem Pragmatismus geschuldet, sagte Cameron am Dienstag vor Journalisten. Es gehe um lauter praktische Dinge wie den Abbau von Doppelstrukturen und die Schließung von Lücken bei den eigenen Streitkräften. Der Pakt mache "perfekten Sinn in einer Welt, in der die Ressourcen knapp und die Interessen zunehmend gleich sind", hatte der britische Verteidigungsminister Liam Fox zuvor bereits der britischen BBC gesagt.

Bewegende Begegnung auf dem Atom-U-Boot

Insbesondere die nukleare Zusammenarbeit ist ein Meilenstein. Die "beispiellose" Kooperation zeige "das Ausmaß des Vertrauens zwischen unseren Nationen", sagte Sarkozy. In den vergangenen Monaten haben französische und britische Atomwissenschaftler ihren Atom-U-Boot-Flotten gegenseitig einen Besuch abgestattet und zum ersten Mal überhaupt hinter die Kulissen der anderen geguckt. Es sei ein "bewegender Moment" gewesen, zitierte die "Financial Times" einen der Teilnehmer.

Den Briten eröffnet der Pakt Zugang zum Atomtest-Simulationsprogramm der Franzosen. Beide Nationen haben sich vor Jahren verpflichtet, keine realen Atomtests mehr durchzuführen. Frankreich hat seither in einen teuren Supercomputer investiert, um die Tests zu simulieren. Davon wollen die Briten nun profitieren.

Verteidigungsexperten halten die Militärpartnerschaft seit langem für überfällig. Die nationalen Sicherheitsstrategien der beiden Nachbarn spiegeln nahezu identische Sorgen und Bedrohungsszenarien. Zusammen sind sie für 45 Prozent der europäischen Verteidigungsausgaben verantwortlich. Im Laufe der Jahrzehnte hatte es auch immer wieder Gespräche über eine Kooperation gegeben - meist jedoch ohne Erfolg. 1998 etwa verkündeten Tony Blair und Jacques Chirac in St. Malo eine "neue Ära" in den militärischen Beziehungen. Dann kam der Irak-Krieg, und die beiden fanden sich stattdessen in entgegen gesetzten Lagern wieder: Blair wurde zum wichtigsten Helfer der USA, Chirac zu einem der Hauptkritiker.

Vorstöße für eine koordinierte Verteidigungspolitik scheiterten regelmäßig am nationalen Eigensinn der beiden Atommächte. Obwohl ihre Imperien längst Geschichte sind, wachen Briten und Franzosen bis heute eifersüchtig über ihren Weltmachtstatus. Die schwelende Rivalität flackerte immer wieder auf - etwa als die Argentinier im Falkland-Krieg 1982 mit französischen Exocet-Raketen auf die britische Flotte schossen.

Nun wollen Cameron und Sarkozy die alten Reflexe überwinden. Großbritannien und Frankreich seien "natürliche Partner", sagte Cameron. Sarkozy sprach von einer "außergewöhnlichen Partnerschaft". Es wird auch höchste Zeit, dass die historische Rivalität der Vernunft weicht. Schließlich ist es fast 200 Jahre her, dass die Nachbarn zum letzten Mal gegeneinander Krieg geführt haben: 1815 war Napoleon in Waterloo von Wellington besiegt worden.

Tiefes Misstrauen

Das Misstrauen sitzt aber immer noch tief, wie einige Reaktionen der britischen Presse zeigten. Die Aussicht, dass die britische Elitetruppe SAS künftig unter französischem Befehl kämpfen müsste, war dem "Daily Telegraph" am Dienstag einen Aufmacher auf der ersten Seite wert. Und in der Pressekonferenz wurde Cameron von einem britischen Journalisten gefragt: "Sind Sie sicher, dass Sie den Franzosen die nächsten 50 Jahre vertrauen können?"

Die Frage schien Sarkozy zu irritieren. In Frankreich werde die Souveränität nicht weniger hochgehalten als in Großbritannien, beschied er den Fragesteller. Aber man müsse doch eine Vision haben. Beiden Regierungschefs ist die Skepsis des Heimatpublikums bewusst. Daher schreckten sie vor einer weitergehenden Integration des Atomprogramms zurück. Bereits im März war Sarkozy beim damaligen Premier Gordon Brown mit dem Vorschlag abgeblitzt, Atom-U-Boote zu teilen. Auch Cameron wollte nicht so weit gehen - der Status als eigenständige Atommacht ist für die Tories nicht verhandelbar.

Dabei wäre eine Ressourcenbündelung sinnvoll. Beide Länder haben vier Atom-U-Boote, von denen mindestens eins immer auf See in Alarmbereitschaft ist. Würden sie sich mit der Patrouille abwechseln, könnten beide Länder ihre Flotte um zwei Boote reduzieren, ohne auf eine ständige atomare Abschreckung zu verzichten. Cameron betonte jedoch, beide Länder würden eigenständige Militärmächte bleiben. Es gehe nicht um ein gemeinsames Atomprogramm oder eine europäische Armee, sondern darum, dass "unsere Weltklassestreitkräfte enger zusammenarbeiten als je zuvor".

Auch die Bedenken, dass eine engere Allianz zwischen Großbritannien und Frankreich zu Lasten der "special relationship" zu den USA gehen könne, wurden in London weggewischt. Die US-Regierung unterstützt die neue Partnerschaft, zumal, da Frankreich vergangenes Jahr in die Nato zurückgekehrt war. Das Pentagon ist vor allem darauf bedacht, dass die europäischen Partner kampffähig bleiben - und so das US-Militär bei internationalen Einsätzen entlasten können.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hatte die britisch-französischen Pläne bereits im Oktober begrüßt. In Zeiten schrumpfender Verteidigungshaushalte, sagt er, könne diese Zusammenarbeit ein Modell für die Nato sein.

insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
yomow 02.11.2010
1. -/-
Vielleicht ein erster Schritt zu einer EU-Armee oder wenigstens einer EU-Eingreiftruppe. Wieviel Geld dafür verballert (im wahrsten Sinne des Wortes) wird, dass jeder Staat seine komplett eigene Armee unterhält...
Schleswig 02.11.2010
2. xxx
Zitat von sysopDie Rivalität hat ein Ende.*Erstmals in ihrer Geschichte wollen die*Militärgroßmächte*Frankreich und Großbritannien bei Flugzeugträgern und Atomraketen zusammenarbeiten - der Kostendruck lässt ihnen keine andere Wahl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,726764,00.html
Dem sollte sich DE anschließen. Zwar gibt es wie gehabt, die üblichen Hauerei und Eifersüchteleien, aber meistens kam dabei was Vernünftiges heraus. Siehe Airbus u.s.w.
M@ESW, 02.11.2010
3. _
Zitat von yomowVielleicht ein erster Schritt zu einer EU-Armee oder wenigstens einer EU-Eingreiftruppe. Wieviel Geld dafür verballert (im wahrsten Sinne des Wortes) wird, dass jeder Staat seine komplett eigene Armee unterhält...
Solange Deutschland daraus gehalten wird sicher eine gute Sache. Sobald Deutschland da auch nur das kleinste bißchen Mitspracherecht bekommt ist das Projekt gescheitert, dann rückt diese nämlich niemals aus.
Tastenhengst, 02.11.2010
4. Nix neues
Die Kooperation bei Flugzeugträgern ist schon 6 Jahre alt (http://de.wikipedia.org/wiki/Porte-Avions_2). Gemeinsame Rüstung gibt es noch länger, z.B. den Jaguar (http://de.wikipedia.org/wiki/SEPECAT_Jaguar). Gemischtnationale Großverbände sind auch nichts neues, siehe die Deutsch-Französische Brigade. Nur bei den Briten gibt es das noch nicht so oft, dort werden die äußerst traditionsreichen Regimenter aber auch mal amerikanischen Oberkommando unterstellt.
LJA 02.11.2010
5. Genau das
ist der Punkt, an dem hier wieder einmal eine Chance vertan wird. Eine Europäische Armee wird früher oder später kommen. Je länger man jedoch damit wartet, desto teurer wird es. In der Zwischenzeit leistet sich jedes Land einen eigenen Planungsstab, eigene Beschaffungsämter und eigene Institute, die erforschen sollen, wie denn am besten die nächste Generation von Uniformen oder Waffensystemen ausschauen soll. Alles mindestens 20fach vorhanden, ohne dass dadurch bessere Ergebnisse erzielt würden. Ganz im Gegenteil, die Aufsplitterung erschwert die kurzfristige Zusammenarbeit und macht Europa dadurch militärisch schwach.
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