Britische Armee im Irak Soldat gesteht systematische Folter von Gefangenen

Das Ausmaß der Foltervorwürfe gegen die britische Armee ist offenbar größer als bisher angenommen: Ein bereits verurteilter Soldat hat erstmals gestanden, irakische Gefangene regelmäßig misshandelt zu haben - auch seine Vorgesetzten waren demnach an "routinemäßiger" Folter beteiligt.

REUTERS

London - Britische Soldaten sollen nach Aussagen eines ehemaligen Militärangehörigen im Irak nicht nur in Einzelfällen, sondern systematisch gefoltert haben. Der einzige Verurteilte im Prozess um einen getöteten Iraker sagte am Montag in einer öffentlichen Anhörung aus, er habe das Ausmaß der Folter wegen "fehlgeleiteter Loyalität" bislang verschwiegen.

Aus "Routine" habe er mit seinen ehemaligen Kameraden Gefangene "heftig getreten und geschlagen". Die Soldaten seien der Anweisung ihres Leutnants gefolgt. Der Ex-Soldat war vor drei Jahren wegen Kriegsverbrechen zu einem Jahr Haft verurteilt worden. Sechs seiner Kameraden waren freigesprochen worden.

An der Folter einer Gruppe von Gefangenen hätten sich alle Angehörige der Armee-Einheit einschließlich ihres Führers beteiligt, sagte der Verurteilte Donald Payne. Der Leutnant habe "einen Kanister Benzin vor dem Jungen platziert". "Er goss Wasser über ihn und zündete dann ein Streichholz an."

Der Leutnant hatte zuvor Gewalt gegen die Gefangenen bestritten. An der Leiche des getöteten Irakers waren 93 unterschiedliche Verletzungen festgestellt worden.

Schlafentzug und sexueller Missbrauch

Am Wochenende hatte das Verteidigungsministerium in London Ermittlungen eingeleitet, nachdem der "Independent" über 33 Misshandlungsfälle berichtet hatte. Die britischen Soldaten sollen ähnliche Methoden angewandt haben wie die US-Soldaten im berüchtigten Gefängnis Abu Ghuraib bei Bagdad. Die Vorwürfe beziehen sich auf den Zeitraum zwischen 2003 und 2007. Als ein möglicher Tatort wurde das von britischen und US-Soldaten geführte Camp Bucca genannt.

In der öffentlichen Anhörung sprachen mehrere Zeugen davon, dass britische Soldaten im Irak Methoden der "Konditionierung" anwendeten. Dazu zählten die Abdeckung des Kopfes, Schlafentzug und das Aufstellen von Gefangenen in schmerzhafte Stresspositionen. Diese Methoden hatte die britische Regierung 1972 verboten.

Am Montag veröffentlichte der "Independent" weitere Details zu den Foltervorwürfen.Britische Soldaten sollen demnach einen irakischen Gefangenen in eine orangefarbene Uniform gezwungen und gedroht haben, ihn im US-Gefangenenlager Guantanamo hinzurichten. Der heute 23-Jährige sei geschlagen und von männlichen und weiblichen Soldaten sexuell misshandelt worden, sagte sein Anwalt.

amz/dpa/AFP



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