Britische Veteranen-Studie Verroht und verurteilt

Sie kämpften im Irak und in Afghanistan, wurden zu Hause als Helden gefeiert - doch mit dem Leben nach der Armee kommen viele Soldaten Ihrer Majestät nicht klar. Eine aktuelle Studie zeigt: Britische Veteranen geraten besonders häufig in Konflikt mit dem Gesetz, Tausende sitzen im Gefängnis.

Britische Soldaten (in Afghanistan): Viele Veteranen sitzen im Gefängnis
REUTERS

Britische Soldaten (in Afghanistan): Viele Veteranen sitzen im Gefängnis


Als John nach neun Jahren Dienst aus der britischen Armee entlassen wurde, fiel er in ein Loch. Er wusste nichts mit sich anzufangen. In der Armee hatte er sich das Trinken angewöhnt, nun setzte er sich alkoholisiert hinters Steuer - und tötete bei einem Unfall einen anderen Autofahrer. Viereinhalb Jahre musste er dafür ins Gefängnis. "Ich war ein Single, der keine Stabilität in seinem Leben hatte", erklärt der Ex-Soldat. "Ich fand es schwierig, mich anzupassen."

Die Geschichte, die John in einem Video auf der Website des britischen "Guardian" erzählt, ist eine von Tausenden. Über 20.000 Veteranen der britischen Streitkräfte sind einer neuen Studie zufolge nach ihrer Entlassung mit dem Gesetz in Konflikt geraten - viele unter Einfluss von Alkohol und Drogen. 8500 davon sitzen im Gefängnis, weitere 12.000 sind auf Bewährung oder wurden zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Die alarmierenden Zahlen wurden am Freitag von der britischen Vereinigung der Bewährungshelfer (Napo) veröffentlicht.

Die Zahl der verurteilten Veteranen ist der Studie zufolge in den vergangenen fünf Jahren um 30 Prozent gestiegen. Nahezu jeder zehnte Häftling im britischen Justizsystem ist damit ein ehemaliger Soldat Ihrer Majestät.

"Soldaten müssen mental einen Schalter umlegen"

Die "Schockstudie" ("Daily Mail") zeigt die versteckten Kosten der britischen Auslandseinsätze. "Wenn wir Menschen auffordern, schreckliche Dinge zu tun und regelmäßig in Feuergefechten und im Nahkampf zu stehen, dann kommen wir zu dem Punkt, dass sie gegenüber Gewalt abstumpfen", sagte der Psychologe Tim Robbins.

Der Napo-Bericht basiert auf älteren Zahlen aus dem Jahr 2008 und 90 neuen Fallstudien aus dem Sommer 2009. Diese veranschaulichen die Verbindung zwischen Kampfeinsatz und Verrohung. Die 90 Soldaten haben in Nordirland, Bosnien, Irak und Afghanistan gedient. 57 wurden später für Gewaltanwendung verurteilt, die meisten für häusliche Gewalt. In weiteren zehn Fällen ging es um Missbrauch von Kindern. Die Hälfte litt unter Depressionen und posttraumatischem Stresssyndrom. Ein gutes Drittel hatte ein Alkoholproblem. Die Ergebnisse bestätigten eine ähnliche Napo-Umfrage unter Bewährungshelfern vom vergangenen Jahr.

Soldaten-Interessenvertreter zeigten sich nicht überrascht. "Wenn Sie jemanden zum Töten ausbilden, müssen Sie ihn dazu bringen, mental einen Schalter umzulegen", sagte Tracey Johnson von der Interessengruppe "Veterans in Prison" der "Sun". "Das Problem ist, dass er nach der Rückkehr ins zivile Leben nicht wieder ausgeschaltet wird."

Veteran John sagte, es sei unglaublich, wie viele Ex-Soldaten er im Gefängnis getroffen habe. "Diese Leute haben echte psychologische Probleme", sagte er. "Sie sind gefährlich."

Britisches Verteidigungsministerium widerspricht der Kritik

Der stellvertretende Generalsekretär der Napo, Harry Fletcher, forderte eine bessere psychologische Betreuung der Soldaten während ihres Dienstes und nach der Entlassung. Auch müsse der Alkoholmissbrauch in der Truppe stärker bekämpft werden. In der Studie heißt es: "Wenige der Befragten berichteten, nach ihrer Entlassung aus den Streitkräften psychologisch betreut worden zu sein."

In einem BBC-Interview räumte Fletcher ein, dass einige Soldaten schon aufgrund ihres Lebenslaufs vor dem Armeedienst dazu prädestiniert seien, früher oder später im Gefängnis zu landen. Aber die Hinweise seien erdrückend, dass die unzureichende Betreuung beim Militär eine wesentliche Rolle spiele. Die hohe Zahl von inhaftierten Veteranen sei "inakzeptabel".

Das britische Verteidigungsministerium wies die Kritik zurück. Die "übergroße Mehrheit" der Soldaten schaffe eine erfolgreiche Rückkehr ins zivile Leben, teilte die Behörde mit. 94 Prozent aller Veteranen fänden innerhalb von sechs Monaten einen Job. "Eine kleine Anzahl kann ernste Schwierigkeiten haben", räumte das Ministerium ein. Für diese biete man jedoch Hilfe an.

Die Napo-Studie ist nicht die erste, die Handlungsbedarf nahelegt. Bereits 2007 kam ein Bericht von "Veterans in Prison" zu einem ähnlichen Ergebnis. Vergangenes Jahr hatte die Regierung auf Druck aus dem Parlament zugesagt, verlässliche Zahlen über das Ausmaß des Veteranen-Problems zu beschaffen. Doch wurde dies bisher verschleppt. Der Premierminister sei sich des Problems bewusst, teilte Downing Street am Freitag mit.

Der "Guardian" erinnerte die Regierung in einem Leitartikel an die besondere Fürsorgepflicht gegenüber den Veteranen: Wenn sich ein 16-Jähriger ohne große Erfahrung verpflichte und dann besonderen mentalen Gefahren ausgesetzt sei, schulde ihm das Land "Fürsorge, die nicht enden darf, wenn er das Lager verlässt".

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Seite 1
AndyH 09.09.2009
1.
Das wird eine neue 30 jährige Krieg. Das Ende kommt wenn Pakistan kippt. Dann wird es ernst.
backtoblack 09.09.2009
2. Zwei Jahre noch!
Zitat von sysopDie jüngste Kontroverse um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan setzt sich fort. Auch Umfang und Dauer der Nato-Präsenz am Hindukusch werden diskutiert. Wie lange und in welcher Form soll die Nato noch in Afghanistan tätig sein?
Ende dieses Jahres muss der neu gewählte Bundestag ohnehin über die Verländerung des Mandats befinden. Bis dahin sollte, von welcher einsatzkritschen Partei auch immer, ein Ausstiegsszenario vorliegen. Zwei Jahre dürften genügen, die Rudimente dessen zu schaffen, was man ja ohnehin schon tun wollte, z.B. für eine effiziente Polizeistruktur. Unabdingbar dafür ist, wie heute zu Recht die russische Zeitung Kommersant kommentierte, dass die Wahlen bis dahin eine glaubwürdige Regierung hervorgebracht haben. Wir alle wissen, dass dies wohl kaum der Fall sein wird. Dann darf die potentielle Karsai-Regierung aber auch von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt werden. Eine Exit-Strategie funktioniert nur mit einer leidlich glaubwürdigen Regierung. Man mag dies alles für nicht machbar halten. Die Alternative ist dann ein nicht-endenwollender Krieg, die Bundeswehr als Anti-Guerrilla-Einheit und ein verdammt hoher Blutzoll. Möchte wissen, welche Bundesregierung einen solchen Krieg politisch durchstehen will, der jetzt schon länger dauert als der zweite Weltkrieg.
Krischan01 09.09.2009
3. Schon längst werden wir alle zu Mördern.
Zitat von sysopDie jüngste Kontroverse um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan setzt sich fort. Auch Umfang und Dauer der Nato-Präsenz am Hindukusch werden diskutiert. Wie lange und in welcher Form soll die Nato noch in Afghanistan tätig sein?
Am besten wahre ein schnellst möglicher Abzug der Soldaten in einem Geordneten Rückzug mit Anschließender Ziviler Aufbauhilfe! Schon längst werden wir alle zu Mördern. Zumindest trifft das auf alle Befürworter des Kriegs in Afghanistan zu und jene die Schweigen machen sich zumindest mitschuldig. Auch wenn Kriegsminister Jung alle Gegner des Kriegs in Deutschland Unverholen zu Unterstützern der Taliban verunglimpft gibt es immer weniger Menschen in Deutschland die sich Blenden lassen und am Tot unschuldiger Kinder wie beim letzten von der Bundswehr zu verantwortenden Luftschlag auf gestohlene Tankwagen das wie es heißt Robuste Mandat unterstützen wollen. Nach dem zwischen Aufklärung und Luftschlag durch das zögern des Verantwortlichen Oberst Klein eine zu lange Zeit vergangen war hätten Kenner der Situation in Afghanistan davon ausgehen müssen das sich die Situation geändert hat und eine Gefährdung unschuldiger nicht mehr ausgeschlossen ist. Noch schlimmer als diesen Fehler des Oberst schätze ich dir Vertuschungsversuche ein die uns von einem Erfolg der vermeintlichen Angriffe unterjubeln sollten. Schon mehr als Peinlich ist es in diesem Zusammenhang wenn wir durch die Chef - Agitatoren von Phönix weiter darauf eingeschworen werden unsere angeblichen Versprechen die Rechte der Afghanen mit Gewalt zu Verteidigen. Unterdessen so kann man in der Neuen Züricher Zeitung lesen "spricht ein Distrikt-Gouverneur sogar von 135 Toten. Abdul Wihid Omarkhel sagte der Nachrichtenagentur DPA, er habe eine Liste der Opfer erstellt und der Delegation von Präsident Hamid Karsai übergeben, die den Vorfall ebenfalls untersucht. Es sei unklar, wie viele der Toten Zivilisten gewesen seien. Unter den Opfern seien aber viele Kinder." Die Offiziellen Zahlen der Opfer haben sich mittlerweile als Falsch erwiesen und sollten wahrscheinlich die Bürger bis nach der Wahl täuschen
Specht, 09.09.2009
4.
Zitat von sysopDie jüngste Kontroverse um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan setzt sich fort. Auch Umfang und Dauer der Nato-Präsenz am Hindukusch werden diskutiert. Wie lange und in welcher Form soll die Nato noch in Afghanistan tätig sein?
Nach Akzeptanz einer neuen Marionettenregierung, deren Inauguration durch Wahlbetrug zustandekam, muss dieser Regierung dringend eine schlagräftige Polizei zur Seite gestellt werden. Nach Einrichtung dieses funktionsfähigen Polizeistaates können wir unsere Demokratie- und Freiheitsmission einstellen und abziehen. Die Afghanen werden uns das auf ihre Weise vergelten.
gg art 5 09.09.2009
5.
Zitat von sysopDie jüngste Kontroverse um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan setzt sich fort. Auch Umfang und Dauer der Nato-Präsenz am Hindukusch werden diskutiert. Wie lange und in welcher Form soll die Nato noch in Afghanistan tätig sein?
Antwort ist doch klar. Solange USA es will.
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