Britische Zeitzonen-Debatte Big Ben soll mitteleuropäisch schlagen

Es wäre eine kleine Revolution: Die Briten überlegen, ob sie die Greenwich Mean Time abschaffen - und die Uhren wie in Mitteleuropa stellen. Das Unterhaus hat die Frage schon debattiert. Traditionalisten mobilisieren gegen die "Berlin-Zeit".
Big Ben in London: Gehen die britischen Uhren bald mitteleuropäisch?

Big Ben in London: Gehen die britischen Uhren bald mitteleuropäisch?

Foto: Peter Macdiarmid/ Getty Images

Großbritannien

Sie ist neu im Unterhaus. Und sie hat sich gleich im ersten Jahr etwas Schlagzeilenträchtiges vorgenommen. Die konservative Abgeordnete Rebecca Harris will die Uhren im ganzen Land eine Stunde vorstellen - sommers wie winters. Damit würde der Zeitunterschied zwischen und dem europäischen Kontinent wegfallen.

Unterhaus

David Cameron

Der Vorschlag, der im Dezember im in zweiter Lesung behandelt wurde, passt zum Ansatz der liberalkonservativen Regierung, in der Krise alle liebgewordenen Traditionen auf den Prüfstand zu stellen. Das Parlament könnte schon 2011 darüber entscheiden. Premierminister hat immerhin zugesagt, die Idee wohlwollend zu prüfen.

Die Zeitumstellung würde dazu führen, dass die meisten Briten mehr Tageslicht in ihrem Alltag hätten, sagt die 43-jährige Abgeordnete Harris. Am Morgen würde es später hell, dafür am Abend auch später dunkel. Das entspreche dem Arbeitsalltag und Freizeitverhalten der Mehrheit.

Die Einführung der sogenannten "doppelten Sommerzeit" hätte außerdem handfeste wirtschaftliche und ökologische Vorteile, argumentiert Harris. Stromverbrauch und CO2-Emissionen würden sinken, die Zahl der Verkehrstoten zurückgehen, der Tourismus boomen und die allgemeine Zufriedenheit steigen. Insgesamt, so die Abgeordnete, wäre die Nation "glücklicher, gesünder und wohlhabender". Und das alles nur durch eine "kleine Umstellung unserer Uhren".

"So weit war der Vorschlag noch nie"

Angesichts der Fülle positiver Nebenfolgen stellt sich die Frage, warum die Briten nicht schon längst die Zeitzone gewechselt haben.

Tatsächlich taucht die Idee mit schöner Regelmäßigkeit in der Öffentlichkeit auf. Allein seit 1994 wurde sie achtmal im Unterhaus debattiert, dann jedoch jedes Mal ergebnislos zu den Akten gelegt worden. Es gab stets dringendere Probleme - und niemand wollte sich zu so einem radikalen Schritt durchringen.

Diesmal könnte es anders kommen. Harris' Gesetzesvorschlag wurde nicht wie alle früheren in der zweiten Lesung beerdigt, sondern erstmals zur weiteren Ausarbeitung in die Ausschüsse verwiesen. "So weit war der Vorschlag noch nie", sagt Madeline Carroll, Sprecherin der Kampagne "Lighter later". Die Interessengruppe kämpft seit März für die Zeitumstellung, und sie hat es geschafft, eine breite Allianz zu schmieden.

Unterstützung von Greenpeace und dem Fußballverband

Über 300 Organisationen, von Greenpeace bis zum Fußballverband FA, unterstützen die Initiative. Mehrere zehntausend Unterschriften von Wählern haben auch die großen politischen Parteien überzeugt, sich dafür auszusprechen. Die Kampagne hat eine Reihe von Studien und Umfragen erstellen lassen, die alle zu dem Schluss kommen: Es ist höchste Zeit, die Zeiger am Big Ben und den anderen Türmen des Landes eine Stunde vorzudrehen.

Selbst der von Londoner Bankern stets gerühmte Standortvorteil, eine Stunde näher an der Wall Street zu sein, lässt sich nun kontern: Inzwischen scheint es mindestens ebenso wichtig, eine Stunde näher an den Finanzplätzen Asiens zu sein.

Ob all das reicht, um die Traditionsbataillone auf der Insel zu überstimmen, ist fraglich. Denn so vernünftig die Argumente für die Zeitumstellung sein mögen, so stark sind die Emotionen dagegen.

Schottland fürchtet die Dunkelheit

In Schottland werden die Zeitumstellungspläne seit jeher als Angriff aus England gewertet. Der Widerstand ist hier am größten, weil die Sonne am kürzesten Tag des Jahres an einzelnen Orten erst um zehn Uhr aufginge. Mit Schaudern erinnert sich mancher an das Experiment von 1968 bis 1971, als die Sommerzeit auch im Winter galt und Schulkinder in tiefster Finsternis zur Schule gehen mussten. Die Zeitumstellung werde Schottland "in die Dunkelheit stürzen", warnt der Abgeordnete der schottischen Nationalisten, Angus MacNeil.

Als Totschlagargument könnte sich jedoch erweisen, dass die Uhren nach der Zeitumstellung nicht mehr nach der in England erfundenen Greenwich Mean Time, sondern nach mitteleuropäischer Zeit laufen. Die Europa-Gegner auf der Insel laufen sich bereits warm.

"Lasst euch nicht dazu zwingen, euer Leben unter Berlin-Zeit zu leben", titelte die konservative Boulevardzeitung "Mail on Sunday" vorsorglich im November. Die mitteleuropäische Zeit sei von Kaiser Wilhelm II. erfunden und bereits zweimal, 1914 und 1940, von den Deutschen ganz Europa aufgedrückt worden. Deshalb müsse man heute den "Standardisierungsfanatikern in Brüssel und Frankfurt" Einhalt gebieten.

"Verschwendung des Tageslichts"

Die "Mail" fuhr gleich eine mehrwöchige Kampagne - ein kleiner Vorgeschmack auf das, was im neuen Jahr zu erwarten ist, wenn das Gesetz seinen Weg durch die parlamentarischen Instanzen macht.

Dabei wird die Greenwich Mean Time schon lange für unpraktisch befunden. Schon sehr lange - bereits 1907 verfasste der englische Bauunternehmer William Willett einen Aufsatz über die "Verschwendung des Tageslichts", nachdem er bei seinen morgendlichen Ausritten viele zugezogene Gardinen bemerkt hatte. Dank seiner Lobby-Bemühungen wurde 1915 die Sommerzeit eingeführt.

Im Zweiten Weltkrieg dann, als es auf jede Ressource ankam, entschied die Regierung, die mitteleuropäische Zeit einzuführen, um möglichst effizient zu wirtschaften. Sobald der Krieg gewonnen war, wurden die Uhren jedoch wieder zurückgestellt.

Seither sind zahllose Versuche, die Zeitzone zu wechseln, im Unterhaus zerredet worden. Die Initiatoren des neuesten Anlaufs gehen daher vorsichtiger vor: Sie haben zunächst nur eine offizielle Regierungsstudie zum Thema beantragt, um die Fakten zu klären. In einem zweiten Schritt wollen sie dann einen dreijährigen Probelauf durchsetzen. Harris appellierte an ihre Kollegen im Unterhaus: "Viel zu häufig haben wir die Tatsachen verdrängt und uns von Emotionen und Misstrauen leiten lassen."