Britischer Geheimdienst Saddam rettete sich offenbar in letzter Minute

Der irakische Staatschef Saddam Hussein hat den gezielten Bombenangriff auf ein Wohnhaus in Bagdad nach Erkenntnissen des britischen Geheimdienstes überlebt. Er soll mit dem Auto oder durch einen Tunnel entkommen sein.


Schwere Schäden in der irakischen Hauptstadt, aber Saddam Hussein ist den Luftangriffen wohl entkommen
AFP

Schwere Schäden in der irakischen Hauptstadt, aber Saddam Hussein ist den Luftangriffen wohl entkommen

Bagdad - "Er war wahrscheinlich nicht in dem Gebäude, als es bombardiert wurde", sagte ein anonymer britischer Geheimdienstler der englischen Zeitung "Guardian". Ein anderer sagte der "Times": "Wir glauben, er hat das Gebiet auf demselben Weg verlassen, auf dem er gekommen ist: Entweder durch einen Tunnel oder mit dem Auto, da sind wir nicht sicher."

Bei dem Luftangriff hatte ein amerikanisches Flugzeug vier schwere Bomben abgeworfen, die drei Häuser zerstörten. Angaben des US-Militärs, der Angriff habe eigentlich einem nahe gelegenen Restaurant gegolten, wurden später am Dienstag wieder zurückgenommen: Das anvisierte Ziel sei getroffen worden, hieß es. Retter konnten bislang drei Leichen aus den Trümmern bergen, darunter einen älteren Mann, einen kleinen Jungen und eine 20-jährige Frau.

Bagdad: Trümmer nach dem Angriff auf das Wohngebiet Mansur
AP

Bagdad: Trümmer nach dem Angriff auf das Wohngebiet Mansur

Das Pentagon hatte sich zunächst optimistisch gegeben, Saddam getötet zu haben. Später revidierte das US-Verteidigungsministerium seine Einschätzung. Generalmajor Stanley McChrystal sagte am Abend in Washington, der irakische Regierungschef kontrolliere offenbar noch immer Einheiten der Republikanischen Garde und Todesschwadrone.

Aus der irakischen Hauptstadt sind am frühen Mittwochmorgen erneut schwere Explosionen gemeldet worden. Amerikanische Truppen griffen aus der Luft und mit schwerer Artillerie irakische Positionen in der Stadt an, berichtete der Sender BBC. Die Fünf-Millionen-Stadt sei von den US-Truppen größtenteils umzingelt. In der Nacht zum Mittwoch hatte der amerikanische Nachrichtensender CNN noch von "intensivem Widerstand" irakischer Truppen berichtet.

In der Innenstadt sei derzeit insgesamt eine Armeebrigade, zitierte CNN ein Mitglied des US-Generalstabs in Washington. Die amerikanischen Soldaten bewegten sich "nach Belieben" in Bagdad. Das Ende des Regimes von Saddam Hussein sei näher, als viele geglaubt haben, hieß es aus dem Pentagon.

Symbol eines Pyrrhus-Sieges: US-Panzer unter dem Siegesbogen, errichtet nach dem verlustreichen irakisch-iranischen Golfkrieg von 1980 bis 1988.
AP/ Atlanta Journal-Constitution

Symbol eines Pyrrhus-Sieges: US-Panzer unter dem Siegesbogen, errichtet nach dem verlustreichen irakisch-iranischen Golfkrieg von 1980 bis 1988.

Während die Kampfhandlungen im Irak noch in vollem Gange sind, bemühen sich die USA und Großbritannien bereits um den Aufbau einer Nachkriegsordnung. In der südirakischen Metropole Basra nahmen die britischen Streitkräfte mit einem örtlichen Stammesführer Kontakt auf. Der Scheich habe freie Hand, ein Verwaltungskomitee zu bilden, sagte der britische Militärsprecher Oberst Chris Vernon am Dienstag. "Basra ist jetzt frei", betonte Vernon. 3000 britische Soldaten hätten den größten Teil der Stadt besetzt.

Die USA leiteten erste Schritte zum Aufbau einer Zivilverwaltung im Südirak ein. Zunächst sollten 20 Mitarbeiter der von den USA geführten Behörde zum Aufbau einer Zivilverwaltung in der südirakischen Stadt Umm Kasr den Bedarf an humanitärer Hilfe feststellen.

In der kommenden Woche soll nach CNN-Berichten die erste Konferenz der Opposition im Südirak stattfinden. Die Oppositionsführer könnten bereits am 15. April in der Stadt Nassirija zusammenkommen.

Das Risiko für Zivilisten steigt

US-Truppen auf dem Flugplatz Raschid, wo ein amerikanisches A-10-Flugzeug abgeschossen wurde
REUTERS

US-Truppen auf dem Flugplatz Raschid, wo ein amerikanisches A-10-Flugzeug abgeschossen wurde

Amerikanische Truppen waren am Dienstag erstmals auch von Norden aus nach Bagdad vorgestoßen. US-Brigadegeneral Vincent Brooks sprach von teilweise heftigem Widerstand der irakischer Elitetruppen und paramilitärischer Verbände in mehreren Teilen der Hauptstadt. Die meisten der etwa 300 Iraker seien getötet und ihre bis zu 50 Panzer zerstört worden. Es komme auch zu Häuserkämpfen, womit das Risiko für die Zivilbevölkerung steige.

Nach heftigen Kämpfen am nördlichen Stadtrand hatten sich US-Einheiten des 5. Korps in Richtung Zentrum bewegt. Nach den Vorstößen von Süden und Südosten gebe es damit eine zusätzliche Stoßrichtung, sagte Brooks im US-Hauptquartier in Bagdad.

Im Südosten von Bagdad kämpften sich Marineinfanteristen auf den Militärflugplatz Raschid vor. Der Flugplatz liegt laut Brooks in einem strategisch wichtigen Gebiet zwischen den Flüssen Diala und Tigris. In der Umgebung des internationalen Flughafens wurde ein Erdkampfflugzeug des Typs A-10, bekannt als "Warthog" (Warzenschwein) oder "Panzerknacker", von einer irakischen Rakete abgeschossen. Der Pilot überlebte und wurde von US-Truppen geborgen.

Bei den Kämpfen vom Montag wurden nach Schätzungen der US-Streitkräfte 600 bis 1000 irakische Kämpfer getötet. Das US-Oberkommando gab die Zahl der eigenen Toten seit Kriegsbeginn mit 89 an.

Weitere Ereignisse des Tages:

  • Im Nordirak kamen die alliierten Verbände nur langsam voran. Rund um die Stadt Kirkuk wurden schwere Bombardements gemeldet. Ein irakischer Soldat sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die irakischen Truppen seien "psychologisch ruiniert". Zahlreiche Offiziere hätten ihre Waffen und Rangabzeichen weggeworfen.
  • Die Lage in den Krankenhäusern Bagdads hat sich weiter zugespitzt. "Mehrere Kliniken haben kaum noch Wasser und keinen Strom", sagte ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO mangelt es in den Kliniken an medizinischen Gütern zur Behandlung von Brand- und Splitterwunden sowie Wirbelsäulenverletzungen. Zudem mangele es an sauberem Wasser. Mit steigenden Temperaturen steige auch die Gefahr von Cholera-Erkrankungen bei Kindern.

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