Britischer Militäreinsatz Brown hadert mit Afghanistan-Strategie

US-Präsident Barack Obama sieht Erfolge im Kampf gegen die Taliban in Afghanistan, aber jetzt könnte ihm ein wichtiger Verbündeter Ärger bereiten: Der britische Premier Brown plant einem Zeitungsbericht zufolge den Abzug von 1500 Soldaten aus dem Land - das britische Militär ist entsetzt.


London - 15 getötete britische Soldaten in Afghanistan binnen zehn Tagen: Gordon Brown steht unter Druck. Die Ausrüstung des britischen Militärs am Hindukusch sei zu schlecht, die Truppe mit derzeit rund 9000 Soldaten zu gering, um gegen die radikalislamischen Taliban bestehen zu können, sagen Kritiker - und ihre Stimmen werden lauter. Andere stellen die gesamte Mission in Frage.

In der Öffentlichkeit ist der Einsatz nur noch schwer zu verkaufen: 184 britische Soldaten starben bislang in Afghanistan, damit übertrifft der Einsatz am Hindukusch die Todesliste im Irak: Dort starben 179 Militärangehörige aus dem Vereinigten Königreich.

Der britische Premier setzt auf Durchhalteappelle: Brown bekräftigte am Samstag, trotz der steigenden Opferzahlen sei die in Afghanistan gewählte Strategie "richtig". Die vergangenen Tage seien "sehr schwer" gewesen, schrieb er in einem Brief an britische Parlamentarier. Die Militäraktionen erreichten nach Einschätzung der Kommandeure vor Ort aber ihr Ziel. Erst kürzlich erklärte er die Militäroperation in Afghanistan zu einer "patriotischen Pflicht". Andernfalls käme der Terror zurück "auf die Straßen Großbritanniens".

Bericht über Abzugspläne

Möglicherweise steht Brown jetzt aber doch vor einem Schwenk in der Afghanistan-Politik: In einer Zeit, da Militärvertreter und vor allem konservative Politiker nach einer Verstärkung des britischen Kontingents im Kampf gegen die Taliban rufen, will der Labour-Chef einem Zeitungsbericht zufolge die Truppenstärke verringern.

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Der "Independent" berichtet unter Berufung auf einen Vertreter des Verteidigungsministeriums von einem Geheimplan der britischen Regierung, die Zahl der Soldaten um 1500 zu reduzieren. Demnach sollen sie nach der afghanischen Präsidentenwahl im kommenden Monat abgezogen werden - möglicherweise aus Kostengründen, wie die Zeitung weiter schreibt.

"Wir haben die Zahl unserer Soldaten in Afghanistan seit 2006 Schritt für Schritt erhöht", sagte der Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums dem "Independent". Bei einem Abzug würde auch diejenigen 800 Soldaten berücksichtigt, die im April vorübergehend nach Afghanistan geschickt wurden, um die Sicherheit vor der Präsidentschaftswahl in dem Land zu erhöhen.

Militärs äußern sich kritisch

Ein Abzug von 1500 britischen Soldaten stünde im Widerspruch zur Strategie von US-Präsident Barack Obama, der die Militärpräsenz in Afghanistan erhöhen will. Der Kampf am Hindukusch sei nicht allein eine Operation der USA, sagte Obama am Samstag. "An der Mission in Afghanistan haben die Europäer sehr viel, wenn nicht mehr Anteil als wir." Die USA und ihre Verbündeten hätten die Taliban-Rebellen in Afghanistan zurückgedrängt. Allerdings hätten die westlichen Alliierten noch einen langen Weg vor sich.

Offen dürfte sein, ob die Pläne der britischen Regierung endgültig sind. Bereits vor Tagen berichteten britische Medien von einer zunehmenden Unsicherheit der Regierung in militärischen Fragen. Einem "Guardian"-Bericht zufolge hatte Großbritannien sogar über ganz andere Pläne nachgedacht: Demnach war die Entsendung von weiteren 2000 Soldaten in die afghanische Unruheprovinz Helmand geplant. Doch das Vorhaben wurde gestoppt: Brown habe demnach erklärt: "Unter den Leuten, die jetzt fordern, 'Wir sollten mehr tun und weitere Soldaten nach Afghanistan schicken, sind einige, die noch vor kurzem riefen 'Wir verschleudern unsere Armee.'"

Die Forderung nach mehr Soldaten kam vor allem vom Militär. Entsprechend kritisch reagieren führende Militärvertreter jetzt auf den Plan, das Truppenkontingent zu reduzieren. "Ich halte es für verrückt, jetzt die Zahl der Soldaten zu verringern", sagte General Sir Hugh Beach dem "Independent" zufolge. Vielmehr sollte die Regierung die kürzlich vom Militär geforderten zusätzlichen 2000 Soldaten in das Land schicken.

Die "entscheidende Ressource" in Afghanistan sei eine hohe Zahl von Soldaten, sagte Colonel Bob Stewart, der den Oberbefehl über die britischen Soldaten in Bosnien hatte. Ein Abzug von Soldaten wäre ein "schrecklicher Fehler", sagte Colonel Clive Fairweather.

Am Sonntag wurden in Afghanistan Erfolgsmeldungen herausgegeben: Bei ihrer Großoffensive gegen die Taliban im Süden des Landes hat die britische Armee gemeinsam mit einheimischen Soldaten bisher etwa 200 Aufständische getötet.

Seit dem Beginn des von den Briten angeführten Einsatzes "Pantherkralle" vor drei Wochen seien zwischen 150 und 200 "feindliche Kämpfer" in der Unruheprovinz Helmand getötet worden, sagte ein Sprecher des afghanischen Innenministeriums am Sonntag vor Journalisten. Es ist die erste Zahl zu getöteten Aufständischen bei dem Einsatz. Von Seiten der US-Armee, die seit Anfang Juli ebenfalls eine Großoffensive gegen die Taliban in Helmand führt, wurden bisher noch keine Angaben zu getöteten Rebellen gemacht.

hen/AFP/AP

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