Britischer Wahlkampf Tölpel gegen Milchgesicht

Jetzt wird es spannend in Großbritannien: Das Parlament wird aufgelöst, der Wahlkampf geht in den Endspurt. Der glücklose Premier Brown mimt den Underdog aus dem Volk, sein blasser Herausforderer Cameron wärmt alte Kennedy-Sprüche auf. Doch am Ende könnte ein Dritter triumphieren.


Es war eine jener eigenwilligen Zeremonien, für die Großbritannien in aller Welt geliebt wird. Um kurz vor 10 Uhr an diesem Dienstagmorgen setzte der königliche Hubschrauber auf dem gepflegten Rasen des Buckingham-Palasts auf. Die Queen entstieg und verschwand im Inneren ihrer Londoner Residenz. Sie hatte ihren Osterurlaub auf Schloss Windsor unterbrochen, um eine ihrer wichtigsten Pflichten als Staatsoberhaupt zu erfüllen. Wenige Minuten später traf auch der Jaguar des Premierministers aus der nahe liegenden Downing Street ein.

Hinter verschlossenen Türen bat Premier Gordon Brown die Königin um die Auflösung des Parlaments. Dann fuhr er zurück zur Downing Street Nummer zehn und sprach den Satz, auf den die Briten seit über zwei Jahren warten.

"Ich bitte das britische Volk um ein klares Mandat, um meine Arbeit fortzuführen", sagte Brown vor den Kameras, flankiert von seinem gesamten Kabinett. Die Queen habe seinem Vorschlag zugestimmt, das Parlament aufzulösen und am 6. Mai ein neues Unterhaus wählen zu lassen.

Der Wahlkampf läuft längst auf vollen Touren

Damit haben die Briten nach jahrelanger Warterei nun Gewissheit. Über die Wahl wird bereits seit dem Herbst 2007 spekuliert. Damals hatte der frischernannte Premier Brown nach dem Stabwechsel von Tony Blair mit dem Gedanken gespielt, sich ein eigenes Regierungsmandat vom Volk zu holen. Doch er bekam in letzter Minute kalte Füße - die Wahl fand nicht statt. Seither musste Brown mit dem Ruf leben, sich nicht vor die Wähler zu trauen und ein nichtgewählter Regierungschef zu sein.

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Großbritannien: Kampf um Downing Street No. 10
Nun jedoch konnte er nicht länger warten: Anfang Juni wären die maximal erlaubten fünf Jahre der Legislaturperiode voll gewesen. Mit Browns Ankündigung ist der Wahlkampf offiziell eröffnet, in den Medien macht sich Erleichterung breit. "Erschöpfter Brown ruft endlich Wahlen aus", kommentierte das Boulevardblatt "Sun" bissig. Das Titelfoto zeigte, wie ein ausgepumpter Brown nach dem Joggen in sein Auto steigt.

Der 6. Mai galt seit Monaten als wahrscheinlicher Stichtag, und der Wahlkampf läuft längst auf vollen Touren. Wahlplakate und -programme sind bereits vorgestellt worden. Es gab rührselige Fernsehporträts der Spitzenkandidaten. Selbst die erste Fernsehdebatte zwischen den Kandidaten für den Schatzkanzlerposten fand schon statt.

"Die wichtigste Wahl seit einer Generation"

Das Personal und die Rhetorik der beiden Lager sind den 45 Millionen Wählern inzwischen sattsam bekannt. Auf der einen Seite steht der Sozialdemokrat Gordon Brown, 59, der sich als erfahrener Wirtschaftspolitiker präsentiert, aber nach 13 Jahren in der Regierung verbraucht und verbissen wirkt. Auf der anderen Seite steht der milchgesichtige Herausforderer von den Konservativen, David Cameron, 43, der mit einer Botschaft des "Change" wirbt, aber in seiner Vagheit fatal an den Blender Tony Blair erinnert und deshalb Misstrauen weckt.

Am Dienstag versuchten die beiden Rivalen, ihre zentrale Botschaft zu unterstreichen. Noch bevor Brown die Auflösung des Parlaments verkündete, trat bereits sein Herausforderer vor die Kameras und sprach von der "wichtigsten Wahl seit einer Generation". Vor konservativen Parteianhängern sagte Cameron am Ufer der Themse: "Wenn ihr konservativ wählt, entscheidet ihr euch für Hoffnung, Optimismus, Wandel." Die Tories seien die "moderne, konservative Alternative" zur abgewirtschafteten Labour-Partei. Seine Pläne seien "aufregend und radikal". Der Tory-Chef scheute nicht einmal vor der abgegriffenen Kennedy-Platitude zurück, dass man nicht fragen solle, was das Land für einen tun könne, sondern was man selbst für das Land tun könne.

Brown ging nicht weniger holzschnittartig zur Sache: Er stamme aus einer "gewöhnlichen Mittelklassefamilie in einer gewöhnlichen Stadt" - ein durchsichtiger Seitenhieb auf Cameron, der aus einer reichen Bankerfamilie kommt und auf die Eliteschmieden Eton und Oxford ging. Brown wiederholte auch sein Mantra, dass es bei der Wahl um eine Richtungsentscheidung gehe. Er wolle sicherstellen, dass der Wirtschaftsaufschwung nicht von den Tories durch unverantwortliches Sparen kaputtgemacht werde.

Das Rennen ist offen

Beide machten sich anschließend tief ins Territorium des Gegners auf - Cameron zum Händeschütteln in die alten Labour-Hochburgen Birmingham und Leeds, Brown in den wohlhabenden Südosten der Insel. Alle Parteien konzentrieren ihren Wahlkampf auf die Wahlkreise, wo knappe Ergebnisse erwartet werden. Diese Sitze werden am Ende entscheidend sein.

Die neuesten Umfragen sind sehr uneinheitlich - ein Anzeichen dafür, wie offen das Rennen ist. Eine YouGov-Umfrage für die "Sun" sah die Tories mit 41 Prozent zehn Prozentpunkte vor Labour. Eine ICM-Umfrage für den "Guardian" hingegen ermittelte einen Vorsprung von nur vier Prozent. Auf einen Labour-Sieg tippen weiterhin die wenigsten. Als wahrscheinlicher gilt ein Patt im Unterhaus, das zu einer Minderheitsregierung führen könnte. In diesem Fall würden die Liberaldemokraten, mit rund 20 Prozent in den Umfragen die drittstärkste Partei, zum Königsmacher: Sie könnten entweder Brown oder Cameron unterstützen.

In den 30 Tagen bis zur Wahl wird Brown per Zug über die Insel reisen. Das soll auch als Bekenntnis zur öffentlichen Infrastruktur verstanden werden. Cameron hingegen fliegt wie einst Blair in einem kleinen Flugzeug zu seinen Wahlkampfterminen.

Drei lange TV-Debatten

Der Terminkalender bis zum 6. Mai bietet viele Gelegenheiten, an denen der Wahlkampf eine entscheidende Wendung nehmen kann. Drei 90-minütige Fernsehdebatten zwischen den drei Spitzenkandidaten Brown, Cameron und dem Liberaldemokraten Nick Clegg sind angesetzt. Auch werden in der zweiten Aprilhälfte wichtige Konjunkturdaten veröffentlicht: Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit und des Wirtschaftswachstums im ersten Quartal.

Positive Daten könnten Brown helfen, sich als guter Steuermann der britischen Wirtschaft darzustellen. Cameron hingegen versucht die Wähler zu überzeugen, dass Brown das Land erst in die Krise geritten hat. So richtig dringt er jedoch nicht durch: Angesichts der langen Regierungszeit von Labour, des unbeliebten Regierungschefs und der Rezession ist es überraschend, dass die Opposition nicht deutlicher vorne liegt.

Einen Einschnitt wird die Wahl in jedem Fall bedeuten - egal, ob Cameron die Konservativen nach 13 Jahren in der Opposition zurück an die Macht führt oder Labour eine historische vierte Amtszeit schafft. Aufgrund des Spesenskandals im vergangenen Jahr treten viele Abgeordnete nicht mehr an. Am 18. Mai wird also ein wirklich neues Parlament zusammentreten.

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
frubi 06.04.2010
1. .
Zitat von sysopJetzt wird es spannend in Großbritannien: Die Queen hat das Parlament aufgelöst, der Wahlkampf geht in den Endspurt. Der glücklose Premier Brown mimt den Underdog aus dem Volk, sein blasser Herausforderer Cameron wärmt alte Kennedy-Sprüche auf. Doch am Ende könnte ein Dritter triumphieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687434,00.html
Schadenfreude. Wenigstens haben die Briten in etwa die selbe qualitative Auswahl wie wir in Deutschland.
berlinwhite 06.04.2010
2. Geografie 6
Leeds liegt jetzt also in den Midlands? Da wird man sich in West Yorkshire (that´s oop north, you useless plonkers!) aber freuen.
Pnin_ 06.04.2010
3. Hoffentlich verliert Labour
Eine Partei, die die Massenimmigration foerdert, nur um Waehler aus der Unterschicht zu erhalten, muss einfach verlieren: http://www.telegraph.co.uk/news/newstopics/politics/lawandorder/6418456/Labour-wanted-mass-immigration-to-make-UK-more-multicultural-says-former-adviser.html
sweetyboy 06.04.2010
4. tja
Wer die Qual hat, hat die Wahl. Wie es mit kleineren Parteien in England ausschaut weiß ich nicht, aber wenn in Deutschland alle Nichtwähler, sagen wir, die Famileinpartei wählen würde, dann wäre das eine katastrophe für die CDU und SPD. Und da soll man sagen, das man mit seiner Wahlstimme nichts erreichen würde, nur weil die Machtparteien CDU und SPD die, seit jahrzehnten, die Regierung stellen in abwechselnder Reihenfolge. Wenn 30% - 38% die Familienpartei wählen würde, würden 2 PArteien ihre bisherige absolute Machtsstellung in der BRD verlieren, die sie seit jahrzehnten hatten.
Diomedes 06.04.2010
5. Ein altes Dichterwort in neuer Zeit…
Betrachtet man die substanzlose Schuldenwirtschaft Englands, so scheinen sich die warnenden Worte des Dichters Arndt über Shakespeares geliebter Insel zu erfüllen: "Wie viele Strecken Land in England, worauf glückliche Bauern wohnen und wovon Weizenernten in die Scheunen gebracht werden könnten, hat die durch kein Gesetz eingeschränkte Laune der Reichen in Wildbahnen und Parks verwandelt! Welch eine Überschwemmung von Bettlern aus dieser Verdrängung der geringen Leute vom Grundbesitz, aus diesem mächtigen Fabrikwesen! Jetzt trägt sich dies alles, weil England über den Handel und über die Schätze der Welt gebietet; aber Weltumwälzungen und vorzüglich Handelsumwälzungen können kommen – und sie sind vielleicht nicht so fern, als manche glauben -, wodurch die Engländer mehr auf sich selbst zurückgeworfen und zurückgewiesen werden – dann werden sie in ihrer ganzen Häßlichkeit die Verwirrung und Regellosigkeit der Verhältnisse und die Furchtbarkeit des Übels sehen, das sie jetzt verkleistern und versalben, aber nicht heilen können." - und ob sich England von seinem Niedergang je wieder erholen wird bleibt abzuwarten: Der einstigen Weltmacht droht nun das Schicksal Spaniens: Das Abgleiten in wirtschaftliche Armut und politische Bedeutungslosigkeit.
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