Britisches Dossier "Irak kann binnen 45 Minuten zuschlagen"

Der Irak kann nach Einschätzung der britischen Regierung innerhalb von 45 Minuten chemische und biologische Waffen einsetzen. Das besagt das lange angekündigte Dossier, das Premierminister Tony Blair heute vorstellte.


Uno-Inspektoren im Irak: Saddam stellt angeblich weiter biologische und chemische Waffen her
AP

Uno-Inspektoren im Irak: Saddam stellt angeblich weiter biologische und chemische Waffen her

London - In dem Dokument wird dem irakischen Präsidenten Saddam Hussein vorgeworfen, chemische und biologische Waffenlager anlegen zu wollen. Er sei auch bereit, diese Waffen einzusetzen. Zudem könne der Irak "innerhalb von ein oder zwei Jahren" im Besitz einer Atombombe sein. Das 50-seitige Dokument, das seit heute Morgen auf den Internetseiten von 10 Downing Street sowie des britischen Außen- und Verteidigungsministeriums steht, ist Grundlage für eine anschließende Unterhausdebatte.

Saddam Hussein habe die direkte Kontrolle über chemische und biologische Waffen, heißt es in dem Dossier. Er habe sich in Afrika mit einer erheblichen Menge Uran versorgt, ohne dafür Bedarf in der zivilen Nutzung von Atomenergie zu haben. Es bestehe kein Zweifel daran, dass der Irak nach wie vor chemische und biologische Waffen entwickle und sich bemühe, in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen. Ein Teil der Waffen sei innerhalb von 45 Minuten einsatzbereit und könnte unter anderem Israel, Griechenland, die Türkei sowie den gesamten Nahen Osten erreichen.

Die Regierung in Bagdad habe aus früheren Inspektionen der Vereinten Nationen gelernt und treffe für den Fall neuer Kontrollen bereits Vorkehrungen, um ihr Waffenprogramm zu verbergen. "Saddam wird jetzt sein Äußerstes tun, um seine Waffen vor den Uno-Inspektoren zu verstecken", erklärte Blair in einem Vorwort zu dem Bericht, der auf Einschätzungen der britischen Geheimdienste beruht.

Britisches Irak-Dossier: Schwere Vorwürfe gegen Saddam Hussein
REUTERS

Britisches Irak-Dossier: Schwere Vorwürfe gegen Saddam Hussein

Saddam Hussein betrachte die Waffen nicht als letztes Mittel, sondern sei bereit, sie jederzeit auch gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen. "Wir müssen sicherstellen, dass er nicht dazu kommt, die Waffen zu benutzen, die er bereits besitzt, und dass er nicht an die Waffen gelangt, die er haben will", schrieb Blair. Entgegen anders lautender Zusagen habe der Irak seine biologischen Waffen nicht zerstört, sondern verfüge unter anderem noch über große Mengen des Milzbrand-Erregers Anthrax.

In dem Dossier werden Bemühungen Saddam Husseins dargestellt, chemische, biologische und atomare Waffen sowie Mittelstreckenraketen zu entwickeln. Nach dem Golfkrieg von 1991 wurde dem Irak der Besitz von Mittelstreckenraketen untersagt. Den britischen Erkenntnissen zufolge soll der Irak noch bis zu 20 al-Hussein-Raketen versteckt haben, die eine Reichweite von 650 Kilometern besitzen. Diese könnten chemische oder biologische Sprengköpfe tragen. Zudem versuche der Irak, die Reichweite der al-Samud-Rakete auf mindestens 200 Kilometer zu verbessern.

Zudem könne der Irak in einem bis zwei Jahren Atomwaffen herstellen, wenn sich das Land die dazu erforderlichen Geräte und Materialien - insbesondere spaltbares Material - beschaffen könne. Nach Geheimdienstberichten strebe der Irak höchstwahrscheinlich nach der Fähigkeit, Uran auf ein waffenfähiges Niveau anreichern zu können. Wenn die Uno-Sanktionen effektiv blieben, könne der Irak aber weiterhin keine atomaren Waffen herstellen.

Der Irak hat das Blair-Dossier als "Lügenkampagne" bezeichnet. Nach Meldungen der britischen BBC sagte der irakische Kulturminister Hamid Jusuf Hammadi in Bagdad, Blair beteilige sich an einer "irreführenden Kampagne", die von "Zionisten" gegen den Irak geführt werde. Die in dem Dossier aufgestellten Behauptungen seien "ohne jede Grundlage."

Unmittelbar im Anschluss an die Veröffentlichung des Dossiers protestierten vor dem Londoner Parlament Kriegsgegner gegen Blairs Irak-Politik. Blair will sich heute an das Unterhaus wenden, das in einer Sondersitzung über einen möglichen Militäreinsatz gegen den Irak berät. Heute Abend wird Bundeskanzler Gerhard Schröder zu einem Gespräch mit Blair in London erwartet, in dem es unter anderem um den Irak-Konflikt gehen soll.

Angesichts der britischen Unterstützung für eine etwaige Militärintervention im Irak fiel Blairs regierende Labour Party in den Meinungsumfragen zurück. Nach einer Erhebung für die liberale Tageszeitung "The Guardian" kann der Premierminister nur noch auf 39 Prozent der Wähler zählen - das sind zwei Prozentpunkte weniger als vor einem Monat.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.