Ein Schotte in Schleswig-Holstein Bürgermeister bis zum Brexit

Iain McNab ist seit 2008 Bürgermeister der Gemeinde Brunsmark in Schleswig-Holstein. Gewählt ist er noch bis 2023. Doch wenn der Brexit kommt, muss der Schotte sein Amt sofort abgeben.

Iain McNab: Das Schild für seinen Nachfolger ist schon angefertigt
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Iain McNab: Das Schild für seinen Nachfolger ist schon angefertigt

Von , Brunsmark


Ende der Siebzigerjahre verließ Iain McNab seine schottische Heimat und kam nach Hamburg. Damals sprach er kein Wort Deutsch, verdiente sein Geld als Tontechniker und fand die Norddeutschen ein wenig unfreundlich. Mittlerweile lebt er mit Frau und Kindern in der 160-Seelen-Gemeinde Brunsmark in Schleswig-Holstein und ist dort seit 2008 ehrenamtlicher Bürgermeister. Sein Deutsch klingt nahezu akzentfrei. Hat er in Kneipen gelernt und nicht in der Sprachschule, wie er selbst sagt. Und auch die Menschen seien in den vergangenen Jahren zunehmend freundlicher geworden.

Nur eine Sache macht dem 69 Jahre alten Schotten Sorgen: der bevorstehende EU-Austritt Großbritanniens.

Ist der Brexit einmal vollzogen, wird McNab von einem Tag auf den anderen Einwohner aus einem Nicht-EU-Staat. Bürger aus sogenannten Drittländern dürfen in Deutschland allerdings nicht Bürgermeister sein. Bereits im vergangenen Dezember hat McNab daher einen Brief von den schleswig-holsteinischen Behörden bekommen. "Brexit: Wählbarkeitsvoraussetzungen zur Kommunalwahl" steht im Betreff des Schreibens, das den Schotten offiziell darüber informiert hat, dass er am 29. März 2019 sein Amt niederlegen muss. Der Zeitplan hat sich seither allerdings ein wenig geändert.

Das Brexit-Drama ist für McNab schwer zu ertragen

Nachdem Großbritannien und die EU sich vor wenigen Wochen auf eine Verlängerung der Brexit-Frist geeinigt haben, darf auch McNab länger im Amt bleiben. Ganz sicher war er sich da allerdings nicht. "Ich habe Ende März noch mal bei den Behörden angerufen und gefragt, ob ich denn nun am 29. meinen Schlüssel abgeben muss", sagt er und lächelt dabei ein wenig. So richtig zum Lachen ist ihm allerdings nicht zumute. Zumal noch immer unklar ist, wie es mit dem Brexit weitergeht.

McNab versucht, bei all den Entwicklungen im Brexit-Chaos stets auf dem neusten Stand zu bleiben. "Ich verfolge die Berichterstattung in den britischen und deutschen Medien. Oft lese ich allerdings nur die Überschriften. Das Ganze ist einfach schwer zu ertragen", sagt er.

Der Schotte selbst ist gegen den Brexit. Beim Referendum 2016 durfte er seine Stimme allerdings nicht abgeben, schließlich hatte er damals schon länger als 15 Jahre nicht mehr in Großbritannien gelebt. Nach Schottland reisen McNab und seine Familie allerdings regelmäßig. Seine schottischen Verwandten sprechen ihn scherzhaft mit "Mister Mayor" ("Herr Bürgermeister") an, erzählt der 69-Jährige.

Schon bei ihrer nächsten Reise im Sommer könnte McNab in einer anderen Schlange am deutschen Flughafen anstehen müssen als seine Frau und die gemeinsamen Kinder. Die haben die deutsche Staatsbürgerschaft und dürfen durch die Kontrolle für EU-Bürger. Er als Schotte darf das womöglich bald nicht mehr. "Dann stehe ich wohl in der längeren Schlange an. Aber viel mehr wird sich wahrscheinlich nicht ändern", sagt er.

Er hofft noch immer, dass der Brexit abgewendet wird

So richtig will McNab noch immer nicht an den Brexit glauben. "Ich hoffe, dass Großbritannien doch noch in der EU bleibt", sagt er. Ein wenig Verständnis hat er allerdings für die Brexit-Befürworter. "Als Bürgermeister hier in Deutschland sehe ich, wie viele Regeln und Gesetze es gibt. Und die EU setzt da immer noch eins drauf. Für die Bürger ist das zu bürokratisch", sagt er. Nach dem ganzen Hin und Her in London sei jedoch ein zweites Referendum angebracht. Die Bürger sollten entscheiden können, ob sie das wirklich wollen, sagt der Schotte.

Egal, wie das Brexit-Chaos weitergeht, McNab ist vorbereitet und könnte sein Bürgermeisteramt jederzeit übergeben: "Ich habe einige To-do-Listen vorbereitet und weiß, dass mein Stellvertreter einen guten Job machen wird." Auch ein Schild mit dem neuen Gemeindewappen hat er schon besorgt. Das möchte er seinem Nachfolger dann übergeben.

Außerdem dürfe er auch weiterhin in Brunsmark bleiben und stehe der Gemeinde auch weiterhin gern mit Rat und Tat zur Seite. Dennoch wäre er schon gern noch im Amt, wenn der "Celtic Summer Day" stattfindet - ein Dorffest mit irischer und schottischer Musik, dunklem Bier und Eiscreme. Die Veranstaltung war vermutlich seine Idee, ganz sicher ist er sich da allerdings nicht mehr: "Ich will mich nicht mit falschen Federn schmücken, aber es ist zumindest in meinem Dunstkreis entstanden."

Vielleicht gibt es im Sommer dann auch wieder andere Themen als den Brexit. Denn mittlerweile habe er die Schnauze voll davon, sagt McNab. Zwar bekomme er von den Menschen in Brunsmark viel Zuspruch und Unterstützung, aber es vergehe auch kein Tag, an dem nicht irgendjemand über den bevorstehenden EU-Austritt der Briten mit ihm reden wolle, sagt er: "Manche fragen erst 'Was macht der Brexit, Iain?' und sagen dann 'Hallo'."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes, hieß es, Iain McNab habe im Referendum nicht abstimmen dürfen, weil er seit mehr als fünf Jahren nicht mehr in Großbritannien lebt. Tatsächlich sind Briten bis zu 15 Jahre nach einem Umzug ins Ausland stimmberechtigt. Wir haben die Angabe korrigiert.

insgesamt 39 Beiträge
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sven2016 07.04.2019
1. Die EU setzt nicht immer noch eine
Regelung drauf. EU-Parlament und Kommission versuchen lediglich die Bereiche einheitlich zu regeln, die ihnen von den Mitgliedstaaten zugewiesen wurden. Entscheidend vor der Rechtsetzung ist der Europäische Rat, und der besteht aus den Regierungschefs aller Mitgliedsländer. EU-Bashing ist zwar wohlfeil, aber oft fehlerhaft begründet. Braucht es wirklich einen schottischen Bürgermeister in D? Aber das muss die Gemeinde selber wissen.
Newspeak 07.04.2019
2. ....
Die EU setzt manchmal einen drauf. Oft genug werden Dinge aber auch vereinheitlicht. Das wird aber nicht so positiv berichtet, wie das andere negativ. Man kann das aber schon daran sehen, dass die EU zig britische Behörden überflüssig gemacht hat, weshalb es eben auch nicht so einfach ist, sie zu verlassen. Ich glaube auch nicht, dass der britische Staat weniger kreativ ist, im Gängeln seiner Bürger durch überflüssige Gesetze. Allein die sinnlosen Rituale im Parlament, mit ihrem kodifizierten Saal verlassen, dem Wiederholen von Phrasen (the nays have it), und allerlei mehr umständlicher Tradition, sprechen nicht für einen effektiven Staat.
sakana_atama 07.04.2019
3. Pass beantragen?
Er ist seit weit über 8 Jahren in Deutschland, spricht deutsch, ist nicht arbeitslos und ist mit einer Deutschen verheiratet... Warum beantragt er nicht einfach einen Pass? Anrecht hat er. Ist ja nun schon ne Weile bekannt, die Sache mit dem Brexit.
Stäffelesrutscher 07.04.2019
4.
»Der Schotte selbst ist gegen den Brexit. Beim Referendum 2016 durfte er seine Stimme allerdings nicht abgeben, schließlich hatte er damals schon länger als fünf Jahre nicht mehr in Großbritannien gelebt.« Tja, auch so konnte man sich die knappe Mehrheit für »Leave« zusammenschustern.
M. Vikings 07.04.2019
5. Gesellig und engagiert.
Zitat von sven2016Regelung drauf. EU-Parlament und Kommission versuchen lediglich die Bereiche einheitlich zu regeln, die ihnen von den Mitgliedstaaten zugewiesen wurden. Entscheidend vor der Rechtsetzung ist der Europäische Rat, und der besteht aus den Regierungschefs aller Mitgliedsländer. EU-Bashing ist zwar wohlfeil, aber oft fehlerhaft begründet. Braucht es wirklich einen schottischen Bürgermeister in D? Aber das muss die Gemeinde selber wissen.
Erkennt man sofort auf der Webside der Gemeinde. https://www.brunsmark.de/ Die Tugenden reichen dann auch, um ehrenamtlicher Bürgermeister von 139 Seelen zu sein. Die sind bestimmt traurig, wenn der sein Amt niederlegen muss, sonst hätten sie ihn kaum gewählt.
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