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30. September 2010, 16:18 Uhr

Buch mit Mohammed-Karikaturen

Ein Kämpfer sucht seine Ruhe

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Seit der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen vor fünf Jahren ist die dänische Zeitung "Jyllandsposten" im Visier islamistischer Terroristen. Jetzt druckt Kulturchef Rose die Zeichnungen in einem Buch erneut - um endlich mit der Sache "abzuschließen", wie er sagt.

Berlin - Das Anliegen von Flemming Rose klingt etwas unwirklich, angesichts dessen, was in den vergangenen fünf Jahren mit Dänemark passiert ist.

Rose, Kulturchef der Zeitung "Jyllandsposten", veröffentlicht am heutigen Donnerstag sein Buch "Die Tyrannei des Schweigens". Auf einer Seite sind auch die umstrittenen Mohammed-Karikaturen erneut abgedruckt. Aber Rose will mit dem Buch nach eigenen Worten nicht etwa eine neue Debatte anstoßen - sondern er will endlich seine Ruhe.

Nie wieder wolle er sich öffentlich zu den Cartoons äußern. Alle Argumente seien gesagt. Man komme jetzt nicht mehr weiter, so der 52-Jährige.

"Die Tyrannei des Schweigens" ist die Erinnerung und Analyse eines Mannes, der von Leibwächtern bewacht wird, eines Mannes, dessen Leben in den vergangenen Jahren beinahe nur um ein Thema kreiste: die Diskussion um die Mohammed-Karikaturen.

Auf den Tag genau vor fünf Jahren druckte die "Jyllandsposten" die zwölf Zeichnungen ab - nachdem ein Verleger vergeblich nach Zeichnern für ein Buch über Mohammed gesucht hatte. Rose verantwortete den Abdruck als Kulturchef.

Seitdem ist in Dänemark vieles nicht mehr wie vorher.

"Der 11. September der Meinungsfreiheit"

Es dauerte mehr als drei Wochen, bis die internationalen Zeitungen damals Notiz davon nahmen, was in Dänemark passierte: Erst Ende Oktober schrieben auch deutsche Medien über die Karikaturen und den dänischen Streit darüber.

Es dauerte Monate, bis die Meldung aus Dänemark zu Feuer und Gewalt in islamischen Ländern führte. Dänische Flaggen brannten, dänische Botschaften wurden angegriffen, bei Protesten in muslimischen Ländern starben Dutzende Menschen. Die dänische Regierung sprach von der schwersten nationalen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Flemming Rose selbst nannte die Veröffentlichung der Zeichnungen im Interview mit SPIEGEL ONLINE den "11. September der Meinungsfreiheit." Fünf Jahre später steht Dänemark - und allen voran die "Jyllandsposten" unvermindert im Visier islamistischer Terroristen. Erst am Dienstag bekannte ein in Norwegen lebender aus dem Irak stammender Terrorverdächtiger, er habe einen Anschlag auf die Zeitung geplant. Zuvor vereitelten die Ermittler bereits mehrere Terrorakte. Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard - kürzlich von der Kanzlerin mit einem Freiheitspreis geehrt - entging nur knapp einem Mordanschlag, auch Flemming Rose bekommt Morddrohungen und wird von Personenschützern bewacht.

Rose will sich selbst erklären

In Dänemark gab es Streit darüber, ob der Abdruck richtig war - das Konkurrenzmedium der "Jyllandsposten", die linksliberale "Politiken", entschuldigte sich bei muslimischen Vertretern für den einstigen Abdruck. Die politische Debatte bewegte sich zwischen: Veröffentlichen um jeden Preis und Rücksichtsnahme auf verletzte Gefühle. Die dänische Bevölkerung steht derweil immer noch mehrheitlich hinter der Entscheidung von vor fünf Jahren. 48 Prozent sind der Meinung, dass es richtig war, die Zeichnungen abzudrucken. 38 Prozent finden die Veröffentlichung falsch.

Früher sei man als Däne im Ausland auf den Dichter H. C. Andersen angesprochen worden, auf Königin Margrethe oder den Fußballspieler Michael Laudrup. Heute sei Dänemark das Synonym für die zwölf Mohammed-Zeichnungen, schreibt ein Kommentator.

Die Buchveröffentlichung von Flemming Rose ist nun der letzte neue Dreh im Streit um die Zeichnungen. Der Titel "Die Tyrannei des Schweigens" sei sonderbar, schreibt die "Politiken". Denn wann sei weniger geschwiegen und mehr Kritik geübt worden, als in den vergangenen Jahren?

Terrorexperten warnen nach dem Neuabdruck der Zeichnungen vor neuen Anschlägen. Der Amerikaner Lorenzo Vidino sagte, es gebe bei islamistischen Terroristen sogar eine Art Wettkampf darum, wem es als erstes gelinge, die "Jyllandsposten" anzugreifen. Vor ein paar Jahren habe man noch gedacht, die Sache würde in Vergessenheit geraten. Das sei aber nicht passiert.

Die dänische Außenministerin Lene Espersen hat derweil eine Dringlichkeitssitzung des außenpolitischen Ausschusses einberufen - es gebe leider viele Anzeichen dafür, dass zur Buchveröffentlichung Roses die Kritik an den Karikaturen wieder aufflamme. Angeblich haben Botschafter aus arabischen Ländern die dänische Regierung aufgefordert, Roses Buch zu verbieten.

"Zeichnungen sind kein Menschenleben wert"

Rose indes möchte nur sein eigenes Handeln erklären. Er wolle nicht sagen, er habe Recht und andere nicht. Er sei sich darüber im Klaren, dass die Krise um die Mohammed-Karikaturen unterschiedlich verstanden werden könne. Der erneute Abdruck sei aber nötig für seine Analyse der Zeichnungen, verteidigt sich Rose.

"Das Buch schließt diese Phase für mich ab", sagt Rose. Es sei für ihn auch beschwerlich, dass er immer nur der Mann hinter den Karikaturen sei. Er interessiere sich schließlich noch für andere Dinge. Er übernehme die Verantwortung für die Zeichnungen, aber nicht dafür, dass Menschen deshalb Gewalt ausüben. "Die Zeichungen sind kein Menschenleben wert", so Rose.

Ein Mann sucht seine Ruhe - im Interview mit SPIEGEL ONLINE hatte Rose vor vier Jahren erklärt: "Naiver als wir es waren, konnte man gar nicht sein. Salman Rushdie war sich bei den 'Satanischen Versen' bewusst, dass er einige Menschen verletzen, beleidigen könnte. Wir waren vollkommen unschuldig."

Um das Gebäude der "Jyllandsposten" in der Stadt Viby herum ragen derweil seit einigen Monaten hohe Zäune, riesige Steine sollen vor Attentätern schützen, die ihr Auto auf die Zeitungszentrale lenken könnten.

Die Zäune wird Flemming Rose auch weiterhin sehen können, wenn er in der Redaktionszentrale seiner Zeitung sitzt. Auch wenn er sich selbst in Zukunft aus der Debatte heraushält.

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