Bürgerkrieg Hunderttausende fliehen vor Kämpfen im Kongo

Die Rebellen nehmen eine Stadt nach der anderen ein, Hunderttausende sind auf der Flucht und die Blauhelme überfordert: Der Uno-Gesandte für den Kongo, Alan Doss, schlägt jetzt Alarm. Die internationale Friedenstruppe im Land braucht dringend Verstärkung.


Goma/New York - Die Rebellen des Generals Laurent Nkunda rücken immer näher. Die Provinzhauptstadt Goma liegt bereits in Reichweite. Die Uno-Blauhelmsoldaten haben nicht die Kraft, den Vormarsch der Aufständischen aufzuhalten.

Schwere Kämpfe im Kongo: Hunderttausende auf der Flucht
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Schwere Kämpfe im Kongo: Hunderttausende auf der Flucht

Die internationalen Truppen schossen aus Hubschraubern auf die nördlich von Goma vorrückenden Einheiten Nkundas, doch es half nicht viel. Der Vormarsch der Tutsi-Truppe geht nach Angaben von Augenzeugen weiter. Das Schicksal Gomas - für Uno und Hilfsorganisationen der wichtigste Standort zur Organisation von Hilfe für die insgesamt bereits mehr als eine Million Flüchtlinge in der Region - ist ungewiss. Nur noch 20 Kilometer ist die Rebellenarmee von der Stadt entfernt. Die Kongolesen werfen der rund 17.000 Mann starken Uno-Friedenstruppe (Monuc) vor, sie nicht zu schützen. Aus Protest bewarfen Demonstranten Uno-Fahrzeuge mit Steinen.

Nach eigenen Angaben haben die Rebellen bereits zwei große Städte im Osten des Kongo eingenommen, Goma sei umzingelt. Die Stadt Rutshuru an der Grenze zu Uganda und das benachbarte Kiwanja seien besetzt, sagte ein Sprecher der Rebellen. Von Seiten der kongolesischen Regierung wurde dies noch nicht bestätigt.

Allerdings hatte die kongolesische Armee kurz zuvor eingeräumt, sie stehe wegen des Vormarsches der Rebellen vor der Aufgabe Rutshurus. Die Lage sei sehr ernst, sagte der Befehlshaber in der Provinz Nord-Kivu, Delphin Kahimbi. Die Rebellen waren am dritten Tag ihrer Offensive zuvor entlang einer strategisch wichtigen Straße weiter auf die Stadt vorgerückt. In Rutshuru leben Zehntausende Flüchtlinge, die durch die jahrelangen Kämpfe im Osten der Demokratischen Republik Kongo vertrieben worden sind.

"In der Stadt herrscht komplette Panik", berichtete ein Verwaltungsmitarbeiter per Telefon der Nachrichtenagentur Reuters. Uno-Friedenssoldaten mussten wegen der unübersichtlichen Lage die Rettung von 50 ausländischen Helfern abbrechen. "Die Situation ist sehr angespannt", teilte das Uno-Büro zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Ocha) mit. Die Uno-Soldaten seien sowohl von der Bevölkerung als auch von kongolesischen Truppen bei ihrer Arbeit blockiert worden. "Die Armee garantiert nicht mehr für die Sicherheit", hieß es weiter. Die Soldaten der kongolesischen Armee hätten sich inzwischen nach Süden zurückgezogen, hieß es. Der britische Rundfunksender BBC berichtete, die Armee der Regierung ziehe sich aus ihren Stellungen in Kibumba zurück.

Uno-Gesandter Doss ruft nach mehr Militär

Humanitäre Einrichtungen sind bereits angegriffen und geplündert worden. Eine Vertreterin von Ärzte ohne Grenzen sagte, die Helfer der Organisation hätten in Rutshuru seit Beginn der Offensive am Sonntag etwa 70 Verletzte behandelt.

Mehrere Zehntausend Menschen sind auf der Flucht vor den Kämpfen. Etwa 30.000 Flüchtlinge trafen in einem provisorischen Lager des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) in Kibati, rund zehn Kilometer vor den Toren Gomas ein, wie UNHCR-Sprecher Ron Redmond mitteilte. In den vergangenen zwei Monaten wurden mehr als 200.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben.

Angesichts der eskalierenden Kämpfe fordert der Uno-Gesandte für den Kongo, Alan Doss, die internationalen Truppen müssten dringend aufgestockt werden. Am schnellsten könnten die Streitkräfte eines Drittlandes mit einem Uno-Mandat eingreifen, so Doss. Der Uno-Sicherheitsrat teile das Gefühl der Dringlichkeit der Lage und stehe einer militärischen Verstärkung offen gegenüber, sagte der Chef der Uno-Friedenseinsätze, Alain Le Roy, nach Beratungen in New York.

Der französische Uno-Botschafter Jean-Maurice Rippert erklärte, Paris habe keine Truppen, die zur Entsendung bereitständen, vielmehr sei "konzertiertes internationales Handeln" nötig. Die Regierungen Europas und Afrikas seien sich der Dringlichkeit bewusst, sagte Rippert weiter. Doss hatte als Beispiel für ein rasches Eingreifen von außen die Operation "Artemis" genannt. Bei dem dreimonatigen Einsatz sorgte eine französisch geführte EU-Truppe 2003 für Sicherheit in der ostkongolesischen Provinz Ituri.

Trotz des Hilferufs gibt sich Doss kämpferisch: Die Vereinten Nationen wollten den weiteren Vormarsch der Rebellen auf Goma notfalls mit Gewalt stoppen. In einer Videokonferenz mit New York sagte Doss, die im Ostkongo stationierten Blauhelmsoldaten würden sich jedem Versuch von Rebellengeneral Nkunda widersetzen, eine Stadt oder ein Lager einzunehmen. "Wir haben das Mandat, das zu tun. Wir nutzen dieses Mandat, und wir werden es weiter nutzen", sagte Doss.

Refugees International: Friedenshüter im Stich gelassen

Der Uno-Sicherheitsrat forderte in seiner Sitzung am Dienstagabend einen sofortigen Waffenstillstand im Osten des Kongos. Die Kämpfe würden "scharf verurteilt". Die seit 1999 im Kongo stationierte Blauhelmtruppe ist mit fast 17.000 Mann der größte Friedenseinsatz der Uno. Die Truppen seien jedoch nicht nur in der derzeit umkämpften Region im Ostkongo im Einsatz, sondern müssten auch andere Brennpunkte des großen Landes schützen, sagte Doss.

Auch die Hilfsorganisation Refugees International forderte, der Uno-Sicherheitsrat müsse die Monuc-Truppen mit einem Mandat und Ressourcen ausstatten, die einen Schutz der Menschen in Ostkongo möglich machen. Die Friedenshüter würden derzeit von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen, klagte eine Sprecherin. Den Regierungstruppen warf sie vor, die Bedingungen vor Ort so zu beeinflussen, dass die Blauhelme für die kongolesische Armee Gefechte führen müssen.

Die Gefolgsleute des abtrünnigen Rebellengenerals Nkunda beschuldigen die kongolesische Armee, mit Hutu-Milizen aus Ruanda zusammenzuarbeiten, die für den Genozid in dem Nachbarland 1994 verantwortlich seien. Während des von 1998 bis 2003 andauernden Bürgerkriegs im Kongo und an seinen Folgen starben etwa 5,4 Millionen Menschen.

asc/AP/dpa/Reuters



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