Bürgerkrieg in Libyen Gaddafis Flieger attackieren Ölhafen Ras Lanuf

Noch halten die libyschen Rebellen die Stadt Ras Lanuf - nun haben Gaddafis Truppen erneut attackiert. Kampfflugzeuge hätten mehrmals Angriffe geflogen, berichtet SPIEGEL-Reporter Clemens Höges. Auch in weiteren Städten wird gekämpft. Den Aufständischen droht Benzinknappheit.

DPA

Ras Lanuf - Um den libyschen Ölhafen Ras Lanuf toben seit Tagen schwere Kämpfe. Mindestens drei Menschen sind dort getötet worden, meldete der TV-Sender al-Dschasira am Montag, nachdem die Stadt beschossen wurde - und auch am Dienstag gibt es die Sorge, dass weitere Opfer folgen könnten. Denn Kampfflugzeuge von Machthaber Muammar al-Gaddafi haben die Stadt inzwischen vier Mal angegriffen.

Korrespondenten der Nachrichtenagentur Reuters meldeten, die Jets hätten bei ihren Angriffen auch ein Haus in einem Wohngebiet getroffen. "Nach dem Einschlag stieg eine große Wolke aus Staub und Rauch auf", sagte einer der Reporter. Die meisten Häuser im Viertel, auch das getroffene Wohnhaus, seien aber offenbar vorher evakuiert worden, es habe keine Tote oder Verletzte gegeben.

SPIEGEL-Reporter Clemens Höges berichtet aus der Stadt: "Die Luftwaffe hat wieder Ras Lanuf bombardiert, aber die Stellungen nicht getroffen." Die Lage sei sehr angespannt: "Alle erwarten für heute größere Gefechte." Die Rebellen versuchen trotz der Angriffe, von Ras Lanuf aus weiter nach Osten vorzurücken. Angeblich haben die ersten schon die halbe Strecke bis Ben Dschawad geschafft.

Auch in Sawija im Westen Libyens gibt es am Dienstag wieder Kämpfe. Ein Augenzeuge berichtete der Agentur AP, Gaddafi-Anhänger hätten die Stadt eingenommen. Wie es weiter hieß, fuhren Panzer und andere Kampffahrzeuge der regimetreuen Truppen in die Stadt und feuerten willkürlich auf die Häuser. Ähnliches berichtet al-Dschasira.

Die Rebellen haben offenbar noch weitere Probleme: Den Aufständischen im Osten Libyens droht das Benzin auszugehen. In der von den Gaddafi-Gegnern kontrollierten Landeshälfte gebe es nur noch Fahrzeug-Treibstoff für eine Woche, berichtete die in Dubai erscheinende Tageszeitung "Gulf News" unter Berufung auf einen Beamten der Übergangsregierung in der ostlibyschen Metropole Bengasi.

Fotostrecke

30  Bilder
Libyen: Rauchwolken, Wüstenkämpfe und Victory-Zeichen
"Es gibt einen Plan, dieses Problem zu überwinden, aber es ist noch zu früh, darüber zu reden", sagte der Beamte der Zeitung. Der Osten Libyens ist zwar reich an Erdöl und verfügt auch über eigene Raffinerien, doch diese stellten wegen der anhaltenden Kämpfe zwischen Aufständischen und Regimetruppen ihre Produktion weitgehend ein. Einen Ausweg sehen Experten darin, Öl aus der Region nach Italien zu verschiffen und dort zu Treibstoff zu verarbeiten.

Zugleich gibt es Gerüchte über das Angebot eines Abgesandten Gaddafis, der angeblich über den Abgang des Revolutionsführers verhandeln wollte. Es habe aber keine Gespräche gegeben, man traue Gaddafi nicht, erklärte ein Sprecher des Rebellenrats am Dienstag zur Begründung. Die libyschen Rebellen dringen auch auf eine von ausländischen Mächten kontrollierte Flugverbotszone, um die Attacken zu stoppen. Gaddafis Truppen haben in den vergangenen Tagen aus der Luft nicht nur Kämpfer beschossen - sondern auch Zivilisten.

Debatte über Flugverbotszone über Libyen

Die Möglichkeit einer Flugverbotszone wird auch in arabischen Staaten, in der Europäischen Union und den USA immer stärker diskutiert: Großbritannien und Frankreich bemühen sich jetzt um ein entsprechendes Mandat der Vereinten Nationen. Noch in dieser Woche könnte der Entwurf dem Uno-Sicherheitsrat vorgelegt werden, sagte ein Diplomat in New York.

Eine Zustimmung der Uno-Vetomächte China und Russland ist allerdings fraglich. Der russische Außenminister Sergej Lawrow lehnte "jegliche militärische Einmischung des Auslands" in Libyen ab. Doch ein Diplomat gibt sich gegenüber der Agentur Reuters zuversichtlich: Die Zustimmung der beiden Länder zu erhalten sei schwierig, aber nicht unmöglich.

Mit der Durchsetzung der Flugverbotszone könnte die Nato beauftragt werden. Auch Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen bekräftigte, die Organisation würde dies nur übernehmen, sollte der Sicherheitsrat sie damit beauftragen. Er sagte aber auch: Die internationale Gemeinschaft könne den "systematischen Angriffen gegen die Zivilbevölkerung" nicht untätig zusehen. Er habe aber die Militärs gebeten, Planungen "für alle Eventualitäten" vorzunehmen. Eine Flugverbotszone sei eine sehr umfassende Maßnahme, die den Einsatz vieler militärischer Mittel erfordere.

Die Nato hat bereits mit einer 24-Stunden-Luftüberwachung Libyens durch Awacs-Flugzeuge begonnen, wie der US-Botschafter bei der Nato mitteilte. Dadurch wolle das Bündnis ein besseres Bild der Lage in dem umkämpften Land bekommen. Bislang waren die Awacs-Flugzeuge täglich nur zehn Stunden eingesetzt worden.

kgp/dpa/Reuters/dapd

insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
amadeus666 08.03.2011
1. Flugverbotszone
Warum wird den eigentlich keine Flugverbotszone über Afghanistan und Westpakistan verhängt. Dort werden doch täglich Zivilisten durch amerikanische Bomber und Drohnen getötet. Wahrscheinlich insgesamt weit mehr als in Libyen. Oder sind das gute Tote? Insgeheim werden die USA sich über die Vorkommnisse in Libyen sicherlich freuen da ihre Opfer solange weitestgehend aus den Schlagzeilen verschwunden sind. Inwiefern welche Nachrichten und Opferzahlen aus Libyen stimmen ist sowieso fragwürdig nach all den Lügen und Zahlen die wir vor und während der letzten Konflikte hören und lesen konnten. Und ob diese Rebellen im Ende friedliebende Menschen die sich nur nach Freiheit und Demokratie sehnen sind? Es gab sicherlich genug Revolutionen nach denen das große Meucheln erst so richtig losging. Ich würde mich da fein raushalten solange wir nicht umfassend informiert und nicht nur manipuliert werden.
F. Oblong 08.03.2011
2. Auffrällig...
Zitat von sysopNoch halten die libyschen Rebellen die Stadt Ras Lanuf - nun haben Gaddafis Truppen erneut attackiert. Kampfflugzeuge hätten mehrmals Angriffe geflogen, berichtet SPIEGEL-Reporter Clemens Höges. Auch in weiteren Städten wird gekämpft. Den Aufständischen droht Benzinknappheit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749649,00.html
...wie ineffektiv die libysche Luftwaffe oft agiert. Vieleicht ein Hinweis darauf, dass viele Piloten nicht sehr motiviert sind, die Aufständischen zu bombardieren. Zudem könnte man vermuten, dass sie gezwungen sind, mit gesicherten Schleudersitzen und knapper Tankfüllung zu fliegen, was die Desertion durch Flucht oder Aussteigen, wie zu Beginn der Luftwaffeneinsätze geschehen zuverlässig verhindert, gleichzeitig aber auch nahelegt, den Angriff von Flakstellungen zu meiden.
Stationary 08.03.2011
3. Wieviele Tote sind denn genug?
Ich habe selten so einen menschenverachtenden Kommentar gelesen! Wieviele Freiheitskämpfer müssen denn sterben, damit Sie sich ernsthafte Gedanken machen?
founder 08.03.2011
4. Wen man mich zwingen würde
Zitat von F. Oblong...wie ineffektiv die libysche Luftwaffe oft agiert. Vieleicht ein Hinweis darauf, dass viele Piloten nicht sehr motiviert sind, die Aufständischen zu bombardieren. Zudem könnte man vermuten, dass sie gezwungen sind, mit gesicherten Schleudersitzen und knapper Tankfüllung zu fliegen, was die Desertion durch Flucht oder Aussteigen, wie zu Beginn der Luftwaffeneinsätze geschehen zuverlässig verhindert, gleichzeitig aber auch nahelegt, den Angriff von Flakstellungen zu meiden.
Wenn man mich zwingen würde mit knapper Tankfüllung und gesicherte Schleudersitz zu fliegen, dann würde ich als erstes den Befehlshaber eine Bombe auf den Kopf schmießen.
wühlmaus_reloaded 08.03.2011
5. Merkwürdiger Beitrag
Hierzulande wurde mal ein ehemaliger Verteidungsminister (habe den Namen vergessen) über den grünen Klee dafür gelobt, weil er die Auseinandersetzung in Afghanistan einen "Krieg" genannt hat, in der es bisher weniger als 50 tote Deutsche in 8 Jahren gegeben hat (und ich finde, das ist so ziemlich das einzige, womit er recht hatte). Hätten Sie gerne mehr Tote ? Dann sollten Sie sich bei Gaddafi als Söldner verdingen. Wie man hört, zahlt er gut. Warum sollte er das tun - in seiner Wahrnehmung gibt es doch gar keinen Aufstand. Sein Volk liebt ihn doch. Mann, dass Meinungen wie die Ihre hier bei uns so frei geäußert werden dürfen, lässt mich doch manchmal an unserer Demokratie zweifeln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.