Bürgerkrieg in Libyen Rebellen starten Offensive an der Westfront

Weitgehend unbemerkt haben die libyschen Rebellen im Westen des Landes eine neue Front eröffnet: Vom Grenzgebiet zu Tunesien aus laufen seit Tagen Angriffe gegen Gaddafis Truppen - offenbar verzeichnen die Regimegegner dort erste Erfolge.

AP

Aus Dehiba berichten Clemens Höges und


Im libyschen Bürgerkrieg stehen die Rebellen seit Wochen in der Defensive: Im Osten des Landes kommen sie nicht voran, und in der umzingelten Stadt Misurata kämpfen sie um ihr Leben. Doch nun eröffnet sich für die Gegner des Despoten Muammar al-Gaddafi eine neue Chance. Sie greifen im äußersten Westen an. Seit dem 12. April läuft dort, knapp 300 Kilometer südwestlich von Tripolis, eine breit angelegte Offensive gegen Gaddafi-treue Einheiten. In den vergangenen Tagen wurden die Kämpfe immer heftiger.

Die Aufständischen halten dort mehrere Städte entlang des 300 Kilometer langen Nafussa-Gebirges, zum Beispiel Nalut, Jefren oder Gharyan, berichtet ein Rebellenkommandant der Westfront, dessen Informationen von einem hochrangigen West-Diplomaten bestätigt werden. Ihre Operationen, so der Rebellenführer, würden mit dem Nationalrat in der Aufständischen-Hauptstadt Bengasi sowie dem dortigen Generalstabschef Abd al-Fattah Junis abgestimmt.

Die Gaddafi-Truppen schießen nach Angaben der Regimegegner mit russischen Grad-Raketen und Mörsern zurück, unter anderem nehmen sie Nalut ins Visier. "Es ist ein ungleicher Kampf", sagte ein Sprecher. "Die Rebellen sind nicht besonders gut bewaffnet." Jefren steht ebenfalls seit Tagen unter Beschuss, nach Angaben der Aufständischen setzten Gaddafis Getreue hier Raketen, Panzergranaten und Flugabwehrgeschütze ein.

Die Aufständischen haben es offenbar dennoch geschafft, ihre Gegner weitgehend vom Nachschub abzuschneiden. Noch allerdings wehren sich die in der Region stationierten rund 2500 Elitekämpfer der Brigade des Gaddafi-Sohnes Chamis. In der Nacht zu Dienstag schlugen ihre Raketen sogar im benachbarten Tunesien ein. Die tunesische Armee verstärkte daraufhin ihre Präsenz an der Grenze.

Flucht nach Tunesien

Allein am vergangenen Wochenende flüchteten 6000 Zivilisten aus den umkämpften Städten über Wüstenpisten und Bergpässe. 1500 kämen jetzt täglich nach Tunesien, sagt Firas Kayal vom Uno-Flüchtlingshilfswerk im tunesischen Zarsis: "Ganz klar, es geht los, das werden nun immer mehr." Ungewöhnlich viele Flüchtlinge, vor allem Familien, werden von Tunesiern aufgenommen, andere kommen in Zeltlagern von Hilfsorganisationen unter.

Ein Großteil der rund 100.000 Einwohner aus Nalut sei inzwischen geflohen, sagt Ummar Zikri, ein Ingenieur, der aus der Stadt stammt. Mit seiner Frau und den fünf Kindern hat er sich vor wenigen Tagen in ein Flüchtlingslager des Roten Halbmondes nahe des tunesischen Dehiba gerettet. Sein Haus am Stadtrand von Nalut war äußerst gefährdet: " Gaddafis Soldaten greifen immer tagsüber an, weil sie sich im Gelände nicht auskennen. Die Rebellen schlagen dann immer nachts zurück, weil sie jeden Stein kennen."

Rebellen erobern Grenzposten

Die Gefechte im Westen laufen weiter. Am Donnerstag brachten die Rebellen nach Angaben von Augenzeugen einen der wichtigsten Grenzposten zu Tunesien unter ihre Kontrolle: Die Aufständischen hätten den Posten Wasin am Morgen nach kurzen Kämpfen mit den Truppen von Gaddafi eingenommen, sagten Augenzeugen der Nachrichtenagentur AFP. Hunderte Rebellen feierten demnach den strategisch wichtigen Erfolg mit Freudenschüssen und schwenkten Fahnen.

An den anderen Fronten bleiben die Erfolgsmeldungen indes aus. In Misurata bleibt die Lage für die Rebellen dramatisch. Gaddafis Truppen beschossen die eingekesselte Stadt auch am Donnerstag erneut mit Granaten. Dabei seien mindestens drei Kämpfer der Aufständischen getötet und 17 weitere verletzt worden, berichtete ein Sprecher der Rebellen.

Bei einer Granatenexplosion in Misurata wurden außerdem zwei prominente Kriegsreporter getötet: Der britische Fotograf und für den Oscar nominierte Filmemacher Tim Hetherington und sein US-Kollege Chris Hondros. Beide wurden nur 41 Jahre alt. Außerdem wurde der Brite Guy Martin schwer verletzt, der für die Bild-Agentur Panos arbeitet.

Nato-Angriff auf Tripolis

Die Nato nahm unterdessen nach einem Bericht des libyschen Staatsfernsehens erneut Ziele in der Hauptstadt Tripolis unter Beschuss. Bei den Angriffen auf den Stadtteil Chellat al-Ferdschan seien sieben Menschen getötet und 18 weitere verletzt worden, meldete der Sender al-Dschamahirija am Donnerstag. Von unabhängiger Seite konnte der Bericht zunächst nicht bestätigt werden.

Die Nato wies den Bericht entschieden zurück. "Es gab einen Luftangriff in der Gegend von Chellat al-Ferdschan", sagte ein Vertreter der Militärallianz am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP in Brüssel. "Das Ziel war ein Befehls- und Kontrollbunker inmitten eines Militärgeländes. Es gibt keine Hinweise auf zivile Opfer."

mit Material von Reuters/AP/AFP

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Monty68 21.04.2011
1. Zitat aus SZ online
In der Diskussion um die weitere Strategie des Militäreinsatzes in Libyen hat der ehemalige Nato-General und Oberbefehlshaber der Kfor-Truppen auf dem Balkan, General a. D. Klaus Reinhardt, für Waffenstillstandsverhandlungen plädiert. Man müsse endlich davon absehen zu fragen, welche militärischen Mittel man noch einsetzen wolle, um den Krieg in Libyen zu beenden, sagte Reinhardt im Deutschlandradio Kultur. Richtig so Herr General. Nur so geht es. Jeder weitere Tote geht auf das Konto derjenigen die es versäumen eine friedliche Lösung anzustreben.
Monty68 21.04.2011
2. Und wieder ein Propaganda-Machwerk .-.-
erster Güte. Mich würde interessieren, wen SPON denn mit "unabhängige Experten" meint. Wer ist in diesem Konflikt den unabhängig?
sansold 21.04.2011
3. .
Zitat von sysopWeitgehend unbemerkt haben die libyschen Rebellen im Westen des Landes eine neue Front eröffnet: Vom Grenzgebiet zu Tunesien aus laufen seit Tagen Angriffe gegen die Gaddafis Truppen - offenbar verzeichnen die Regimegegner dort erste Erfolge. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,758362,00.html
3 tote und 17 verletzten von der Armee und 7 tote und 18 durch NATO Angriff. Und wer tötet jetzt mehr Menschen? Mich würde auch interessieren woher den plötzlich Rebellen mit der waffen so nah an tunesischer Grenze aufgetaucht sind bzw. woher sie die Waffen bekommen haben? Wenn sie die Waffen schon vorher hatten, dann warum wurde so lange gewartet? Etwas sagt mir, dass die Geheimdienste hinter dem "Aufstand" stecken und dass es noch mehr von solchen "Aufständen" in verschiedenen teilen des Landes kommen werden, um die Regierungsarmee in den Kampf gegen viele kleine lokole Konflikte zu verwickeln.
jörg pk 21.04.2011
4. Sie haben da schon Recht!
Zitat von Monty68erster Güte. Mich würde interessieren, wen SPON denn mit "unabhängige Experten" meint. Wer ist in diesem Konflikt den unabhängig?
In diesem Krieg ist kaum einer unabhängig. Entweder man sympathisiert mit dem unterdrückten Volk oder dem Massenmörder Gaddafi. Ich tue ersteres und Sie sprechen dem dem dreckigen Diktator das Wort. Zwischen uns ist die Sache damit geklärt.
beebo 21.04.2011
5. Gaddafis Geheimdienst funktioniert nicht mehr
In den Regionen funktioniert Gaddafis Geheimdienst und Polizei nicht mehr zum Unterdrücken der Aufstände. Jezt Versucht Gaddafi dies mit Militärpräsenz auszugleichen. Die Zeit spielt auch gegen Gaddafi. Wochenlang wird Gaddafi die Angriffe auch nicht mehr weiterführen können.
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