Bürgerkrieg in Libyen Türkei hilft Gaddafi-Gegnern mit Millionensumme

Die libyschen Rebellen bekommen noch mehr Hilfe von einem einstigen Partner Gaddafis: Die Türkei hat ihnen jetzt finanzielle Hilfe in Höhe von 200 Millionen Dollar zugesagt und die Übergangsregierung in Bengasi offiziell anerkannt.

Türkischer Minister Davutoglu, Rebellenchef Dschalil: "Solidarität mit dem libyschen Volk"
REUTERS

Türkischer Minister Davutoglu, Rebellenchef Dschalil: "Solidarität mit dem libyschen Volk"


Tripolis - Die türkische Regierung solidarisiert sich mit den libyschen Rebellen: Bei einem Besuch in Bengasi hat der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu den Aufständischen seine Unterstützung ausgesprochen und Finanzhilfen in dreistelliger Millionenhöhe zugesagt. Der Nationale Übergangsrat der Aufständischen sei der einzige legitime Vertreter des libyschen Volkes, sagte Davutoglu. Machthaber Muammar al-Gaddafi müsse zurücktreten und den Weg für "Demokratie und Transparenz" freimachen.

Zusätzlich zu einer bereits gewährten Unterstützung von 100 Millionen Dollar (69 Millionen Euro) stellte der türkische Außenminister nach einem Treffen mit dem Vorsitzenden des Übergangsrats, Mustafa Abdel Dschalil, eine weitere Zahlung über 200 Millionen Dollar (138 Millionen Euro) in Aussicht. "Ich bin hier um meine Solidarität mit dem libyschen Volk zum Ausdruck zu bringen", sagte Davutoglu.

Erst am Samstag hatte die Türkei offiziell ihren Botschafter aus Tripolis abgezogen und neue Sanktionen gegen Gaddafi beschlossen. Die Regierung in Ankara hatte lange versucht, zwischen beiden Seiten in Libyen zu vermitteln. So hatte das einzige muslimische Land innerhalb der Nato noch Mitte Juni Gaddafi Unterstützung bei einem Gang ins Exil angeboten. Die Türkei unterhielt vor Ausbruch der Proteste gegen Gaddafi enge wirtschaftliche Verbindungen zu dem Regime

Bei den libyschen Rebellen gibt es offenbar eine Debatte darüber, ob ein Frieden auch möglich wäre, wenn Gaddafi im Land bleiben sollte. Medien hatten den Vorsitzenden des Nationalen Übergangsrats der Aufständischen, Mustafa Abdel Dschalil, mit der Aussage zitiert, Gaddafi brauche das Land nicht zu verlassen, wenn er die Waffen ruhen lasse und zurücktrete. Rebellensprecher Abdel Hafis Ghoga bezeichnete dies am Sonntag jedoch als persönliche Ansicht Dschalils. "Wenn Gaddafi uns einen Ort zeigt, an dem er keine Menschen verletzt, gefoltert oder getötet hat, dann kann er bleiben, aber einen solchen Ort gibt es nicht", sagte Ghoga. Ein derartiges Zugeständnis stehe für die Rebellen daher nicht zur Debatte.

Gaddafis Sohn Saif al-Islam hatte sich am Wochenende im französischen Fernsehsender TF 1 erklärt, der Westen sei durch seine Angriffe auf die libysche Regierung selbst zu einem "legitimen Ziel geworden". Sein Vater habe nicht die Absicht, das Land zu verlassen. Der Westen habe keine Chance, den Kampf gegen den Diktator zu gewinnen, verkündete Saif al-Islam. Das Regime sei bereit zu Zugeständnissen gegenüber dem Westen, aber werde weiter für das Land kämpfen. Diktator Gaddafi hatte zuvor in einer Telefonansprache dem Westen damit gedroht, den Kampf nach Europa zu tragen.

Die Nato hat nach eigenen Angaben ihre Luftangriffe auf den von Gaddafi kontrollierten Westen Libyens ausgeweitet. Mehr als 50 militärische Ziele seien in dieser Woche in der Region zerstört worden, teilte das Militärbündnis mit.

Die Außenministerinnen der USA und Spaniens hatten am Samstag erklärt, sie wollten ihre Mission zum Schutz der Zivilbevölkerung fortsetzen und Gaddafi zum Rücktritt zwingen. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte, anstatt zu drohen, solle Gaddafi an die Interessen seines Volkes denken und zurücktreten. Die spanische Außenministerin Trinidad Jimenez erklärte, die beteiligten Länder wollten weiterhin Druck auf Gaddafi ausüben, um das Volk zu schützen.

anr/Reuters/dapd

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winnithepooh 04.07.2011
1. "Türkei wird eine bedeutendere Rolle spielen"
Vor gut 20 Jahren traf ich im Zug einen türkischen Journalisten, der seine Verwandten in Mitteleuropa besuchte. Im Laufe des durchaus angenehmen Gespräches meinte er, die heutige - bescheidene - Rolle der Türkei wird sich in der Zukunft verändern: "Wir werden unseren Einflussbereich wesentlich ausdehnen", meinte er. Damals hatte ich noch kein Gespür für den Nahen / Mittleren Osten, mit Ausnahme der stetigen Israel-Konflikte war das eine graue Zone. Heute denke ich gelegentlich an die Worte des damals 50-Jährigen: Wirtschaftlich auf hohem bzw. wachsendem Niveau (anders als die Griechen!), mit zunehmendem politischen Einfluss, durchsetzungskräftig wird die Türkei geachtet und nicht mehr belächelt.
flower power 04.07.2011
2. und das bestimmt nicht aus nächstenliebe
sondern um gewaltig mitregieren zu können.
ReinerG, 04.07.2011
3. .
Na, dann doch nichts wie rein in die EU. Vielleicht hat die Türkei auch ausreichend Munition, um den klammen Briten und Franzosen auszuhelfen.
green_mind 04.07.2011
4. Wie haben sie die Türkei denn rumgekriegt?
Zitat von sysopDie libyschen Rebellen bekommen noch mehr Hilfe von einem einstigen Partner Gaddafis: Die Türkei hat ihnen jetzt finanzielle Hilfe in Höhe von 200 Millionen Dollar zugesagt und die Übergangsregierung in Bengasi offiziell anerkannt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,772096,00.html
Ganz schön wetterwendisch, die ehemals neutralen türkischen Vermittler. Hat man der Türkei mal wieder Unterstützung beim EU-Beitritt versprochen? Zitat aus dem Artikel: "Der Nationale Übergangsrat der Aufständischen sei der einzige legitime Vertreter des libyschen Volkes, sagte Davutoglu. Machthaber Muammar al-Gaddafi müsse zurücktreten und den Weg für "Demokratie und Transparenz" freimachen." Gute Idee mit der Transparenz! Der Übergangsrat mag bitte die Namen der vielen Geheim-Mitglieder offenlegen, damit man googeln kann, ob es sich eher um Al Qaida oder um berüchtigte Ex-Regierungsmitglieder handelt. Wie ein derart dubioses und geheimes Gremium als "legitim" anerkannt werden kann, ist mir ein völliges Rätsel. Zitat aus dem Artikel: "Rebellensprecher Abdel Hafis Ghoga bezeichnete dies am Sonntag jedoch als persönliche Ansicht Dschalils. "Wenn Gaddafi uns einen Ort zeigt, an dem er keine Menschen verletzt, gefoltert oder getötet hat, dann kann er bleiben, aber einen solchen Ort gibt es nicht" Er kann doch mal den Ex-Justizminister und jetzigen Übergangsrats-Chef Jalil fragen, der weiß bestimmt genau, wer wo wann gefoltert hat. Es gab ansonsten am Wochenende einen weithin beachteten Verhandlungs-Vorschlag der AU. Es wäre doch nett, der Vollständigkeit halber auch darüber in einem solchen zusammenfassenden Bericht zu lesen. Es wird immer rätselhafter, warum die Nato trotz derart machbarer Vorschläge und trotz offenkundiger Verandlungen zwischen Regierung und "Rebellen" immer weiter und weiter bombt. Wenn Spon solche Meldungen weglässt, wirkt das so, als ob ihm keine Erklärung dafür einfiele.
s_o_p_h_u_s 04.07.2011
5. Der Nationale Übergangsrat
Zitat von sysopDie libyschen Rebellen bekommen noch mehr Hilfe von einem einstigen Partner Gaddafis: Die Türkei hat ihnen jetzt finanzielle Hilfe in Höhe von 200 Millionen Dollar zugesagt und die Übergangsregierung in Bengasi offiziell anerkannt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,772096,00.html
"Der Nationale Übergangsrat der Aufständischen sei der einzige legitime Vertreter des libyschen Volkes, sagte Davutoglu" Und wieso bitte? Gab es Wahlen? Woher kommt diese Legitimität? Wieso erfährt man so wenig über die Hintergründe? Wieso gehen im Westen immer noch tausende auf die Strasse, um für Gaddafi zu demonstrieren? Alles Polizei, Geheimdienst, gekaufte Söldner? Was ist mit der Flugverbotszone? Fliegt da noch irgendwas - von Gaddafis Luftwaffe? Wenn Nein, wieso wird immer noch gebombt? Oder geht hier das alte Spiel schon wieder von vorne los? Die "Alliierten" teilen schon wieder den Kuchen auf und der, der am meistens verspricht, ist dann natürlich auch "der einzig Legitimierte"? Das geht mir hier alles zu simpel... zu schwarz/weiß. Wer weiß da mehr?
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