Bürgerkrieg in Nordafrika Gaddafi öffnet Libyen für Uno-Inspekteure

Libyen versinkt in Gewalt und Chaos - Gaddafis Soldaten und Aufständische kämpfen erbittert um die Kontrolle in den Städten. Jetzt gibt es etwas Hoffnung für die Bevölkerung: Erkundungsteams von Uno und EU sollen sich Klarheit über die humanitäre Lage im Land verschaffen.

Getty Images

Tripolis/New York/Washington - Wie viele Menschen sind in Libyen auf der Flucht, wie viele sind verletzt oder getötet worden? Genaue Informationen aus dem von schweren Kämpfen erschütterten Land sind schwer zu bekommen. Uno und EU entsenden jetzt Erkundungsteams nach Libyen, um sich ein genaues Bild von der humanitären Lage in dem nordafrikanischen Staat zu machen.

Der libysche Außenminister Mussa Kussa habe in einem Telefonat mit Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon der sofortigen Entsendung eines Teams nach Tripolis zugestimmt, teilte ein Uno-Sprecher in New York mit. Ban, der bereits das gewaltsame Vorgehen des Regimes von Muammar al-Gaddafi angeprangert hatte, habe gegenüber Kussa auf ein sofortiges Ende des Kämpfe gedrängt. Auch habe der Uno-Generalsekretär die Regierung Gaddafis aufgefordert, die Sicherheit aller Ausländer zu garantieren und Hilfsorganisationen ungehinderten Zugang zu den Bedürftigen zu ermöglichen.

Das Erkundungsteam werde vom Uno-Büro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) organisiert, teilte der Sprecher Bans mit. Ob es neben der Hauptstadt Tripolis auch andere Städte besuchen dürfe, sei noch unklar. Nach Angaben des Sprechers ernannte Ban mit dem ehemaligen jordanischen Außenminister Abdelilah al-Chatib außerdem einen Sondergesandten für Libyen. Er werde zunächst nach New York kommen und sich dann so bald wie möglich mit der Gaddafi-Regierung in Verbindung setzen.

Auch ein Team der Europäischen Union ist nach Angaben der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton auf dem Weg nach Libyen. Die Entsendung der Gruppe unter Leitung des italienischen Krisenhilfeexperten Agostino Miozzo dient vor allem der Vorbereitung des Libyen-Sondergipfels am kommenden Freitag. Das Team soll in den nächsten Tagen prüfen, wie die 27 EU-Staaten weitere Unterstützung für die Menschen im Land leisten können.

Häuserkämpfe in Misurata

Die internationale Gemeinschaft ringt um einen Umgang mit der Krise Libyen - die heftigen Kämpfe in dem nordafrikanischen Land dauern an. Vor allem entlang der Küstenlinie versuchen die Truppen von Staatschef Gaddafi, an die Rebellen verlorene Städte zurückzuerobern.

Mit Hubschraubern, Kampfflugzeugen und Panzern griffen die Regierungstruppen nach Berichten des arabischen Senders al-Dschasira am Sonntag mehrere von Aufständischen kontrollierte Städte an, darunter Ben Dschawad, Tobruk, Ras Lanuf und Misurata. In Sawija, 50 Kilometer westlich von Tripolis, wechselte die Front binnen Stunden mehrmals hin und her. Am Ende hätten die Gaddafi-Gegner die Angriffe abgewehrt, hieß es.

In Misurata, 210 Kilometer östlich von Tripolis, lieferten sich Gaddafis Truppen Häuserkämpfe mit den Rebellen. Wie ein Vertreter des von den Aufständischen gegründeten Nationalrats al-Dschasira sagte, habe man die Attacken auch dort zurückgeschlagen. Misurata sei unter Kontrolle, sagte er in der Nacht zum Montag. Bei den Kämpfen seien mehrere Gaddafi-treue Soldaten gefangen genommen worden. Erneut forderte er die Einrichtung einer Flugverbotszone in Libyen. Sie sei "überfällig", um Zivilisten vor den Bomben des Diktators zu schützen.

In der US-Regierung mehren sich unterdessen die skeptischen Stimmen zu einer solchen Flugverbotszone. Nach Verteidigungsminister Robert Gates äußerte sich am Sonntag auch der neue Stabschef im Weißen Haus, Bill Daley, zurückhaltend. "Eine Menge Leute reden über eine Flugverbotszone, als wäre es (...) ein Videospiel oder so etwas", sagte er dem US-Sender NBC. "Wer darüber auf diese Weise redet, hat keine Ahnung, wovon er spricht."

Ein von Aufständischen im Osten Libyens festgehaltenes britisches Diplomatenteam ist am Sonntagabend wieder freigelassen worden. Die Gruppe, darunter angeblich sechs Elitesoldaten der Kommandotruppe SAS, sollte britischen Medienberichten zufolge Gespräche mit den Gaddafi-Gegnern aufnehmen. Kurz nach ihrer Ankunft am Freitag waren die Männer jedoch festgenommen worden. Der britische Verteidigungsminister Liam Fox bestätigte, dass britische Diplomaten in Bengasi mit Rebellen gesprochen hätten. "Aber ich werde dazu keinen weiteren Kommentar abgeben", sagte er.

USA erwägen Anzapfung der strategischen Ölreserven

Gleichzeitig erwägt die US-Regierung angesichts stetig steigender Ölpreise als Folge der Krise in Libyen ihre strategischen Ölreserven anzuzapfen. "Das ist bislang nur in sehr seltenen Fällen passiert", sagte Stabschef Daley NBC. "Wir schauen uns unsere Optionen an, und die Reserven sind eine, die wir in Erwägung ziehen." Vor solch einem Schritt müssten allerdings eine ganze Reihe von Faktoren überdacht und einbezogen werden.

Die Benzinpreise in den USA sind nach Angaben des US-Autoclubs AAA binnen eines Monats um mehr als zwölf Prozent gestiegen. Spritpreise sind ein empfindliches politisches Thema in den USA. Am Sonntag kostete die Gallone (3,8 Liter) unverbleites Benzin im Landesschnitt 3,50 Dollar (2,52 Euro). Der bisher höchste Durchschnittpreis wurde den AAA-Angaben zufolge im Sommer 2008 mit 4,11 Dollar pro Gallone bleifreies Benzin registriert.

Die Ölpreise hatten am Freitag nach einem Rückgang ihren Höhenflug wieder aufgenommen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete am späten Nachmittag 115,91 Dollar, etwa ein Prozent mehr als am Vortag. Die strategischen US-Ölreserven betragen nach Medienberichten fast 730 Millionen Barrel. Die USA verbrauchen nach Angaben der Behörde für Energie-Information pro Tag knapp 19 Millionen Barrel Öl - so viel wie kein anderes Land der Erde.

Die Vorräte waren Anfang der siebziger Jahre als Reaktion auf den Ölschock durch das Embargo arabischer Staaten angelegt worden. Zuletzt wurden sie 2008 nach dem Zerstörungszug der Hurrikane "Gustav" und "Ike" im Süden der USA angezapft. Um die Märkte zu beruhigen, ging die Regierung die Reserven im Januar 1991 an, nach der Invasion Kuwaits. Um die Reserven bei einem Versorgungsengpass anzuzapfen, braucht der Präsident keine Genehmigung des Kongresses.

anr/dpa/AFP/Reuters



insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nachdenklich1 07.03.2011
1. Hoffnung
Zitat von sysopLibyen versinkt in Gewalt und Chaos - Gaddafis Soldaten und Aufständische kämpfen erbittert um die Kontrolle in den Städten. Jetzt gibt es etwas Hoffnung für die Bevölkerung: Erkundungsteams von Uno und EU sollen sich Klarheit über die humanitäre Lage im Land verschaffen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749364,00.html
vor allem gibt es Hoffung für eine neutrale Berichterstattung.....Ob das allen passt?
Hannowald 07.03.2011
2.
Was macht denn der Westen, Ghadaffi den Bürgerkrieg gewinnt?
mullettom 07.03.2011
3. humanitäre lage - pah!
Eidechsenschwanztechnik. Auf die Art verschafft sich der Drecksack die Zeit, den Aufstand zusammenzubomben.
taggert 07.03.2011
4. ...
Uiuiui! Die Ammis haben vielleicht Probleme... 2,52 € Pro Gallone... Eine Gallone sind 3,78 Liter... 2,52 / 3,78 = 0,67 € pro Liter Oh ja, das ist wirklich sehr sehr teuer und kaum noch bezahlbar. Eventuell sollten die Ammis sich mal Informieren, was man in anderen teilen der Welt so für Sprit bezahlt. (auch wenn das meiste bei uns Steuern sind) Wenn Sie das toppen, können Sie jammern!
trubeldubel 07.03.2011
5. Uno
Gaddafi hatte diese UNO-Besuche von Anfang an angeboten. Schaut nunmal einige Tage zurück... Ansonsten sollten die Europäer den Ball schön flach halten. Die aktuell wieder aufflammenden Konflikte in den arabischen Ländern haben ihre Ursachen in dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und der Neuaufteilung der Gebiete seit 1910. Beteiligte Länder waren: England und Frankreich (diese haben die Grenzen und Interessengebiete abgesteckt.) Deutschland war Partner des Osmanischen Reiches. Ihm ging es in erster Linie um die Nutzung als Transit-Land. (Hedschas-Bahn) Koloniale Bedürfnisse sollten hier nicht befriedigt werden. Berühmte Personen: Gertrude Bell, T.E. Lawrence (Lawrence von Arabien), Winston Churchill. Die Länder Iran, Irak, Syrien, Palästina, Libyen entstanden bzw. entstanden wieder. Israel kam später hinzu. Der Vorgänger der UNO hat die Länder Frankreich und England beauftragt, diese Gegenden zu verwalten. (obwohl Frankreich und England hier ihre Interessen hatten) Frankreich sollte sich um Syrien und Libyen kümmern, der Rest fiel an England. Matthias
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.