Bürgerkrieg in Somalia "Ich rühre nie wieder eine Waffe an"

Applaus für die einmarschierenden Regierungstruppen - aber auch gewalttätige Demonstrationen: Die Somalier reagieren unterschiedlich auf den Rückzug der Islamisten. Manche fürchten sich vor dem Machtvakuum, das sie hinterlassen könnten.


Mogadischu - Nie wieder werde er eine Waffe anrühren, schwört Abdulhafid Cheik Farah. Der junge Mann war Kämpfer der Islamisten, die am Donnerstag von Regierungstruppen aus der somalischen Hauptstadt Mogadischu vertrieben wurden. Er hätte nie gedacht, dass die Islamischen Gerichte jemals besiegt werden würden, sagt er. Er habe seine Waffe bei den Islamisten abgegeben und sei nun bereit für einen zivilen Posten. "Die ganze Zeit eine Waffe zu tragen, ist die totale Zeitverschwendung."

Äthiopische Soldaten auf dem Weg nach Mogadischu: Ein Mix aus Jubel und Ausschreitungen
AP

Äthiopische Soldaten auf dem Weg nach Mogadischu: Ein Mix aus Jubel und Ausschreitungen

Einige seiner Freunde seien bei Kämpfen getötet oder verwundet worden, erzählt Farah. "Ich werde nicht mehr Teil dieser Truppe sein." Doch nicht alle der islamistischen Kämpfer denken so: Am Freitag kündigen die Freischärler einen Guerillakrieg an. Chaos und Unruhe befürchten denn auch etliche Bewohner Mogadischus nach dem Rückzug der Islamisten. "Wir haben die vergangenen sechs Monate in Frieden gelebt, aber ich glaube, jetzt beginnt die Hölle, und die Tötungen fangen wieder an", sagt Hashim Jeele Hassan, der im Stadtteil Medina im Süden Mogadischus lebt. "Die Islamischen Gerichte haben uns Sicherheit gebracht." Zum ersten Mal nach 15 Jahren Bürgerkrieg hätten sich die Menschen sicher gefühlt, ist er überzeugt.

"Die Rückkehr der Randale"

In Somalia herrscht seit dem Sturz von Diktator Siad Barre 1991 Bürgerkrieg. Bis zur Machtübernahme der Islamisten in Mogadischu im Juni dieses Jahres hatten die Bewohner der Stadt unter Auseinandersetzungen verschiedener Warlords zu leiden. "Ich habe gesehen, wie Regierungssoldaten Geschäfte plünderten und ihre Waffen in die Luft hielten", berichtet Muhubo Sheegow, die als Verkäuferin arbeitet. "Das bedeutet die Rückkehr der Randale."

"Wir haben unsere Geschäfte geschlossen und warten ab, was passiert", sagt die Händlerin Shadiyo Gure Ali. Sie ärgert sich vor allem über die äthiopischen Truppen im Land, die das Übergangskabinett unterstützen. Einer Regierung, die die Äthiopier nach Somalia hole, könne sie nicht den Rücken stärken. Mit ihrer Meinung steht sie nicht allein: am Freitag demonstrieren Tausende in Mogadischu gegen die äthiopischen Truppen.

Frauen jubeln bei der Ankunft des Ministerpräsidenten

Wenige Stunden zuvor hatten 80 Kilometer nördlich von Mogadischu, in Mundul Sharey, die Bewohner dem Tross von Ministerpräsident Ali Mohamed Gedi am Donnerstagabend einen äußerst freundlichen Empfang bereitet. Die Männer schoben sich gegenseitig zur Seite, um Gedi die Hand drücken zu können. Die Frauen sangen und jubelten. Und der Regierungschef begann plötzlich zu tanzen. "Es ist seine Stadt", erklärte einer seiner Begleiter einem AFP-Reporter. Zwar sei Gedi in Mogadischu geboren, aber die Wurzeln seines Clans lägen in Mundul Sharey.

"Es ist mindestens zwei Jahre her, dass ich wegen des Krieges und der Unsicherheit nicht mehr zurückgekehrt bin", sagte der Regierungschef. "Ich bin sehr zufrieden, heute Abend hier zu sein." Doch der begeisterte Empfang in seiner Heimatstadt war nur eine Etappe: am Freitag kehrt Gedi nach Mogadischu zurück. Auch dort applaudieren die Menschen, als sein Konvoi am Flughafen im Süden der Hauptstadt vorbeifährt. Doch im Norden fliegen bei einer Demonstration gegen die Äthiopier, Gedis Verbündete, Steine.

Von Emmanuel Goujon, AP



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.