Bürgerkrieg in Syrien Al-Qaida erobert Stadt an türkischer Grenze

Extremisten des Terrornetzwerks al-Qaida haben die syrische Stadt Asas eingenommen, nahe der Grenze zur Türkei. Damit rücken die Islamisten immer weiter an das Nato-Gebiet. Andere Rebellengruppen leisten Widerstand gegen den Vormarsch der Islamisten.

Den ganzen Tag über waren aus Asas, einer Stadt etwa drei Kilometer vom Grenzübergang zur Türkei entfernt, Schüsse zu hören. Hunderte Menschen flohen, immer wieder machten sich auch syrische Rebellen auf den Weg in die Stadt. "Wir wollen die Islamisten vertreiben!", sagt einer, der sich Abel Hamid nannte.

Flüchtlinge und Rebellen bestätigen, dass Asas von Kämpfern der Gruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien, kurz Isis, eingenommen wurde. Isis, eine Ansammlung vor allem ausländischer Dschihadisten, ist inzwischen zum schlagkräftigsten Ableger von al-Qaida aufgestiegen. Und Asas ist ein strategisch wichtiger Ort: Von hier führt der Weg weiter nach Aleppo, der heftig umkämpften Metropole. "Straße des Todes" nennen die Menschen diese Route, weil dort Heckenschützen lauern. Über diesen Weg kommt die Hilfe aus der Türkei für die Rebellen, werden Waffen, Munition, Medikamente und Verbandsmaterial geliefert.

Wegen dieser Schlüsselposition versuchen Rebellen, die mit al-Qaida nichts zu tun haben wollen, die Stadt nun zurückzuerobern. Sollte das nicht gelingen, befürchten sie, dass ihre Versorgung unterbrochen werden könnte. "Das wäre ein enormer Rückschlag für unseren Kampf gegen Präsident Baschar al-Assad und seine verbrecherischen Truppen", sagte Abel Hamid am Telefon.

Deutsche Ärzte auf der Flucht

Die Kämpfe hatten am Mittwoch begonnen, als die Extremisten die Stadt stürmten und versuchten, deutsche Ärzte, die seit einigen Monaten in einem dortigen Krankenhaus arbeiteten, gefangen zu nehmen. Den Medizinern gelang zwar die Flucht, sie wurden in der Türkei in Sicherheit gebracht. Doch die Isis-Kämpfer lieferten sich stundenlange Gefechte mit Rebellen. Flüchtlinge berichten, sie hätten mehrere Tote auf den Straßen gesehen.

Die Freie Syrische Armee, die Dachorganisation der Rebellen, hatte am Donnerstag noch die Kontrolle über den Grenzübergang Bab al-Salameh, teilte aber mit, dass Qaida-Kämpfer versuchten, bis zur Grenze vorzudringen. Einen Waffenstillstand, den die Islamisten nach der Eroberung von Asas angeboten hätten, sei von ihnen selbst gebrochen worden.

"Isis wächst und wächst", sagte ein Kommandeur der Rebellen türkischen Journalisten. "Offensichtlich fließt das Geld, sie verfügen über immer mehr Waffen. Wenn das so weitergeht, stehen wir auf verlorenem Posten." Es klang wie ein Hilferuf nach mehr Unterstützung.

Sorge in der Türkei

In der Türkei dürfte die Nachricht von der Einnahme der Stadt durch Isis für Entsetzen sorgen: Al-Qaida steht damit direkt vor Nato-Gebiet. Die Türkei unterstützt die Rebellen, erlaubt ihnen den Rückzug auf türkisches Territorium und gestattet auch die Belieferung mit Waffen und Munition, die überwiegend von arabischen Staaten finanziert wird. Erklärtes Ziel des türkischen Premierministers Recep Tayyip Erdogan ist es, den syrischen Präsident Assad, mit dem er vor Ausbruch des syrischen Konflikts vor 30 Monaten noch eng befreundet war, zu entmachten.

"Bis heute sind etwa 120.000 Menschen in Syrien gestorben, einschließlich Kinder, Frauen und Jugendliche", sagte der türkische Vize-Regierungschef Bulent Arinc. Bis zum Giftgasangriff am 21. August nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus sei kein einziger durch chemische Waffen ums Leben gekommen, sondern durch konventionelle Waffen. Weil Assad auch ohne Giftgas weiter töten würde, müsse er gehen. Dass Assad die Chance gegeben werde, die chemischen Waffen abzugeben, hielt er für nicht ausreichend.

Premierminister Erdogan erklärte, nicht einmal ein zeitlich begrenzter Militärschlag gegen Syrien reiche aus. "Ihr könnt nicht kommen, ein oder zwei Tage zuschlagen und dann wieder verschwinden. Ein Einsatz muss zur Aufgabe des jetzigen Regimes führen!", sagte er in Richtung Nato.

Vor drei Tagen handelte Ankara auf eigene Faust: Eine F-16 der türkischen Luftwaffe schoss am 16. September um 14.25 Uhr einen syrischen Hubschrauber ab, der angeblich trotz Warnungen in türkischen Luftraum eingedrungen war. Außenminister Ahmet Davutoglu nannte es eine "Strafe" für Syrien. Der Helikopter stürzte einen Kilometer von der türkischen Grenze entfernt auf syrischem Territorium ab.