Bürgerkrieg in Syrien Diktator Assad lässt sich als Wohltäter feiern

Syriens Machthaber Assad spielt heile Welt: Das Staatsfernsehen zeigt, wie der Despot mit Gattin Asma in Jeans und T-Shirt lachend Care-Pakete packt - doch nur wenige Kilometer entfernt fallen erneut Schüsse. Scharfschützen haben offenbar auf eine Menge gefeuert, die Uno-Beobachtern zujubelte.

AFP

Von , Beirut


Nur wenige Kilometer voneinander entfernt spielten sich in Damaskus zwei Szenen ab, die unterschiedlicher kaum sein können. Und gerade deswegen illustrieren sie, wie zerrissen Syrien inzwischen ist.

Da war einerseits der Zwischenfall im Damaszener Vorort Arbin: Das Vorauskommando der Uno-Beobachtertruppe wollte am Mittwoch in dem immer wieder von Unruhen erschütterten Viertel laut Mandat prüfen, ob die syrischen Konfliktparteien die Bedingungen des Friedensplans der Uno und der Arabischen Liga erfüllen.

Im Internet veröffentlichte Amateurvideos scheinen Bilder des Ortstermins zu zeigen: Zu sehen ist, wie ein weißer Uno-Jeep sich den Weg durch eine jubelnde Menge bahnt. Menschen schwenken Fahnen und Banner. "Der Mörder mordet, die Beobachter beobachten, und das Volk macht seine Revolution", ist auf einem Schild zu lesen. Dann fallen Schüsse, die Menge hastet auseinander: Offenbar haben Scharfschützen der Regierungstruppen das Feuer auf die Demonstranten eröffnet.

Aktivistengruppen prangerten den Vorfall später als klaren Bruch der vereinbarten Waffenruhe an - ein Vorwurf, wie man ihn schon viele Male gehört hat. Normalerweise würde er als nicht überprüfbar eingestuft. Doch in Fall Arbin wurde der Bericht der Oppositionellen diesmal von der Uno bestätigt, zumindest in Teilen. In allen drei besuchten Stadtbezirken hätten die Uno-Experten unter Führung des marokkanischen Oberst Ahmed Himmiche Checkpoints und syrisches Militär gesichtet, sagte Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Der Rückzug der Armee aus den Städten jedoch stellt eine der Kernforderungen des Friedensplans Kofi Annans dar, den einzuhalten sich die syrische Regierung verpflichtet hat.

In Arbin hätten die Beobachter zudem ein schlecht getarntes Panzerfahrzeug entdeckt, so Ban. Später hätten die versammelten Regimegegner die Uno-Männer zu einem weiteren Armee-Checkpoint führen wollen. Daraufhin sei "die Menschenmenge durch Schüsse auseinandergetrieben worden", so Ban. Die Uno-Beobachter hätten nicht feststellen können, wer geschossen habe. Doch auch wenn die Blauhelme die Schützen nicht ausmachen konnten: Der Vorfall von Arbin ist dank ihrer Anwesenheit auch nicht wegzureden.

Küsse und Umarmungen für den Präsidenten

Während im Vorort Demonstranten unter Beschuss kamen, wurde andernorts in Damaskus heile Welt inszeniert. Das Präsidentenpaar, Baschar al-Assad und seine britisch-syrische Frau Asma, fanden sich in Jeans und T-Shirt in einem der Sportstadien der Zwei-Millionen-Stadt ein. Begleitet von den Kameras des syrischen Staatsfernsehens mischten sie sich unter dort versammelte Freiwillige und halfen, Hilfspakete von den unter "Terroristenattacken" leidenden Einwohnern von Homs zu packen.

Seit sich nicht mehr leugnen lässt, dass das Land in einem blutigen Machtkampf steckt, ist das die Sprachregelung der Regierung: Von ausländischen Mächten unterstützte Terroristen kämpften gegen die Regierung und das loyale Volk. Das klingt erst einmal absurd. Doch unabhängige Informanten in Damaskus warnen immer wieder davor, den Anteil derer, die Assad die Treue halten, zu unterschätzen. Vielen Syrern gelte der Präsident als einziges Bollwerk gegen das Chaos, das im Falle eines Sieges der Revolution drohen könnte.

Die Fernsehbilder des präsidialen Besuchs verdeutlichen einmal mehr, dass es im Land ebenso glühende Anhänger wie erklärte Gegner des Regimes gibt. Dutzende Syrer sind da zu sehen, die Assad umarmen und küssen. Anderswo schießen dessen Truppen gleichzeitig allem Anschein nach selbst im Beisein von ausländischen Zeugen auf ihre Landsleute. Die Kluft zwischen den Wirklichkeiten, die in Syrien nebeneinander existieren, reißt jeden Tag weiter auf.

Der Auftritt der Assads, die auf den Fernsehbildern lachen und scherzen, soll wohl auch Kritik am Luxusleben der Familie entkräften. Diese war laut geworden, nachdem Mitte März eine Reihe von E-Mails der Assads veröffentlicht worden waren. Darin war nachzuvollziehen, dass Asma Assad bei internationalen Designerketten für zigtausende Euro Möbel und Kleidung orderte, während ihr Land schon tief in der Krise steckte.

Regime und Rebellen halten sich nicht an die Waffenruhe

Am Mittwoch hatten die Ehefrauen der Uno-Botschafter aus Deutschland und Großbritannien auf das Image der Präsidentschaftsgattin als Luxusweibchen angespielt, als sie in einem im Internet veröffentlichen Film Bilder der elegant zurechtgemachten First Lady mit Aufnahmen der Opfer der syrischen Sicherheitskräfte gegenschnitten.

Doch das Töten geht weiter: Am Donnerstag meldeten Aktivisten, dass von der Opposition gehaltene Stadtviertel der Stadt Homs seit dem frühen Morgen unter Beschuss lägen. Sie riefen die Uno-Beobachter dringend auf, ihre bedrängte Stadt zu besuchen. Das jedoch scheint derzeit unmöglich. Die Uno teilte mit, dass die syrische Führung einen Antrag der Beobachter abgelehnt hatte, Homs zu besuchen. Zur Begründung seien Sicherheitsrisiken angeführt worden.

Über die Befugnisse der internationalen Beobachter herrschte am Donnerstag noch Unklarheit. Die Regierung in Damaskus hatte das entsprechende "Protokoll für die Zusammenarbeit Syriens mit den Vereinten Nationen und der Arabischen Liga" bis zum Nachmittag noch nicht unterzeichnet.

Auch die Freie Syrische Armee hält sich nicht mehr an die Waffenruhe. Am Mittwoch griff eine 80 Mann starke Einheit der Faruk-Brigade in Homs Checkpoints der Sicherheitskräfte und Posten der Armee an. Das bestätigte der Kommandeur der Einheit SPIEGEL ONLINE.

China erwägt, sich an der Beobachtermission zu beteiligen

Während in Syrien gekämpft wird, wurde in Paris darum gerungen, wie Assad doch noch dazu gebracht werden könnte, sich den Bedingungen des gemeinsamen Friedensplans der Uno und der Arabischen Liga zu unterwerfen. An dem Treffen der Syrien-Freundesgruppe nahm neben Bundesaußenminister Guido Westerwelle auch US-Außenministerin Hillary Clinton teil.

Unmittelbar vor Beginn der Konferenz hatte der französische Präsident Nicolas Sarkozy den Ton gegenüber Staatschef Assad noch einmal verschärft. "Baschar lügt auf schamlose Art und Weise, er will Homs ausradieren", sagte Sarkozy dem Radiosender Europe 1. Westerwelle hatte sich zuvor "enttäuscht und beunruhigt" über die anhaltende Gewalt in Syrien geäußert.

Russland hat der Freundesgruppe vorgeworfen, nicht an einer Lösung des Konflikts interessiert zu sein. "Das Treffen hat offenbar nicht zum Ziel, eine Basis für die Etablierung eines internationalen Dialogs zu finden, sondern eher das Gegenteil ist der Fall - den Konflikt zwischen der Opposition und der Regierung in Damaskus zu verschärfen, indem letztere international weiter isoliert wird", teilte das Außenministerium in Moskau mit.

China will sich an der möglichen Uno-Beobachtermission in Syrien beteiligen. "China denkt ernsthaft über diese Möglichkeit nach", sagte ein Außenministeriumssprecher. China und Russland sind die Fürsprecher des syrischen Regimes im Uno-Sicherheitsrat und haben scharfe Maßnahmen gegen Damaskus bislang blockiert.

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Seite 1
Onkel_Karl 19.04.2012
1. ..da
Zitat von sysopAFPSyriens Machthaber Assad spielt heile Welt: Das Staatsfernsehen zeigt, wie der Despot mit Gattin Asma in Jeans und T-Shirt lachend Care-Pakete packt - doch nur wenige Kilometer entfernt fallen erneut Schüsse. Scharfschützen haben offenbar auf eine Menge gefeuert, die Uno-Beobachtern zujubelte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828553,00.html
Wenn man mit gesunden Menschenverstand denkt...,was hat Assad dafon,wenn er in die Menge mit Scharfschützen schiessen lässt... Die Situation ist schon so angespannt genug und die ganze Welt weiss,dass es Menschen in Syrien gibt, die Assad am liebsten unter der Erde sehen wollen. Ausgerechnet,als die Beobachter kommen lässt er auf Demonstranten schiessen,weil auf dem Plakaten stand "Assad tötet uns"? Das wissen wir alle und Assad weiss,dass wir es wissen,also wozu diese Schüsse..das wird kein normaler und kein verrückter tun,sondern versuchen die Beobachter zu blenden und heile Welt vorspielen,denn Assad weiss genau das es vielleicht letzte Chance ist der Welt zu beweisen,dass er alles unter Kontrolle hat. Er hat nichts dafon,wenn er vor der Augen der Beobachter ein paar Zivilisten tötet aber jemand hat grosses Interesse viele tote Zivilisten zu presentieren...ich befürchte das auch Anschläge auf die UN Mitarbeiter geben wird.
stereopath 19.04.2012
2.
Assad hat sich weit davon (und nicht dafon) entfernt, mit gesundem Menschenverstand zu denken.
alnemsi 19.04.2012
3.
Assad's Machtapparat hat sehr wohl etwas davon, oppositionelle Menschenmengen durch "live ammunition" aufzulösen: Dadurch werden die Protestierenden nämlich eingeschüchtert, und werden es sich ganz genau überlegen, ob sie sich nochmals auf die Straße trauen. So zumindest das Kalkül. Syrien wird in absehbarer Zeit nicht angegriffen werden, und die einzig relevante Bühne für die Assad's ist die großstädtische Mittelschicht sowie die Alaawiiten und Christen Syriens. Der Rest verdient etweder mit oder wird brutal unterdrückt. Und sobald am Sonntag in Frankreich der Wahlkampf durch ist, und die PKK ihre Frühjahrsoffensive begonnen hat, haben die beiden nennenswertesten Feinde Assad's auf internationaler Bühne sowieso andere Sorgen.
Onkel_Karl 19.04.2012
4. so..
Zitat von stereopathAssad hat sich weit davon (und nicht dafon) entfernt, mit gesundem Menschenverstand zu denken.
Das kann weder ich, noch Sie von hier aus beurteilen. Als er da Hilfspakete mit seiner Frau verteilt hat, schien er mir ganz normal zu sein bzw.nicht verwirrt oder sichtbar verrückt. Es ist nur schon sehr seltsam,dass pünktlich zu UN Beobachtern auch die Gewalt zunimmt und Demonstranten erschossen werden,genau so wie im Fall der AL-Beobachter. Am Wochenende gab es ein Video in den Nachrichten,mehrere vermummte Kämpfer schiessen die Strasse entlang auf den Chekpoint der Armee und als die Kamera schwenkt sieht man das auf der anderen Strassenseite Frauen und Kinder stehen..da frage ich mich was sie dort machen und warum die Rebellen Zivilisten in ein Kampfgebiet nehmen und aus dem Hinterhalt die Armee beschiessen,wohlwissend das die Armee zurück schiessen wird und dabei womöglich Zivilisten sterben.(gibts bei der ard zu betrachten). Es scheint dort eine Methode zu sein... P.S. Hier in Deutschland wird momentan über Salafisten in Deutschland kritisch gesprochen aber Syrier sollen die Rebellen,die Salafisten und Wahhabiten sind, akzeptieren...das passt doch nicht zusammen. Kein einziger Bericht aus Syrien wird hinterfragt,wenn es von der Opposition kommt und jeder Vorschlag zum Dialog von der Regierung wird sofort zerrissen..ich dachte wir sind gegen Terror und Krieg,sondern für Frieden und Dialog und ausgewogene Berichterstattung gehört zu einer Demokratie dazu. Momentan gehen diese Werte unserer Gesellschaft verloren..leider. In Bahrain werden Demos auseinander geschossen und trotzdem findet das Rennen statt und keinen juckt es,weder Al Qazeera noch hier bei uns jemanden.
Onkel_Karl 19.04.2012
5. ds.
Zitat von alnemsiAssad's Machtapparat hat sehr wohl etwas davon, oppositionelle Menschenmengen durch "live ammunition" aufzulösen: Dadurch werden die Protestierenden nämlich eingeschüchtert, und werden es sich ganz genau überlegen, ob sie sich nochmals auf die Straße trauen. So zumindest das Kalkül. Syrien wird in absehbarer Zeit nicht angegriffen werden, und die einzig relevante Bühne für die Assad's ist die großstädtische Mittelschicht sowie die Alaawiiten und Christen Syriens. Der Rest verdient etweder mit oder wird brutal unterdrückt. Und sobald am Sonntag in Frankreich der Wahlkampf durch ist, und die PKK ihre Frühjahrsoffensive begonnen hat, haben die beiden nennenswertesten Feinde Assad's auf internationaler Bühne sowieso andere Sorgen.
Und was wird mit dieser relevanten Mittelschicht aus Alawiten und Christen passieren,wenn die netten vermummten Unterdrückten in Damaskus einmarschieren? Werden sie so wie in Libyen enden,nämlich in Käfigen in der Wüste und gezwungen die alte Flagge zu essen oder wie Irak(heute wieder mehrere bomben).. Ich wäre vorsichtiger mit solchen Worten wie "angegriffen" und "absehbarer zeit",ich finde es zynisch so von hier aus zu urteilen über ein Land das keiner von uns kennt und dessen Stammes-Kultur versteht. Es wird auf beiden Seiten gemordet und ohne Dialog wird es so weiter gehen. Die Waffen die an die Rebellen geliefert werden,spielen auch eine grosse Rolle...
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