Bürgerkriegsstadt Aleppo Ein ganz normaler Tag zum Sterben

Am Himmel kreisen Assads Kampfjets, in einer Schule richten Rebellen Anhänger des Diktators hin. Wenige Straßen weiter kaufen die Menschen auf dem Markt Gemüse oder dösen in der Sonne. Aleppo hat sich durch den Krieg in eine surreale Metropole verwandelt.

Aus Aleppo berichtet Kurt Pelda


Für Baraa findet der Krieg an zwei Orten statt: draußen auf den Straßen von Aleppo und drinnen in seinem Wohnzimmer am Laptop. Wenn nicht gerade Stromausfall ist, sitzt der Aktivist auf einer Matratze und spielt Krieg auf seinem Computer. Der 28-Jährige sieht aus wie Mitte 30. Er ist vom Krieg, von der Anspannung gezeichnet und raucht fast pausenlos. Ein Ventilator fächelt ihm Luft zu. Es ist brütend heiß in Aleppo, der syrischen Wirtschaftsmetropole.

Baraa ist ein unbewaffneter Aktivist der Freien Syrischen Armee (FSA). Dank seiner technischen Kenntnisse kümmert er sich vor allem um die Computer, Mobiltelefone und Satellitenverbindungen der Rebellen, damit diese den Kontakt untereinander und mit der Außenwelt aufrechterhalten können. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ließ die Regierung die Mobilfunk- und Internetverbindungen in Aleppo kappen. Baraa ist überzeugt, dass dies der Vorbote einer neuen Armeeoffensive ist. Aber der junge Mann ist als gewiefter Tüftler bekannt und stellt den Zugang zum Internet und damit zur Außenwelt wieder her.

Baraa bekommt Besuch von Ahmed, einem großgewachsenen Aktivisten in einem weißen Fußballtrikot von Real Madrid, der vor dem Krieg als Ingenieur arbeitete. Jetzt ist er erschöpft, denn er hat den Tag damit verbracht, Diesel zu besorgen. Den brauchen die Bäckereien, um Brot für die Bevölkerung zu backen. Die Tankstellen sind geschlossen, Treibstoff gibt es nur auf dem Schwarzmarkt. Dort kostet ein Liter Benzin inzwischen umgerechnet mehr als drei Euro.

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Syriens Bürgerkrieg: Umkämpfte Stadt Aleppo
Doch Ahmed fand eine bessere Lösung. Viele Schulen verfügen nämlich über einen Dieseltank, um im Winter die Klassenzimmer zu heizen. Die Schulen sind wegen der Kämpfe zwar geschlossen, doch viele dienen den Rebellen als Unterkunft. Ahmed musste also nur die zuständigen Offiziere um Erlaubnis bitten, die Dieselreserven anzuzapfen, und auf diese Weise kamen die Bäckereien zu ihrem Treibstoff. So hat jeder in dieser umkämpften Stadt eine Aufgabe: sein eigenes Überleben und dasjenige der anderen zu sichern.

Während Ahmed erzählt, ertönt draußen Düsenlärm. Wir eilen aufs Dach. Am stahlblauen Himmel dreht ein tschechisches Erdkampfflugzeug vom Typ L-39 seine Kreise über Aleppo. Offenbar hat der Pilot ein für ihn lohnenswertes Ziel im südöstlichen Stadtviertel Bab al-Neirab ausgemacht. Unter den Tragflächen sind Blitze auszumachen, der Pilot feuert Raketen ab. Mit etwas Verzögerung hören wir den Knall der Abschüsse und dann die dumpfen Einschläge. Der Ort des Geschehens bleibt hinter den Umrissen von Häusern verborgen. Doch dann steigen dicke schwarze Rauchwolken in den Himmel. Der Wind treibt sie über die Stadt.

Von den Minaretten der Stadt ertönt der Ruf der Muezzin zum Mittagsgebet. Einige der Türme sind schon ganz vom Rauch eingehüllt. Baraa bemüht sich nun darum, die Videoclips vom angreifenden Jet mit einem gesprochenen Kommentar zu versehen. Doch dann ist die Internetverbindung wieder weg, und der Aktivist muss warten, bis er die Bilder ins Netz stellen kann.

Unterdessen hat Ahmed ein Taxi organisiert, das uns nach Bab al-Neirab bringen soll. Wir fahren auf einer vierspurigen Autobahn und passieren dann und wann ausgebrannte Autobusse, die als Straßensperren dienten. Bei einem großen blauen Schild biegt der Fahrer ab. Von hier sind es bloß noch zwei Kilometer bis zum internationalen Flughafen. Daneben gibt es noch einen Militärflugplatz. Wir passieren ihn in Sichtweite der Scharfschützen, die auf dem Dach des Hauptgebäudes stationiert sind. Doch weil viele Autos unterwegs sind, fällt unser kleines gelbes Taxi nicht auf.

Aleppo: Karte der Stadt
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Stoisch ertragen die Menschen den Beschuss

Die Raketen haben eine kleine Fabrik für Armierungseisen und einen daneben liegendes Geschäft mit Autoreifen getroffen. Der schwarze Rauch stammt vom brennenden Gummi. Im Asphalt der Straße klaffen Löcher, der Ort der Einschläge. Ein älterer Mann zeigt uns Blutspuren, die zur Umfassungsmauer eines Hauses führen. Eine unbeteiligte Person sei bei dem Angriff getötet und eine weitere schwer verletzt worden.

Aleppo hat etwas Surreales. Neben den Kampfflugzeugen kreisen gelegentlich weißrussische Mi-8-Hubschrauber am Himmel. Durch das Fernglas lässt sich erkennen, dass die Tür auf der linken Seite offen ist. Durch die Öffnung feuert ein Schütze mit einem Maschinengewehr immer wieder lange Garben ab. Erfolgen die Angriffe in der Nacht, bleiben die Hubschrauber unsichtbar. Nur der Motorenlärm ist zu hören. Anhand des weithin erkennbaren Mündungsfeuers lässt sich aber die Position der Maschinen erraten. Die Piloten fliegen in einer Höhe von schätzungsweise 1500 Metern und bleiben damit für die leichten Waffen der Rebellen unerreichbar.

Stoisch ertragen die Menschen am Boden den Beschuss. Selbst die Zivilisten haben sich daran gewöhnt. Auch sie haben anhand der Motorengeräusche zu erkennen gelernt, ob ihnen die Hubschrauber gefährlich werden können oder ob sich gerade ein anderes Stadtviertel im Visier des MG-Schützen befindet. Wer draußen unterwegs ist, lauscht deshalb immer mit einem Ohr, was sich oben am Himmel tut.

Dennoch gibt es noch so etwas wie Normalität. In einem Stadtpark liegen Männer auf Sitzbänken. Im Schatten von Bäumen genießen sie die Kühlung, die ihnen eine leichte Brise bringt. Nach der größten Mittagshitze öffnen die Geschäfte im Marktviertel. Auf den Gehsteigen und auf Plätzen bieten Händler Melonen, Tomaten, Kartoffeln und Auberginen feil. Niemand stört es, wenn in der Ferne das Donnern einschlagender Raketen und Artilleriegranaten zu hören ist.

Auch in der Altstadt, beim jahrhundertealten Bab al-Hadid (eisernes Tor) herrscht geschäftiges Treiben. Wer die Treppen in eines der oberen Stockwerke hochsteigt, kann einen Blick auf die Zitadelle erhaschen. Sie liegt oben auf einem Felsen und wird nach wie vor von Präsident Assads Soldaten gehalten. Wegen der Scharfschützen ist es nicht ratsam, einen zu langen Blick zu riskieren.

Unten beim Verkehrskreisel vor dem Bab al-Hadid befindet sich eine Straßensperre der FSA. Autos passieren sie und fahren weiter zum etwa 500 Meter entfernten Kontrollposten der Armee. Die Front verläuft dazwischen. Gerade zerren Rebellen zwei Männer aus einem Minibus und bringen sie in ein Haus. Sie verdächtigen sie, der berüchtigten Schabiha-Miliz anzugehören, die Assad die Treue hält und für ihre Brutalität bekannt ist.

Auf dem Schulhof Hunderte von Schüssen

Wer für Morde oder Vergewaltigungen an Zivilisten für schuldig befunden wird, den stellen die FSA-Kämpfer kurzerhand an die Wand. In Schulen halten sie Verdächtige fest. In einem Klassenzimmer stehen zehn Männer in Zivil, von denen einige im Gespräch erklären, sie seien nur einfache Polizisten. Doch das Interview wird vom örtlichen Kommandanten rüde unterbrochen. Der Mann ist genervt von unseren Fragen und schickt uns hinaus.

Wenige Stunden später dringt der Lärm von automatischen Waffen vom Schulhof herüber. Es sind Hunderte von Schüssen. Zuerst sagt Baraa, dass es sich um Freudenschüsse handle, weil die Rebellen eine große Zahl von Schabiha-Milizionären gefangen genommen hätten. Doch später erhält Baraa mehrere Videoclips, die zeigen, was wirklich geschehen ist.

Die Rebellen hätten ein Stillhalteabkommen mit der Schabiha-Miliz des lokalen Berri-Clans abgeschlossen, erklärt Babaa, um uns auf die brutalen Videobilder vorzubereiten. Doch dann seien 15 Rebellen vor der Villa der Berris in einen Hinterhalt geraten und erschossen worden. Daraufhin griff die FSA das weitläufige Gebäude an. Nach geschlagener Schlacht nehmen die Rebellen die Führungsriege der Berri-Familie fest, unter ihnen auch Zaino Berri, ein stadtbekannter Assad-Anhänger, Berufskrimineller, Schmuggler, Drogen- und Waffenhändler. Ihn und die anderen Anführer der Schabiha bringen die Kämpfer in die Schule, wo wir später einige der weniger wichtigen Milizionäre zu interviewen versuchen.

Alles ist rot von Blut

Nachdem wir das Schulgebäude verlassen haben, werden Zaino Berri und ein paar weitere Prominente des Berri-Clans in den Schulhof geführt. Das ist auf dem Videos eindeutig zu erkennen. Zaino blutet am Gesicht, er trägt nur eine schwarze Unterhose. Die FSA-Kämpfer zwingen ihn und die anderen, sich vor der Schulmauer auf den Boden zu setzen. Die Mauer ist mit einem großen Micky-Maus-Bild verziert. Kurz danach eröffnen die Rebellen das Feuer. Berri wird von der Wucht der Geschosse auf den Boden geschleudert. Die bereits leblosen Körper pumpen die Rebellen mit Kugeln voll. Alles ist rot von Blut.

Später bringt uns Ahmed in die Villa der Berris. Die Mauern sind mit Einschusslöchern von Gewehrkugeln und Panzerabwehrraketen übersät. In einer großen Halle stehend sagt Ahmed: "Hier hat der Clan rauschende Feste gefeiert. Früher haben Berris Leute auf unsere Demonstranten geschossen. Sie haben viele Leute umgebracht oder verhaftet. Wo war die Welt damals? Wer hat sich damals entrüstet? Und warum regt sich die Welt jetzt auf, wenn wir ein paar Kriminelle erschießen? Dabei weiß doch jedes Kind in dieser Stadt, dass Zaino Berri und Konsorten viele Menschenleben auf dem Gewissen haben. Und zwar Leben von unbewaffneten Zivilisten, Männern, Frauen, Kindern. Ist es da nicht etwa gerecht, wenn wir diese Killer umbringen?"

insgesamt 162 Beiträge
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Seite 1
Hupert 02.08.2012
1. Das Bild...
Zitat von sysopAFPAm Himmel kreisen Assads Kampfjets, in einer Schule richten Rebellen Anhänger des Diktators hin. Wenige Straßen weiter kaufen die Menschen auf dem Markt Gemüse oder dösen in der Sonne. Aleppo hat sich durch den Krieg in eine surreale Metropole verwandelt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847607,00.html
...spricht Bände. Der nächste Failed State im Anmarsch.
benutzer10 02.08.2012
2. Wie nennt man ... ?
Zitat von sysopAFPAm Himmel kreisen Assads Kampfjets, in einer Schule richten Rebellen Anhänger des Diktators hin. Wenige Straßen weiter kaufen die Menschen auf dem Markt Gemüse oder dösen in der Sonne. Aleppo hat sich durch den Krieg in eine surreale Metropole verwandelt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847607,00.html
Sie "richten" nicht "hin", mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun, auch wenn der Artikel sich Mühe gibt, diesen Gräueltaten einen Anstrich von Legitimität zu verleihen. Die Terroristen ermorden, foltern andere Menschen, die ihnen aus welchen Gründen auch immer nicht passen. Ich bin dieser etlichen Artikel von "Ahmeds" und "Baraas" müde, die nur dazu dienen sollen, Nähe und Sympathie zur politisch erwünschten Partei zu erzeugen, ungeachtet deren tatsächlicher Handlungen und Legitimation. Die "Guten" haben immer Vornamen, gute Ausbildungen, edle Motive, auch beim Töten. Die "Schlechten" sind immer namenlos, "Schergen", und morden aus reiner Freude. Wie nennt man so einen systematischen Versuch, Sichtweisen zu formen?
fuchs008 02.08.2012
3. Märchen aus 1001 Nacht
Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst. Solche Artikel von "embedded journalists" kommen über einseitige Meinungsmache nicht weit hinaus. Es bezweifelt doch niemand, dass es Unzufriedene Syrer gibt. Fakt ist aber, dass das Morden weitergeht, weil die Rebellen den Dialog verweigern.
Raphael 02.08.2012
4.
Im Sinne einer differenzierten Berichterstattung lege ich jedem Leser folgende Seite ans Werk: http://spirit.blog.de/2012/08/01/spiegel-online-zensur-meinungsmache-pur-14332668/
robert krug 02.08.2012
5.
Zitat von Hupert...spricht Bände. Der nächste Failed State im Anmarsch.
So wird es kommen. Und egal, ob nun dort Aleviten, Schiiten oder Sunniten das Sagen haben werden, werden sie ganz fest glauben, dass nur sie es sind, die Allahs Wille gerecht wurden!
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