Bürgerkriegsstadt Aleppo "Schnell raus, die werfen Bomben ab!"

In der Schlacht um Aleppo treffen zwei ungleiche Gegner aufeinander: Die Rebellen feuern mit Gewehren - und werden von Kampfjets der Assad-Armee beschossen. Deren Bomben treffen Wohnhäuser, zerfetzen Zivilisten.

AFP

Ein Augenzeugenbericht aus Aleppo von Kurt Pelda


Ibrahim Tlass keucht. Gemeinsam mit einem Nachbarn schleppt er einen nagelneuen Generator auf das ummauerte Flachdach seines Hauses. Seit die Kämpfe und Luftangriffe in Aleppo heftiger werden, fällt immer öfter der Strom aus. Auf die Gasse vor das zweistöckige Haus will Tlass den Generator nicht stellen. Oben auf dem Dach scheint daher der ideale Platz zu sein. Tlass ist nicht reich, er lebt im Viertel Hananu im Osten von Aleppo. Das Erdgeschoss und die erste Etage bieten Platz für je eine Familie. Jede Wohnung hat drei kleine Zimmer, eine Küche, Dusche und ein winziges Plumpsklo. Als kleiner Luxus kommen ein Kühlschrank und eine Waschmaschine hinzu.

Häuser wie dieses gibt es zu Hunderten in Hananu. Frauen und Kinder hat Tlass längst auf dem Land in Sicherheit bringen lassen. Sein leeres Heim stellt der junge Mann mit dem kahl geschorenen Schädel nun zivilen Aktivisten und bewaffneten Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) zur Verfügung. Tlass, der am liebsten weiße Träger-T-Shirts und eine hellblaue Adidas-Trainerhose dazu trägt, zeigt von seinem Dach hinüber zur lokalen Schule, einem weitläufigen Gebäude, das in Luftlinie etwa 300 Meter entfernt liegt. Der junge Mann hat auf seinem Mobiltelefon Videoclips gespeichert.

Sie zeigen die Erschießung von fünf Anführern Assad-treuer Milizen in der vergangenen Woche. Die Exekution fand in der Schule statt. Auch jetzt halten die Rebellen dort mutmaßliche Mitglieder der berüchtigten Schabiha-Miliz fest, zum Teil in engen und brütend heißen Verliesen ohne Tageslicht. Schläge gehören zur Tagesordnung. Auf der Schule, die nicht nur zum Gefängnis, sondern auch zum Hauptquartier der Tauhid-Brigade der FSA umfunktioniert wurde, weht eine schwarze Fahne mit weißer Aufschrift. Der Text besteht aus einer Koransure. Es ist nicht das muslimische Glaubensbekenntnis, das die schwarze Flagge von al-Qaida ziert. Aber die beiden Fahnen sehen für westliche Journalisten, die nicht Arabisch lesen können, zum Verwechseln ähnlich aus. So müssen sich die Männer der Tauhid-Brigade nicht wundern, wenn Gerüchte über die Anwesenheit von Qaida-Kämpfern in Aleppo in die Welt gesetzt werden.

Karte der Stadt Aleppo
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Karte der Stadt Aleppo

Dabei sind die Kämpfer in der Schule keine muslimischen Eiferer. Viele von ihnen beten nur sporadisch, rauchen, hören Musik und halten sich nicht an das Fastengebot des Ramadan. All dies würden die Extremisten von al-Qaida und ihrer syrischen Ableger nicht tun. Vor der Schule steht ein fahruntüchtiger Kampfpanzer, den die FSA von den Regierungstruppen erbeutet hat. Auf dem Turm ist ein Maschinengewehr montiert. Damit nehmen die Rebellen die Kampfflugzeuge unter Feuer, die nun fast ständig über der Stadt kreisen. Die Piloten greifen mit ihren Bordwaffen, Raketen und Bomben alles an, was ihnen als Ziel lohnenswert erscheint, auch nachts.

Der Boden zittert, es folgt eine dumpfe Detonation

Vom Dach des jungen Tlass lässt sich das Schauspiel gut beobachten, auch wenn die Maschinengewehr-Schützen vor der Schule hinter den Nachbarhäusern verdeckt sind. Ein tschechischer Kampfjet vom Typ L-39 fliegt eine Kurve über Hananu, und da kommt von unten eine Garbe Leuchtspurgeschosse. Unbeschadet fliegt die Maschine durch den Kugelvorhang hindurch. Spätestens jetzt muss der Pilot gemerkt haben, dass sich in der Schule Rebellen versteckt halten.

Am Nachmittag des nächsten Tages spielt sich eine ähnliche Szene ab. Tlass spitzt die Ohren, ein Flugzeug ist im Anflug. Wir steigen aufs Dach. Diesmal kommt der Jet tiefer herunter und donnert über das Haus. Mit bloßen Augen lassen sich die schwärzlichen Bomben unter den Tragflächen erkennen. Dann zieht der Pilot die Maschine steil in den Himmel. Der Boden zittert und eine dumpfe Detonation ist zu hören. Kurz darauf steigt eine hellgraue Wolke aus Rauch und Staub in die Luft.

Tlass zieht sich Sandalen an und eilt die Treppe hinunter auf die Gasse. Ein Mann mit einem Baby im Arm läuft uns schreiend entgegen, eine Frau mit Kopftuch hinterher. Mit dem Fuß tritt der Mann an Haustüren und ruft: "Schnell, die werfen Bomben ab, alles raus."

Erneut ist das gefährliche Sirren eines sich nähernden Triebwerks zu hören. Am anderen Ende der Straße wird die Sicht durch den Pulverdampf des Maschinengewehrs vernebelt, mit dem die Rebellen wie wild auf das Flugzeug schießen - vergeblich. Der Jet braust über uns hinweg, doch diesmal bleiben Explosionen aus. Tlass hastet zum Platz vor der Schule. Das Gebäude wirkt vollkommen intakt. Immerhin ist das ganze Gelände etwa hundert Meter breit und 150 Meter lang. Sollte es der Pilot tatsächlich verfehlt haben?

Anwohner rufen uns zu: "Hierher, hierher." Sie führen uns der Schulmauer entlang in eine Gasse. Nach wenigen Schritten stehen wir vor einem Schutthaufen. In der Häuserreihe klafft eine Lücke. Hier stand ein zweistöckiges Reihenhaus, so eines, wie es Tlass besitzt. Es riecht nach Sprengstoff. Auf der gegenüberliegenden Seite der engen Gasse hat die Bombe ein Loch in die Umfassungsmauer der Schule gerissen. Auf den ersten Blick sind in dem Trümmerhaufen keine Toten zu sehen. Wirre Szenen, tobende Anwohner, weinende Menschen. Anwohner sagen, dass in dem Haus zwei Familien gelebt hätten. Aber waren sie im Haus, als die Bombe explodierte?

Es ist nicht immer klar, welcher Teil zu welchem Menschen gehört

Nach einer Stunde kehren wir zurück. Ein Bulldozer der Rebellen ist nun dabei, die Trümmer vorsichtig wegzuschieben. Die Stimmung ist gekippt, die Anwohner wirken feindselig. Sie verbieten mir zu filmen. Einige von ihnen bewerfen die Rebellen mit Steinen, obwohl diese helfen, die Toten aus dem Schutthaufen herauszuziehen. Die Leichen sind zerfetzt, darunter auch Körperteile von Frauen und Kindern. Ein Junge verpackt die blutigen Fleischklumpen in einer Decke. Es ist nicht immer klar, welcher Teil zu welchem Menschen gehört.

Die Anwohner beschuldigen die Rebellen derweil, sie hätten mit ihrem Treiben in der Schule den Angriff provoziert. Das Gebäude dient auch als Gefängnis, und außerdem wurden die Kampfflugzeuge jeweils vom Schulgelände aus beschossen. Es könnte auch sein, dass die Luftwaffe von der Hinrichtung der Milizenchefs in der vergangenen Woche erfahren hat und die Bluttat zu vergelten suchte.

Die Nachbarn des zerstörten Hauses packen ihre Sachen und laden ihr Hab und Gut auf einen Pick-up. Die Leute wollen nur noch weg von hier. Einige Rebellen helfen ihnen dabei. Vielleicht plagt sie das schlechte Gewissen. Sie haben aus ihrer Präsenz kein Geheimnis gemacht. Unzählige Fahrzeuge, Autobusse und sogar ein Tanklastwagen mit Benzin standen tagelang vor der Schule - ein Ziel wie auf dem Serviertablett. Warum es der Pilot trotzdem verfehlte, bleibt sein Geheimnis.

Terror gegen die Zivilbevölkerung

Assads Luftwaffe wirkt nicht gerade professionell, aber als Terrorinstrument gegen die Zivilbevölkerung taugt sie allemal. Am nächsten Morgen, als Tlass noch schläft, kommen die Flugzeuge erneut. Diesmal trifft die erste Bombe den Schulhof. Als wir dort ankommen, liegen zwei Rebellen in ihrem Blut. Das Gebäude ist beschädigt, steht aber noch. Beim nächsten Angriff fallen zwei Bomben in eine Gasse, etwa hundert Meter von der Schule entfernt.

Wir werfen uns auf den Boden, geschützt unter einem Vordach eines Hauses. Dann dröhnen die Explosionen herüber.

Wenige Sekunden später regnet es Trümmer und Glassplitter. Zum Glück liegen wir unter dem Vordach. Zuletzt dringt eine dichte Staub- und Rauchwolke aus der Gasse. Die Sicht ist verdeckt. Als sich der Qualm lichtet, sieht man die Bombenkrater. Die Häuser daneben sind beschädigt, aber auf den ersten Blick ist nicht erkennbar, ob Menschen darin umkamen oder verwundet wurden.

Während ich diese Zeilen schreibe, wird das Bombardement draußen fortgesetzt. Und die Rebellen schießen weiter mit ihren Maschinengewehren auf die Kampfjets, ohne diese zu treffen.

insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
gbk666 07.08.2012
1.
Vielleicht sollten sich die Rebellen/Terroristen/Lybier/Taliban...oder wer auch alles darunter fällt eben nicht in Zivilgebäuden und Orten aufhalten/ unterschlupfen /menschliche Schilde suchen.
phobos81 07.08.2012
2. Beeindruckend ...
Wenn wahrheitsgemäß wiedergegeben beeindruckend geschildert. Nur von innen heraus lässt sich ein vollständiges Bild erschliessen.
kunsthonig 07.08.2012
3. SPON hat Recht!
Zitat von sysopAFPIn der Schlacht um Aleppo treffen zwei ungleiche Gegner aufeinander: Die Rebellen feuern mit Gewehren - und werden von Kampfjets der Assad-Armee beschossen. Deren Bomben treffen Wohnhäuser, zerfetzen Zivilisten. Ein Augenzeugenbericht aus der Kampfzone. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,848667,00.html
Im Irak-Krieg hatte die US-Army einen Flüchtlingstreck (10.000 Soldaten Saddam's auf dem Rückzug) solange bombardiert, bis nur noch 500 übrig waren. *Das ist professionell! . . . ?*
Vergil 07.08.2012
4.
Zitat von kunsthonigIm Irak-Krieg hatte die US-Army einen Flüchtlingstreck (10.000 Soldaten Saddam's auf dem Rückzug) solange bombardiert, bis nur noch 500 übrig waren. *Das ist professionell! . . . ?*
Belege für diese phantasievolle Geschichte?
craan 07.08.2012
5. optional
Kurt Pelda schreibt plakativ über die syrische Luftwaffe: "Deren Bomben treffen Wohnhäuser, zerfetzen Zivilisten." Dazu fällt mir nur ein, dass es ausgesprochen schade ist, dass die reguläre syrische Armee keine hyperintelligenten US-amerikanischen Bomben besitzt, denn diese "zerfetzen" laut Spiegel-Pressedeutsch keineswegs Zivilisten (oder habe ich das Wort überlesen bei den Waffengängen im Irak und in Afghanistan?). Allenfalls erzeugen sie einen klitzekleinen Kolletaralschaden - nicht so schlimm. Auch dass die Aufständischen Schulen als Basis und Rückzugsort nutzen, ist allerhöchstens ein Kavaliersdelikt - machen dagegen Hamas-Terroristen sowas, schreit der Westen auf - Stichwort feiges Verstecken hinter Kindern und Zivilisten. Kurt Pelda schreibt noch, die Anwohner hätten ihm das Filmen verboten - ich ergänze, das Schreiben leider nicht.
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