Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien "Hannover, liegt das am Meer?"

Verletzt, traumatisiert, vertrieben: Millionen Syrer sind auf der Flucht. Die Bundesregierung will 5000 aufnehmen, die ersten haben sich auf den Weg gemacht. Sie hängen an ihrer Heimat, sie wissen nicht viel über Deutschland - aber alles ist besser als die ständige Angst vor den Bomben.

Von , Beirut


Noura will nicht lächeln. Um keinen Preis nicht, so sehr ihr Vater sie auch überreden will: "Schau, all die Kameras!" Er hat ihr das schönste Kleid angezogen, das sie noch hat nach anderthalb Jahren Flucht, rot mit weißen Blütenstreifen. Auch die anderen Kindern tragen ihre besten Sachen, die Jungs einen schwarzen Anzug oder wenigstens ein sauberes T-Shirt, als ginge es zu einem Fest. "Aber wir wissen auch nicht, was das hier ist", sagt ein anderer Vater: "ein glücklicher Moment? Ein trauriger? Auf jeden Fall ein Abschied, vielleicht für immer."

Es herrscht eine seltsame Stimmung an diesem Dienstagmorgen um sieben: als sich 107 Syrer an einem Sammelpunkt in der libanesischen Hauptstadt Beirut versammeln, um mittags als erstes Kontingent offiziell von Deutschland aufgenommener Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland nach Hannover zu fliegen. 5000 hat die Bundesregierung schon vergangenes Jahr angekündigt, aufnehmen zu wollen. Nach bürokratischen Wirren, wer kommen soll, aus welchem Land, kommen nun 107 - von mehr als 700.000 registrierten und insgesamt knapp einer Million syrischer Flüchtlinge allein im Libanon. Eigentlich sollten es 149 sein, aber mehrere Verletzte können nur liegend transportiert werden. Dafür war die Chartermaschine nicht ausgelegt.

Er wisse nicht viel über Deutschland, sagt Chalid Ibrahim, ein Industrie-Elektriker, "aber egal, nur fort von hier!" Er kommt aus Kusair, jener verwüsteten Kleinstadt bei Homs, deren Rückeroberung im Mai das Regime als großen Sieg feierte. Er schaut erleichtert, aber Noura, seine fünfjährige Tochter, mag nicht lächeln. Nur ihr Vater und ihre kleine Schwester Nada sind noch übrig von der Familie. Eine Rakete zerriss ihre Mutter, tötete auch ihre Großeltern und einen Cousin. Ihren Unterarm zerschmetterte ein Schrapnell, er ist immer noch geschient. "Ich war gegen das Regime, wäre aber nie auf eine Demonstration gegangen. Ich hatte viel zu viel Angst", erinnert sich ihr Vater. Doch das änderte den Kurs der Rakete nicht, die im März 2012 ihr Haus traf.

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Flüchtlinge aus Syrien: Ein ganzes Leben in einem Koffer

Sein Leben sei ein einziges "hatte", resümiert Chalid: "Ich hatte ein Haus, ein Auto, einen Job, eine Familie. Jetzt habe ich nur noch meine beiden Töchter. Wo es ihnen gut geht, werde ich bleiben." In Beirut hausten die drei in einem Kellerloch, wo er dafür zuständig war, den Generator an- und auszuschalten, wenn alle paar Stunden der Strom ausfiel. "Von oben tropfte dauernd das Wasser der Klimaanlagen herunter, es war grauenvoll. Ich habe gelesen, dass man in Deutschland Elektriker braucht? Ist das so?"

Zwei Tage "interkulturelles Training"

20 Kilo Gepäck darf jede Person über zwei Jahre mitnehmen, manche haben nicht einmal so viel. Andere schieben hochgetürmte Gepäckwagen vor sich her, und auf einem wippt ganz oben ein Spielzeuggewehr, das ein kleiner Junge nicht zurücklassen will. Denn was spielt man im Krieg? Krieg.

Wie es in Deutschland sein wird, weiß keiner so recht. Fremd, kalt und friedlich, aber sonst? Ein Vorbereitungskurs wurde von drei auf zwei Tage verkürzt, weil der erste Flug unbedingt noch vor der Bundestagswahl stattfinden sollte. Doch schon die zwei Tage "interkulturelles Training" haben für rege Debatten in vielen Familien gesorgt. Vom Recht auf die Schwulenehe hatte noch keiner gehört. Schon, dass Frauen in Deutschland arbeiten und vor allem über ihr Schicksal selbst entscheiden, scheint den sechs halbwüchsigen Töchtern eines einarmigen alten Seemanns erheblich besser zu gefallen als ihrem Vater. "Wir sind sehr froh", sagt Abduljubar Murad mit bangem Gesichtsausdruck, "aber auch etwas besorgt." Nur eine Frage hätte er noch zum Zielort ihres Fluges: "Hannover, liegt das am Meer?"

Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, hat ausgewählt, wer mitkommen darf, Familien mit nur noch einem Elternteil oder vielen Kindern, Geflohene mit komplizierten Verletzungen. "Wir haben Menschen ausgewählt, nicht Konfessionen", sagt ein Uno-Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden möchte.

So sind Sunniten, ein paar Christen, Oppositionelle wie Anhänger des Regimes zusammengekommen, die eines eint: dass von ihrem alten Leben nicht mehr geblieben ist, als nun in ihre Koffer passt. "Hier ist das irgendwie egal, wofür oder wogegen man war", resümiert ein assyrischer Christ aus Aleppo, der alle Wirrnis am eigenen Leib erfahren hat: "Wir waren für die Regierung, aber geflohen bin ich vor deren Bomben."

Nur eine Bitte habe er, fällt ihm vorm Einsteigen noch ein: "Schreiben Sie nicht meinen Namen! Ich habe noch Verwandte im Teil Aleppos, den die Armee kontrolliert, bitte!" Selbst die Angst reist noch mit ins neue, ungewisse Leben.

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spon-facebook-1399347836 11.09.2013
1.
"Die Bundesregierung will 5000 aufnehmen, die ersten haben sich auf den Weg gemacht. " . Diese Begrenzung auf 5000 Flüchtlinge ist angesichts der Lage in Syrien ein kleiner Skandal! Hier kann ich Herrn Dr. Steinbrück nur beipflichten, dass allen Syrerinnen und Syrern, die bereits in der BRD leben, erlaubt werden sollte, ihre Familienangehörigen nach Deutschland nachzuholen. Ob es sich dabei um 50.000 Personen handelt, wie Herr Dr. Steinbrück gesagt hat, kann ich nicht beurteilen, aber ich gehe davon aus, dass selbst solch ein Kontingent problemlos hier aufgenommen werden könnte. Zur Not müssten Hotelräume angemietet werden. Und allen, die jetzt wieder mit rechter Stammtischrhetorik von zu hohen Kosten fabulieren, die so ein Zuzug mit sich bringt, sei gesagt: Wir profitieren von diesen Menschen mehr als es uns etwas kostet! Man denke nur an den Fachrkräftemangel hierzulande, der so ausgeglichen werden kann!! Das wäre eine immense Bereicherung für Deutschland, natürlich auch in kultureller Hinsicht.
digitalesradiergummi 11.09.2013
2. Schon gewusst?
Zitat von sysopChristoph ReuterVerletzt, traumatisiert, vertrieben: Millionen Syrer sind auf der Flucht. Die Bundesregierung will 5000 aufnehmen, die ersten haben sich auf den Weg gemacht. Sie hängen an ihrer Heimat, sie wissen nicht viel über Deutschland - aber alles ist besser als die ständige Angst vor den Bomben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/buergerkrieg-in-syrien-erste-fluechtlinge-landen-in-deutschland-a-921737.html
Dem Steve Jobs sein Vater war Syrer, er kam als Student in die USA.
Kay 11.09.2013
3. Endlich!
Ich finde es sehr gut, dass Deutschland endlich syrische Flüchtlinge aufnimmt, auch wenn es bisher nur wenige sind. Gibt es irgendeine Möglichkeit sich direkt in Hannover zu engagieren? An welche Organisation kann ich mich da wenden?
nordschaf 11.09.2013
4.
Mal ehrlich: ich hätte vermutlich spätestens 1942 meine Kinder zusammengepackt und hätte versucht, sie in Sicherheit zu bringen. Keinesfalls hätte ich gewartet, auf was für glorreiche Ideen der GröFaZ damals noch so gekommen wäre. Und dann? Dann wäre ich verdammt froh gewesen, wenn man uns irgendwo in Sicherheit aufgenommen hätte. Mehr muss man wohl zur Ankunft der Syrischen Flüchtlinge nicht sagen.
konservativ24 11.09.2013
5. Aleppo und Homs...
...sind sicherlich noch schlimmer als Hannover. Sage ich als Immigrant hier. Welcome Refugees!
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