Krieg in Syrien Rebellen erobern Übergänge an Grenzen zu Türkei und Irak

Die Armee von Syriens Staatschef Assad gerät immer mehr in Bedrängnis: Rebellen sollen mehrere Kontrollposten an den Grenzen zur Türkei und zum Irak eingenommen haben. Von einigen Übergängen sollen sich die Truppen des Machthabers zuvor zurückgezogen haben, in Richtung Damaskus, wie es heißt.

Einnahme von Kontrollposten: Das Bild soll den Grenzübergang Bab al-Hawa zeigen
AFP/ Syrian Observatory for Human Rights

Einnahme von Kontrollposten: Das Bild soll den Grenzübergang Bab al-Hawa zeigen


Damaskus/Istanbuld/Beirut - In Syrien haben Rebellen offenbar mehrere Grenzposten eingenommen. An Übergängen zur Türkei und zum Irak soll es zu Gefechten mit Truppen des Assad-Regimes gekommen sein.

Der irakische Brigadegeneral Qassim al-Dulaimi bestätigte Auseinandersetzungen zwischen Rebellen und syrischen Sicherheitskräften an einem Außenposten in den Bergen. Bei den Kämpfen seien mehr als 20 syrische Soldaten getötet worden. Zudem hätten Rebellen einen weiteren Posten nahe der irakischen Stadt Qaim eingenommen: Etwa ein Dutzend Kämpfer hätten die Zöllner aufgefordert, ihre Posten zu verlassen. Nach Angaben lokaler irakischer Behörden sind jedoch noch mehrere Grenzübergänge in der Hand des syrischen Regimes.

Auch an Übergängen zur Türkei gab es Kämpfe, nachdem die syrische Armee dort offenbar Truppen abgezogen hatte. An der Grenze zur Türkei hätten die Rebellen den Posten Bab al-Hawa eingenommen, teilte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Auf Bildern des Nachrichtensender Al-Arabija sind Kämpfer zu sehen, die am Grenzübergang Fotos von Präsident Baschar al-Assad und seinem Vater Hafis von den Wänden rissen. Der Posten war nach Angaben der türkischen Armee seit Tagen umkämpft.

Einen weiteren Übergang zur Türkei nahmen die Rebellen nach Angaben syrischer Oppositions-Aktivisten ein, nachdem sich die Truppen Assads aus der Grenzstadt Jarablus zurückgezogen hatten. Die reguläre syrische Armee konzentriere sich offenbar auf den Kampf um Damaskus, sagte Iraks Vize-Innenminister Assadi.

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Heftige Kämpfe in Damaskus

Seit dem Wochenende gibt es in der syrischen Hauptstadt heftige Kämpfe zwischen Aufständischen und Regierungstruppen. Am Mittwoch waren bei einem Anschlag auf den engsten Führungszirkel um Präsident Assad unter anderem Verteidigungsminister Daud Radschha und dessen Stellvertreter Assef Schaukat, ein Schwager des Staatschefs, getötet worden. Das syrische Staatsfernsehen zeigte am Donnerstag erstmals seit dem Anschlag Bilder Assads.

Seit Mittwoch flüchteten etwa 20.000 Syrier in den benachbarten Libanon, wie dortige Vertreter der Sicherheitskräfte mitteilten. Syrer brauchen für die Ausreise in den Libanon kein Visum. Die Beobachtungsstelle sprach von einer beginnenden Massenflucht aus mehreren Stadtteilen der Hauptstadt. Nach Angaben der Organisation attackierte die syrische Armee erstmals mit Panzern den Stadtteil Kabun.

Allerdings wurde auch aus anderen Teilen Syriens von Kämpfen berichtet: In der Stadt Deir al-Zor sollen Soldaten der syrischen Armee eine Moschee beschossen haben, in der sich die Gläubigen zum letzten Gebet vor Beginn des Ramadan getroffen hatten. Mindestens sieben Zivilisten wurden nach Angaben von Oppositions-Aktivisten getötet, etwa 20 seien mit schweren Verletzungen aus dem Gebäude geborgen worden.

Ungeachtet der Eskalation der Gewalt blockierten Russland und China im UN-Sicherheitsrat erneut eine Resolution, mit der der Druck auf Assad erhöht werden sollte. Es ist das dritte Mal seit Beginn des Syrien-Konflikts vor 16 Monaten, dass Moskau und Peking ein entschiedenes Vorgehen des Sicherheitsrates gegen Damaskus verhindern.

Das "Scheitern" des Sicherheitsrats bedeute, dass die UN-Beobachter-Mission "nicht weitergehen" könne, sagte der Sprecher von US-Präsident Barack Obama, Jay Carney, in Washington. Das bisherige Mandat für die 300 Beobachter läuft am Freitag aus.

usp/AFP/Reuters/dpa

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Rodelkoenig 19.07.2012
1.
Tja. Jetzt kommt das Regime anscheinend so allmählich ins Rutschen. Wenn die syrische Armee sich schon langsam von Grenzbereichen zurückzieht und Territorium aufgibt, zeigt das, dass sie allmählich die Kontrolle über das Land verliert. Es ist davon auszugehen, dass die Zahl der Desertierten zunehmend ansteigt. Es scheint nur noch eine Frage von Wochen oder Monaten, bis Assad das gleiche Schicksal teilt wie die meisten anderen Diktatoren der Region vor ihm.
damascus123 19.07.2012
2. Hoechste Zeit
Es war höchste Zeit, dass Spiegel online über den Fall der Grenzübergänge berichtet. Die arabischen Nachrichtensender berichten mit Bildern seit dem späten Nachmittag darüber, sowohl von Bab el Hawa bei Aleppo als auch von Bu Kamal an der irakischen Grenze. Dass das am größten und von Damascus aus nächsten Grenzübergang Richtung Beqaa und Beirut passiert halte ich allerdings für unwahrscheinlich im Moment. Im syrischen Staatsfernsehen sieht das freilich völlig anders aus und es wird weiter versucht, ein Bild der Normalität zu vermitteln. Aber die Jubelveranstaltungen, die bis vor wenigen Monaten noch quer durch die Stadt vom Regime organisiert wurden sind vorüber. So oder so - es wird sehr eng für das Regime in Syrien.
KerKaraje 19.07.2012
3. Suspekte Berichte
Zitat von sysopAFPDie Armee von Syriens Staatschef Assad gerät immer mehr in Bedrängnis: Rebellen sollen mehrere Kontrollposten an den Grenzen zur Türkei und zum Irak eingenommen haben. Von einigen Übergängen sollen sich die Truppen des Machthabers zuvor zurückgezogen haben, in Richtung Damaskus, wie es heißt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845419,00.html
Erscheint es niemandem als suspekt, dass inzwischen keine einzige offizielle syrische Quelle zitiert wird? Dass syrische Quellen nicht unparteiisch sind ist klar, aber wie kann man ernsthaft davon ausgehen, dass Quellen wie die sogenannte Beobachtungsstelle aus London glaubwürdig sind? Seit 4-5 Tagen wird allein in Damaskus heftig gekämpft. Das Regime beschiesst ganze Viertel mit Panzern und Hubschraubern, lässt mit Flugabwehrgeschützen auf Rebellen schiessen, beordert Truppen von den Golanhöhen und von den Grenzen mit Türkei und Irak nach Damaskus zurück, hat Hunderte Verluste und viele zerstörte Panzer, ja sogar einen Hubschrauberabschuss erlitten....aaaber: Es sollen kaum Rebellen getötet worden sein??? Die einzigen "Erfolge" der Armee sollen der Beschuss einer Moschee und einer Beerdigung gewesen sein? An Verlogenheit, Verzerrung und Parteiischkeit kann diese Berichterstattung nicht mehr überboten werden. Was fürchten denn Arabsat und Nilsat, dass sie prosyrische Sender abgeschaltet haben, während salafistische und jihadistische Sender zum Mord an "Irans Ratten" aufrufen? Warum muss dann die staatliche SANA Agentur ständig gehackt werden, wenn sie denn angeblich nur lügt, während Al Jazeera die Wahrheit für sich gepachtet hat? Jahrzehnte lang hat Syrien den Ernstfall sowohl eines isralischen Angriffs als den einer erneuten islamistischen Erhebung trainieren können. Hunderttausende sollen in diversen geheimdienstlichen Staatsapparaten gearbeitet haben, und dennoch sollen die Rebellen stets einen Schritt voraus sein? Ein RPG-Granatwerfer hat eine Reichweite von wenigen Hundert Meter, und sie soll die "beste" Waffe der weiterhin als Underdogs vermarkteten Rebellen sein. Wie soll ihnen dann gelingen, mitten in der Hauptstadt des Regimes immer wieder so nah an wichtige Gebäude und Einrichtungen zu kommen, dass sie mit ihrer vermeintlich "bescheidenen" Bewaffnung diese treffen und zerstören können? Sind alle unter "Ceasefire violations" vermerkten Angaben dieser Quelle frei erfunden, derzufolge die Armee durchaus grosse Erfolge erzielt und die Rebellen heftige Verluste erleiden? Syrian Center for Documentation Newsletter ,sent at 2012-07-19 (http://documents.sy/newsletter.php?action=download&id=301&lang=en) Diese gleiche Quelle berichtet auch vielfach von Erfolgen der Rebellen und beinhaltet Videoclips zerstörter Panzer und dergleichen. Ihre Angaben des Verlaufs der Zusammenstösse unterscheiden sich aber extrem von den Angaben, die aus antisysrischen Quellen stammen. In jedem Fall werden die Rebellen nicht soviel Personalstärke haben, um Damaskus von aussen abzuriegeln und mit nur wenigen Hundert Mann, verteilt auf mehreren Vierteln der Hauptstadt die Streitkräfte in Schach zu halten und sogar zurück zu drängeln. Ich denke, es ist eine Desinformationskampagne sondergleichen im Gange.
Freddy 19.07.2012
4. Anfang vom Ende
Der Aufstand, der mittlerweile Damaskus erreicht hat, ist wohl der Anfang vom Ende. Es fragt sich nun wie lange es noch dauert bis Assad und seine letzten Getreuen massakriert werden. Man kann nur hoffen, dass danach der Zwist zwischen den Alawiten und Sunniten nicht in einen Bürgerkrieg ausartet. Ob die Nachfolger der Regierung Assads eine Demokratie errichten ist wünschenswert jedoch unwahrscheinlich es sei denn diese Leute trennen Religion und Staat was für ein islamisches Land jedoch unwahrscheinlich ist.
franko_pizza 19.07.2012
5. optional
Bab al-Hawa wieder in der hand der syrische armee
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