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10. April 2018, 07:03 Uhr

Syrien

Russland spricht von "inszeniertem" Giftgasangriff

Ermittler hätten in Syrien keine Beweise gefunden: Im Uno-Sicherheitsrat hat Russland den mutmaßlichen Giftgasangriff auf Duma als Erfindung bezeichnet - und sich mit den USA einen verbalen Schlagabtausch geliefert.

Der russische Uno-Botschafter hat den Giftgasangriff in Syrien als einen von Rebellen inszenierten Vorfall eingestuft. Berichte über den mutmaßlichen Angriff auf Duma, bei dem Aktivisten zufolge am Samstag mehr als 150 Menschen getötet und etwa 1000 verletzt wurden, seien "Fake News", sagte Botschafter Wassili Nebensja bei einer Sitzung des Uno-Sicherheitsrats.

Russische Ermittler hätten demnach keine Belege für einen solchen Angriff gefunden, auch Bewohner hätten keinen chemischen Angriff bestätigt, sagte Nebensja. Er rief Vertreter der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) auf, in die von Rebellen kontrollierte Stadt Duma in Ost-Ghuta zu reisen. "Wir begrüßen diesen Besuch so bald wie möglich", sagte Syriens Uno-Botschafter Baschar al-Dschafari.

Die USA machen Präsident Baschar al-Assad für den mutmaßlichen Angriff verantwortlich und schließen militärische Schritte gegen die syrische Regierung nicht aus (mehr dazu lesen Sie hier). US-Präsident Donald Trump kam am Abend mit seinen Militärberatern zusammen, wollte sich aber nicht zu den möglichen Plänen äußern. "Wir werden heute Abend entscheiden, oder sehr bald danach. Sie werden unsere Entscheidung erfahren", sagte Trump vor laufenden Kameras. "Wir können solche Gräueltaten nicht zulassen."

Im Zuge dessen sprach Trump auch mit Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron: Wie der Élysée-Palast mitteilte, bekräftigten beide Präsidenten in dem Telefonat, dass sie eine "starke Reaktion der internationalen Gemeinschaft auf diese neuen Verstöße gegen das Chemiewaffenverbot" befürworteten.

Sicherheitsratssitzung endet im Streit

Die fast dreistündige Sitzung des Weltsicherheitsrats endete zunächst ergebnislos. In Umlauf war aber ein Resolutionsentwurf der USA, mit dem eine Untersuchungskommission namens UNIMI geschaffen werden soll. Diese unabhängige Gruppe würde zunächst ein Jahr lang den Einsatz von Chlorgas und anderen toxischen Chemikalien in Syrien untersuchen. Unklar war am Montag, ob und wann es zu einer Abstimmung über die Resolution kommen könnte. Der Vorfall vom Samstag in Duma wird darin als Chemiewaffenangriff eingestuft und verurteilt.

Der russische Uno-Botschafter Nebensja erklärte nach Angaben russischer Medien, der Entwurf enthalte mehrere "inakzeptable Elemente".

Uno-Botschafterin Haley warf Moskau vor, "Blut syrischer Kinder an den Händen" zu haben. Ihr russischer Kollege Nebensja sagte: "Sie irren, wenn Sie glauben, dass Sie Freunde haben. Ihre angeblichen Freunde sind nur diejenigen, die nicht Nein zu Ihnen sagen können." Er drohte, künftige Ratssitzungen zu unterbrechen, wenn Haley Russland noch einmal als "Regime" bezeichne. Diese Formulierung hatte Haley mehrfach verwendet.

Das US-Militär hatte vor einem Jahr die syrische Luftwaffenbasis Schairat beschossen, als Reaktion auf den Giftgasangriff mit Dutzenden Toten auf die Stadt Chan Scheichun, für den Uno-Experten die Regierung von Assad verantwortlich machten. Das Eingreifen der USA galt aber weitgehend als symbolisch.

mho/dpa/AFP

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