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24. Dezember 2013, 10:32 Uhr

Winterkrieg in Syrien

Volk zwischen den Fronten

Von , Beirut

Gewalt, Hunger und ein harter Winter bedrohen neun Millionen Syrer, sie brauchen laut Uno dringend Hilfe, ein Ende des Elends ist nicht in Sicht. Im Bürgerkrieg bekämpfen sich inzwischen drei Parteien: Regime, Rebellen und die Truppen der Islamisten.

Sie hörten die Hubschrauber kommen und rannten vergeblich um ihr Leben: In der syrischen Metropole Aleppo kamen in den vergangenen neun Tagen Hunderte Menschen ums Leben, als Regimetruppen aus Helikoptern sogenannte Fässerbomben abwarfen - mit Sprengstoff, Brandbeschleuniger und Metallschrott gefüllte alte Ölfässer. Unter den Opfern seien auch viele Kinder gewesen, berichten syrische Aktivisten, von insgesamt mehr als 300 Toten seit dem 15. Dezember ist die Rede. Die USA verurteilten die anhaltenden Luftangriffe: Die Führung in Damaskus müsse ihren internationalen Menschenrechtsverpflichtungen nachkommen, teilte das US-Präsidialamt am Montag mit.

In Syrien tobt nach wie vor ein blutiger Bürgerkrieg. Dass das Regime seine Chemiewaffen ausgehändigt hat und diese wohl mit leichter Verzögerung in der zweiten Jahreshälfte 2014 vernichtet werden, hat nichts daran geändert. Doch der medienwirksam inszenierte Abtransport und die Zerstörung der Massenvernichtungswaffen lenken vom Alltag gewordenen Grauen in Syrien ab: ein willkommener Nebeneffekt für das Regime, noch ein kleiner Sieg für Diktator Baschar al-Assad.

Assad ist noch immer an der Macht - das ist die schlichte Bilanz nach 34 Monaten Krieg in Syrien. Die westlichen Staaten setzen neuerdings sogar wieder darauf, Assad an der Spitze Syriens zu belassen. "Unsere westlichen Freunde haben in London klargemacht, dass man Assad jetzt nicht gehen lassen kann. Sie glauben, dass Chaos und eine Machtübernahme der Islamisten die Folge wären", sagte ein hochrangiges Mitglied der Nationalen Syrischen Koalition nach einem Treffen der Freunde Syriens in London. Danach hätten Vermittler des Westens die Opposition wissen lassen, dass Assad auch nach dem Bürgerkrieg an der Macht bleiben könnte.

Der Westen straft die Moderaten ab

Noch im September waren die USA kurz davor, Syrien nach dem Einsatz von Giftgas gegen Zivilisten anzugreifen. Nun sieht es so aus, als werde der Westen es dulden, wenn dieser sich 2014 erneut als Präsident zur Wahl stellt. In die Opposition, die sich im Vorfeld der für Januar geplanten Friedenskonferenz in Genf wie gewohnt zerstritten und planlos präsentiert, will niemand seine Hoffnungen setzen.

Grund für den Sinneswandel des Westens ist die Sorge, nach einem Fall Assads könnten radikale Islamisten die Macht an sich reißen. In den vergangenen Monaten haben sich Extremisten, vor allem der Qaida-Ableger Islamischer Staat in der Levante (Isis), einen Vormachtstellung unter den Rebellengruppen erkämpft. Die Freie Syrische Armee steht de facto in einem Zwei-Fronten-Krieg gegen Assad und die Islamisten.

Der Westen straft die Moderaten im Kampf gegen Assad außerdem für das Erstarken der Radikalen ab: Nachdem Einheiten von Isis vergangene Woche mehrere Warenlager gemäßigter Rebellen erobern konnten, stellten die USA und Großbritannien ihre Lieferungen von Gerät, Schutzwesten, Essensrationen und Fahrzeugen für alle Moderaten ein.

Während die Rebellen sich gegenseitig bekriegen, kann das Regime militärisch punkten: In den strategisch wichtigen Kalamun-Bergen nordwestlich von Damaskus hat die reguläre Armee mit Unterstützung der libanesischen Hisbollah jüngst die Städte Nabuk und Kara eingenommen. Damit ist sie dem Ziel, die Autobahn M5 einzunehmen, einen großen Schritt näher gekommen. Wenn die Armee die M5 kontrolliert, kann das Regime die assadtreuen Gebiete an der Küste an Damaskus anbinden und gleichzeitig die Versorgungsader der in Vororten der Hauptstadt verschanzten Rebellen kappen.

Hunger, Kälte, Elend

Die humanitäre Lage in Syrien ist schlimmer denn je. Inzwischen können fast die Hälfte der 22 Millionen Syrer nicht mehr ohne fremde Hilfe überleben. Die Uno geht von neun Millionen Hilfsbedürftigen aus. Doch die wenigsten erhalten Unterstützung: Das Regime setzt Hunger als Waffe ein und behindert die Arbeit der großen Hilfsorganisationen. Zum Großteil der von Rebellen kontrollierten Gebiete haben Helfer keinen Zugang.

Drei Millionen Syrer sind inzwischen ins benachbarte Ausland geflüchtet, weitere sechs Millionen im Land auf der Flucht. Trotz des anbrechenden Winters ist kaum einer der Vertriebenen in einer wetterfesten Behausung untergebracht. Als ein erster Wintersturm vergangene Woche Schnee in die Region brachte, erfroren deshalb in Syrien und Libanon mehrere Flüchtlingskinder. In seiner Weihnachtsansprache forderte Bundespräsident Joachim Gauck, dass diesen Menschen mehr geholfen werden müsse.

Die Gesundheitsversorgung ist an vielen Orten zusammengebrochen. Mediziner schätzen, dass seit Beginn der Kämpfe 200.000 Menschen an den Folgen von eigentlich nicht tödlichen, aber derzeit nicht behandelbaren Krankheiten gestorben sind. Auch die Impfprogramme funktionieren nicht mehr. Im Herbst kam es deshalb erstmals seit 1999 zu einem Ausbruch von Polio.

Auch das syrische Bildungssystem, in der arabischen Welt lange bewundert und nachgeahmt, existiert nicht mehr. Weit über die Hälfte der 4,8 Millionen syrischen Kinder im schulpflichtigen Alter geht nicht mehr zur Schule. Experten sprechen bereits von einer "verlorenen Generation" und warnen eindringlich vor den Langzeitschäden, die das syrische Gesellschaftsgefüge ob des Unterrichtsausfalls nehmen wird.

Etwas Hoffnung gibt es nur in den syrischen Kurdengebieten. Am Sonntag startete die Uno eine erste internationalen Luftbrücke in die Region im Nordosten. Von Irak aus wollen die Vereinten Nationen in den kommenden Wochen insgesamt 700 Tonnen Zelte, Decken, Winterkleidung und Treibstoff in das auf dem Landweg derzeit nicht erreichbare Gebiet bringen.

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