Bürgerkrieg mit Tamilen Sri Lanka fürchtet die "schwarzen Tiger"

Es ist ein blutiger, rücksichtslos erkämpfter Sieg: Sri Lankas Armee hat die Rebellen im Norden bis auf ein winziges Areal zurückgedrängt, nach über 25 Jahren Bürgerkrieg. Doch noch immer sind Selbstmordkader der Tamilentiger bereit, den Kampf in die Hauptstadt Colombo zu tragen.

Von , Colombo


Colombo - Sri Lankas Hauptstadt Colombo gleicht in diesen Tagen einem Hochsicherheitstrakt. Mehr als 100 Checkpoints ziehen sich durch die gesamte Stadt. Soldaten und Polizisten kontrollieren akribisch alle Zufahrtswege. Vor den Ministerien und Regierungsgebäuden stehen Soldaten in schweren schusssicheren Westen hinter Sandsackverschlägen. Metallbarrieren und Stacheldraht sollen Eindringlinge abhalten.

Der Grund für die hohen Sicherheitsvorkehrungen liegt 250 Kilometer weiter nordöstlich: Dort hat die Armee die Rebellen der "Befreiungstiger von Tamil Eelam" (LTTE), eine der brutalsten und rücksichtslosesten Guerilla-Aarmeen der Welt, nach einer erfolgreichen Großoffensive umstellt. Die Tamil Tigers von Guerilla-Chef Velupillai Prabhakaran kontrollieren nur noch ein Gebiet von etwa 100 Quadratkilometern Größe.

"Wir waren mit unserer Offensive so erfolgreich, weil wir unsere Taktik geändert haben", sagt Brigadegeneral Udaya Nanayakkara, der Sprecher des Verteidigungsministeriums. In seinem Büro steht auf einem kleinen Tisch ein Foto des Brigadegenerals in Paradeuniform. Eine Karte an der Wand zeigt das verbliebene Gebiet der Rebellen im Nordosten der Insel.

"Früher haben wir immer mit großen Verbänden an nur einer Stelle angegriffen. Wenn wir einen Ort erobert haben, hat sich die LTTE reorganisiert und uns dann zurückgedrängt", erklärt Nanayakkara. In den vergangenen 13 Monaten hätten kleinere Kampfverbände die Rebellen gleichzeitig entlang der gesamten Frontlinie angegriffen und die Tamil Tigers damit quasi mit ihrer eigenen Guerillataktik überrascht.

Gewaltiger Militärapparat in Stellung

Die Neuauflage des blutigen Bürgerkriegs ist das zentrale Regierungsprogramm von Sri Lankas Präsident Mahinda Rajapakse. 2005 ging der Politiker, damals noch Premier des Landes, mit der Ankündigung in den Wahlkampf, er werde den jahrzehntelangen Bürgerkrieg militärisch lösen. Er gewann die Abstimmung mit einem hauchdünnen Vorsprung von nur 190.000 Stimmen. Seinen Bruder Gotabhaya ernannte er zum Verteidigungsminister. Armeechef wurde ein enger Freund, General Sarath Fonseka. Sofort begann das Trio, das Land auf die kommende Schlacht vorzubereiten.

Rajapakse überzeugte China und Pakistan davon, große Mengen an Waffen zu liefern. Armeechef Fonseka rekrutierte zusätzliche 80.000 junge Männer für die Armee, die auf mehr als 230.000 Mann anschwoll. Der gewaltige Militärapparat brachte sich in Stellung.

Doch auch Prabhakaran, der autoritäre LTTE-Anführer, suchte die Konfrontation. Seine Männer brachen in Tausenden von Fällen das Waffenstillstandsabkommen, das norwegische Vermittler im Jahr 2002 ausgehandelt hatten. Der Guerilla-Chef suchte die Entscheidung.

Denn der blutige Konflikt, der nach jahrzehntelangen Repressionen der buddhistisch-singhalesischen Mehrheit gegenüber der hinduistisch-tamilischen Minderheit und antitamilischen Pogromen mit Tausenden von Toten 1983 zum offenen Krieg geführt hatte, hatte nie einen klaren Sieger hervorgebracht. Die LTTE, Prabhakarans fanatisch-nationalistische Kaderorganisation, war trotz großer Geländegewinne nie stark genug, um Colombo zur Anerkennung ihres Ministaates Tamil Eelam zu zwingen. Der Regierungsarmee gelang es nie, die Rebellen dauerhaft zurückzudrängen. So zog sich einer der grausamsten Bürgerkriege Asiens mehr als ein Vierteljahrhundert lang hin. Mehr als 80.000 Menschen kamen ums Leben.

Brutale Vergeltungsschläge drohen

Doch diesmal war die Regierung zum ersten Mal im Vorteil. Als Präsident Rajapakse im Januar 2008 das ohnehin brüchige Waffenstillstandsabkommen mit der LTTE endgültige kündigte und den Krieg erneut in vollem Umfang entfachte, waren die Rebellen geschwächt. 2004 hatte sich "Colonel Karuna", der LTTE-Oberbefehlshaber im Osten des Landes, von Rebellenchef Prabhakaran losgesagt, die Tamil Tigers verloren das Gebiet. Zwei Jahre später erklärte die Europäische Union die Tamil Tigers zur terroristischen Vereinigung. Verbände der LTTE-Marineeinheit Sea Tigers hatten ein Boot der Beobachtermission für Sri Lanka (SLMM) angegriffen. Mehrere Staaten nahmen Unterstützer der Rebellen fest und froren Konten ein. Ein beträchtlicher Teil des Geldflusses für Waffenkäufe versiegte.

DER SPIEGEL
Daher gelang es der an Waffen und Kämpfern stark überlegenen Regierungsarmee Anfang 2008 relativ schnell, in das LTTE-Gebiet einzudringen. Anfang Januar dieses Jahres stürzte der De-facto-Mini-Staat der Tamil Tigers in kürzester Zeit beinahe vollends in sich zusammen. Regierungstruppen eroberten die Rebellenhauptstadt Kilinochchi. Wenige Tage später verließen die Rebellen die Küstenstadt Mullaittivu fluchtartig. Jetzt kontrollieren sie nur noch ein winziges Areal.

Doch es ist unklar, wie viele LTTE-Kader sich noch auf Regierungsgebiet oder in der Hauptstadt versteckt halten. Daher wirken die Tausenden Sicherheitskräfte in Colombo permanent angespannt. Es könnte immer noch zu brutalen Vergeltungsschlägen kommen.

Denn allzu oft haben die "Tiger" in der Vergangenheit aus der Defensive heraus blutig zurückgeschlagen. Besonders gefürchtet ist die Selbstmordeinheit Black Tigers. Mit ihnen hat Rebellenchef Prabhakaran ein bis dahin unbekanntes Grauen in den Bürgerkrieg getragen: 1987 steuerte Vallipuram Vasanthan, ein 21-jähriger LTTE-Kader, einen mit Sprengstoff beladenen LKW in ein Armeelager auf der Jaffna-Halbinsel im äußersten Norden des Landes und tötete Dutzende Regierungssoldaten. Seitdem sind mehr als 300 Black Tigers bei Einsätzen gestorben.



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wolf.the.fox 20.02.2009
1. sind wir wirklich antisemiten?
ich lese mir diese berichte ueber sri lanka und die tamilen rebellen und erinnere mich an den gazakrieg, der vor einem monat zu ende ging. wieso die ganze kritik aubleibt, die wir bei dem gaza einsatz der israelis erlebt haben? die tamilen kaempfen fuer eigenen staat, den die regierung ihnen nicht geben will. die israelis dagegen sind bereit den palaestiensern einen eigenen staat zu geben, es wird lediglich um seine groesse gestritten und gekaempft. der krieg in sri lanka hat schon mehr als 80 000 tote gekostet der arabisch israelischer konflikt etwa die haelfte davon. und die meisten toten waren die soldaten der arabischen armeen die in den kriegen seit der staatsgruendung gefallen sind. ich kann jetzt nicht beurteilen was schlimmer ist, aber der konflikt in sri lanka ist mindestens genau so schlimm wie in israel. aber ich frage mich wo die ganze kritik bleibt. sind die tamilen weniger wert als die palaestinenser oder geht es uns wirklich nur um die juden...?
mcbrayne 20.02.2009
2. Kann man Unabhängigkeit mit Terrorismus erlangen ?
Ich befasse mich mit dem Problem in Sri Lanka seit über 10 Jahren und verfolge die aktuelle Situation täglich über neutrale, sowie Propaganda-Webseiten der Regierung und Tamilen. (Ethnische) Kämpfe gibt es in Sri Lanka seit über 2500 Jahren. Der aktuelle Konflikt hat seinen Ursprung in der Kolonialpolitik der Briten und wurde entfacht durch die diskriminierende Politik der singhalesischen Mehrheit während der ersten 30 Jahre nach der Unabhängigkeit Ceylons. Die Methoden der LTTE jedoch lassen Schlimmstes für die Bevölkerung eines eventuellen Tamil Eelam befürchten. Heute steht nicht nur die Unabhängigkeit auf dem Spiel, sondern die Sicherheit der gesamten Insel. Es wäre ziemlich sicher, dass ein Tamil Eelam eine militärisch-totalitäre Diktatur würde. Eine ethnische Säuberung hat im Gebiet Jaffna bereits stattgefunden. Die Anzahl der Singhalesen ist dort von über 5000 (1981) auf unter 100 (2007) gesunken. Die LTTE (!) hatte während der letzen Verhandlungen weitreichende Zugeständnisse der Regierung erhalten (eine vollständige Unabhängigkeit blieb weiterhin ausgeschlossen). Anstatt diese als einen 1. Schritt in Richtung demokratischer Unabhängigkeit zu werten, nutzte die LTTE, wie üblich, die Kampfpause, um militärisch aufzurüsten und brach wiederholt den Waffenstillstand. Wo möglich leben die meisten Singhalesen und Tamilen friedlich miteinander. Laut Zählung von 2001 waren im Grossraum Colombo 4 von 10 Bewohnern Singhalesen 3 von 10 Tamilen. Die Tamilen sind aus der Wirtschaft Sri Lankas nicht wegzudenken. Das Volk will nur eins, endlich wieder Frieden. Wenn finanzielle Mittel nicht mehr in Waffen und Korruption verschwinden, kann man aus Sri Lanka ein wahres Paradies machen.
ayamo, 20.02.2009
3. ein unbeachteter Krieg
es ist in der Tat seltsam, wie wenig hierzulande über den blutigen Bürgerkrieg berichtet wird. Nach dem Maßstäben der UN, müsste alles dafür getan werde, dass die Tamilen ein eigenen Staat erhalten. Doch da natürlich immer mit zweierlei Maß gemessen wird, werden wir das denke ich nicht erleben. Sri Lanka ist ein wunderschönes Land, ein sehr guter Freund von mir ist Singhalese, wohnhaft in Colombo, und hat mir über die Jahre hinweg immer wieder von diesem abscheulichen Bürgerkrieg, der seit über einem Vierteljahrhundert dauert, berichtet. Ich hoffe, dass das Land nun nach der militärischen Niederschlagung der LTTE endlich Frieden finden wird. Doch ich habe Zweifel daran. Die LTTE wird wieder zu einem Guerilla-Krieg übergehen, und die Spirale der Gewalt wird nicht enden.
marypastor 20.02.2009
4. Tamilen
Zitat von sysopEs ist ein blutiger, rücksichtslos erkämpfter Sieg: Sri Lankas Armee hat die Rebellen im Norden bis auf ein winziges Areal zurückgedrängt, nach über 25 Jahren Bürgerkrieg. Doch noch immer sind Selbstmordkader der Tamilentiger bereit, den Kampf in die Hauptstadt Colombo zu tragen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,608023,00.html
Immer wieder erstaunlich, wie kleine Bevoelkerungsgruppen in vielen Laendern verbissen bis zum letzten Mann um eine sog. "Unabhaengigkeit " kaempfen, obwohl klar ist, dass sie als unabhaengiger Staat keine Ueberlebenschancen haetten. Siehe die Basken, Kosovo ( das als unabhaengiger Staat langsam in der totalen Misere versinkt and voll am Tropf der EU haengt ), Kurdistan ( was soll aus einem unabhaengigen Kurdistan, bitte schoen, werden ? ), Ost-Timor, was ist aus dieser elenden Unabhaengigkeit geworden ? Nichts. Die beiden Gebiete, die sich da von Georgien losgesagt haben wg. Unabhaengigkeit. Und was machen sie jetzt? Sie muessen sich zum Ueberleben an Russland haengen, die Bevoelkerung kriegt einen russischen Pass. Aber unabhaengig.
phil_83 21.02.2009
5. Bürgerkriege und die Moderne
Das der Bürgerkrieg in Sri Lanka kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird liegt wohl, wie es in unserer modernen Zeit üblich ist daran, dass der Staat Sri Lanka für die westliche Welt geringes bis kein wirtschaftliches Interesse bildet. Desweiteren geht von der Region auch keine geostrategische Bedeutung aus, das bedeutet weiteres Desinteresse an der Region. Es ist aber schon verwunderlich, dass immer kleinere Ethnien ihr eigenes Staatsgebilde haben wollen, auch wenn sie wissen, dass sie nie eine funktionierende und stabile Wirtschaft entwickeln werden. Im Trend der Moderne muss man aber leider feststellen, dass es nun "modern" ist eine Rebellen- bzw. Untergrundgruppe zu gründen und gegen die herrschende Staatsmacht anzugehen. Man sollte keiner Ethnie absprechen sich gegen Repressalien seitens dieser Staatsmacht zu wehren, so hatten auch die Kosovoalbaner jedes Recht sich gegen Unterdrückung und Verdrängung aus Ämtern zu wehren, die Gründung eines eigenen Staates rechtfertigt es noch lange nicht. In Sri Lanka muss, auch falls der Staat den Krieg militärisch gewinnen sollte, ein umdenken in der Staatsidee stattfinden, und für dieses Umdenken sollten ich die "Global Players" einsetzen, denn dafür sind sie (theoretisch) da.
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