Bürgerkrieg Präsident Aristide flieht aus Haiti

Kurz vor dem erwarteten Einmarsch der Rebellen in die Hauptstadt hat Haitis Präsident Jean-Bertrand Aristide sein Land verlassen. Wenige Stunden zuvor hatten sich die USA klar gegen ihn gestellt und ihm Inkompetenz vorgeworfen.


Ex-Staatschef Aristide: Asyl in Taiwan oder Nordafrika?
AFP

Ex-Staatschef Aristide: Asyl in Taiwan oder Nordafrika?

Port-au-Prince - Aristide habe Haiti gegen 6.45 Uhr Ortszeit in Begleitung von Leibwächtern verlassen, sagte ein US-Regierungsbeamter. Er sei mit einem Hubschrauber abgeflogen, hieß es in Agenturmeldungen, in anderen war von einem Jet die Rede. Ob er gemeinsam mit seiner Frau ausgereist ist oder nicht war zunächst unklar.

Aristide werde in Marokko, Taiwan oder Panama um Asyl bitten, sagte sein Kabinettsminister und Berater, Leslie Voltaire. In Cap Haitien, der zweitgrößten Stadt des Landes, umarmten sich Rebellenkämpfer und riefen "Aristide ist weg! Aristide ist raus!"

Oberster Richter als Nachfolger?

Aristide zieht die Konsequenzen aus wachsendem diplomatischen Druck und Machtverlust im Angesicht eines Bürgerkrieges. Die Rebellen haben seit Beginn ihres Aufstandes am 6. Februar mehr als die Hälfte des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Die US-Regierug begrüßte Aristides Rücktritt und teilte mit, dieser liege im Interesse Haitis. Aristide hatte noch gestern versichert, er werde bis zum Ende seiner Amtszeit 2006 bleiben.

Den Aufständischen gehören Mitglieder unterschiedlicher Oppositionsgruppen und ehemalige Soldaten der 1995 aufgelösten Armee an. Ihr Einmarsch nach Port-au-Prince war für Sonntag erwartet worden. Die Rebellen hatten ihn aber vorerst angehalten, nachdem die US-Regierung sich klar gegen Aristide gestellt hatte. Er sei Schuld an der Lage in seinem Land, hieß es aus Washington. Bei den Unruhen wurden mehr als 100 Menschen getötet. Auch die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hatte sich von Aristide distanziert und ihm den Rücktritt nahegelegt.

Nach der haitianischen Verfassung würde der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes Haitis, Boniface Alexandre, nach einem Rücktritt an die Stelle des Präsidenten treten. Die USA favorisieren diese Nachfolgelösung - auch, weil Alexandre als integerer Mann inmitten von Korruption gilt.

Aristide, ein früherer Prediger, war Haitis erster demokratisch gewählter Präsident in 200 Jahren Unabhängigkeit. Ein Putschversuch gegen Aristide war im Jahr 1994 gescheitert - damals intervenierten die USA mit 20.000 Soldaten zu seinen Gunsten. Bereits vor zwei Wochen hatten die Eheleute Aristide ihre beiden Töchter nach New York ausfliegen lassen.



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