Bürgerkrieg Sri Lankas Sieger fürchten neue Gewalt

Bis zu 100.000 Tote und eine traumatisierte Bevölkerung: Der Bürgerkrieg in Sri Lanka ist offiziell zu Ende, doch die Angst bleibt. Nach dem Sieg der Armee drohen dem Land Angriffe aus dem Untergrund - wenn die tamilischen Rebellen es schaffen, sich neu zu formieren.

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Hamburg - Das Gesicht des korpulenten Mannes, das in diesen Tagen auf den Titelseiten aller sri-lankischen Zeitungen prangt und das die Nachrichtensendungen zur Hauptsendezeit zeigen, ist im Westen kaum bekannt. Es ist der tote Blick von Velupillai Prabhakaran, erschossen von Soldaten der Armee von Sri Lanka. Seine Stirn ist mit einem Tuch abgedeckt, um die Einschusslöcher zu verbergen. Prabhakaran, einst vom Westen als Freiheitskämpfer gefeiert und unterstützt, entwickelte sich zu einem der gefährlichsten Terroristen der Welt, dessen Kampf sich jedoch auf den Inselstaat Sri Lanka beschränkte.

Der Bürgerkrieg in Sri Lanka ist nun beendet, doch der ethnische Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen ist keineswegs gelöst, feindseliger denn je stehen die Besiegten den Siegern gegenüber. Beobachter halten es für möglich, dass sich die Rebellen im Untergrund neu formieren und mit Selbstmordattentaten das Land erschüttern. Die Regierung vermutet vor allem im Osten Sri Lankas noch mehrere Terrorzellen. Trotz seines Sieges ist dem Militär nicht zum Feiern zumute - es bezog an strategisch wichtigen Punkten im Land Stellung, um Anschläge zu verhindern.

Sie würden das Leid der Menschen nur noch weiter mehren, der Konflikt hat eine lange Geschichte. Die Sympathie der internationalen Gemeinschaft lag viele Jahre lang bei der (überwiegend hinduistischen) tamilischen Minderheit in Sri Lanka, die von der buddhistischen Mehrheit der Singhalesen unterdrückt wurde; seit der Entlassung der britischen Kolonie in die Unabhängigkeit im Jahr 1948 dominierten die Singhalesen das Land. Doch Prabhakaran und seine Getreuen entschieden sich für einen Weg der Gewalt aus der Repression - und gründeten 1976 die "Befreiungstiger von Tamil Eelam", kurz LTTE. Ziel dieser Organisation war es, einen eigenen Staat mit dem Namen "Tamil Eelam" im Norden und Osten der Insel aufzubauen. Damit war ein jahrtausendealter Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen erneut ausgebrochen.

Selbstmordattentate, Cyber-Angriffe, Kindersoldaten

Schnell erarbeiteten sich die Rebellen den Ruf, kaltblütige Kämpfer zu sein. Sie verübten Selbstmordattentate, als andere Terrororganisationen diese Form von Anschlägen kaum kannten, schickten Frauen mit Sprengstoffgürteln in tödliche Einsätze und rekrutierten Kinder, die gerade ein Gewehr halten konnten, als Soldaten. Auch der erste Cyber-Angriff der Welt wird der LTTE zugeschrieben: 1997, als das Internet noch wenig verbreitet war, legte die Organisation das Netzwerk der sri-lankischen Botschaften in aller Welt lahm.

DER SPIEGEL
Der Bürgerkrieg begann jedoch schon 1983 mit einem blutigen Anschlag: Damit reagierte die LTTE auf gewalttätige anti-tamilische Proteste. 13 sri-lankische Soldaten wurden getötet. Prabhakaran rühmte sich öffentlich, Drahtzieher dieser Tat zu sein. Das Militär konterte mit einer Offensive, die Kämpfe sollten ein Vierteljahrhundert andauern und Schätzungen zufolge bis Mai 2009 bis zu 100.000 Todesopfer fordern.

Zunächst sah es so aus, als würde sich der Traum vom eigenen Tamilenstaat erfüllen: Die Rebellen waren mit ihrer Guerillataktik den behäbigen Streitkräften überlegen, immer wieder eroberten sie neue Gebiete, entwickelten eine straffe Struktur, bauten kleine U-Boote und nutzten Leichtbauflugzeuge zu Kamikazeflügen oder um Bomben auf sri-lankische Stellungen abzuwerfen. Schlug das Militär mit geballter Kraft an einer Stelle zu, antwortete die LTTE mit Nadelstichen an vielen Orten. Militärische Niederlagen rächte sie, indem sie Selbstmordattentäter der gefürchteten Unterorganisation Black Tiger in Menschenmengen schickte, zum Beispiel in der weit vom Rebellengebiet entfernten Hauptstadt Colombo.

Der wachsende Flüchtlingsstrom nach Indien sowie zunehmende Proteste von Tamilen in Indien veranlassten die indische Regierung unter Premierminister Rajiv Gandhi 1987 dazu, einen Vertrag mit Sri Lanka über eine Befriedung des Konflikts zu schließen. Obwohl die Tamilen nicht in die Verhandlungen einbezogen wurden, akzeptierten die meisten Tamilenorganisationen das Ergebnis - nicht jedoch die LTTE. Sie sah sich gegenüber anderen Gruppierungen benachteiligt und weigerte sich, ihre Waffen einer indischen Friedenstruppe zu übergeben.

Waffenstillstand mehrfach missachtet

Die indischen Soldaten, die ursprünglich nur die Einhaltung des Waffenstillstands überwachen sollten, wurden unfreiwillig in einen verlustreichen Krieg hineingezogen. Selbst die singhalesische Mehrheit in Sri Lanka stellte sich schließlich gegen die Inder, 1990 verließen die Truppen die Insel auf Bitten der sri-lankischen Regierung. Immerhin war es ihnen gelungen, ein Entgleiten des Landes in die komplette Anarchie zu verhindern. Doch schon ein Jahr später wurden die Inder von dem Konflikt eingeholt: Eine LTTE-Terroristin ermordete den inzwischen abgewählten indischen Premier. Nahe der Stadt Chennai, dem ehemaligen Madras, sprengte sich die Attentäterin in dem Moment in die Luft, als sie zur Begrüßung Gandhis Füße berühren wollte, wie es bei Hindus als Zeichen des Respekts üblich ist. Es hieß, Prabhakaran hatte verhindern wollen, dass Gandhi erneut gewählt wird und noch einmal Truppen nach Sri Lanka schickt.

Der Bürgerkrieg zog sich auf grausame Weise über Jahre hin, keine der beiden Seiten erzielte einen eindeutigen Sieg. Colombo schaffte es nicht, den Einfluss der LTTE zurückzudrängen, umgekehrt gelang es den Rebellen nie, die Regierung Sri Lankas zur Anerkennung ihres Ministaates zu bewegen. Auf Vermittlung Norwegens kam es 2002 schließlich zu einem Waffenstillstandsabkommen, das die LTTE aber regelmäßig brach - und auf diese Weise bis Ende 2006 ein Drittel der Landfläche Sri Lankas beherrschte.

Prabhakaran nutzte virtuos das Instrument der Propaganda, um den Krieg zu führen. Längst verbreitete die Terrororganisation ihre Sicht der Dinge über das Internet, in London richtete sie eine Kommunikationszentrale ein, die die Tausenden von Unterstützern in aller Welt, fern von dem mörderischen Vorgehen in Südasien, über die Unterdrückung der Tamilen in Sri Lanka informieren sollte. Prabhakarans fanatische Anhänger pflegten einen bizarren Führerkult: Der Chef verlangte bedingungslosen Gehorsam und freute sich, wenn sie Tassen, T-Shirts und Poster mit seinem Konterfei besaßen.

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