Bürgerkrieg US-Geheimbericht sieht wachsende Gefahr im Irak

Die US-Geheimdienste sehen eine wachsende Gefahr im Irak. Die Sicherheitslage werde sich weiter verschlechtern, heißt es in einem gemeinsamen Bericht. Ursachen seien zu wenig Sicherheitskräfte, eine geringe Hemmschwelle für Gewalt und eine zunehmende Polarisierung.


Washington - Der Irak ist auf dem Weg in den Bürgerkrieg, schreiben die 16 US-Geheimdienste in einem gemeinsamen Bericht, der heute veröffentlicht wurde. Die derzeitige Situation werde sich noch weiter verschlechtern. Mit ihrer Einschätzung widersprechen die Dienste in einem zentralem Punkt dem Weißen Haus: Dieses bestreitet bislang, dass im Irak ein Bürgerkrieg herrscht. US-Verteidigungsminister Robert Gates kritisierte, dass die Verwendung des Begriffs "die komplexe Lage im Irak übermäßig vereinfacht".

In ihrem lange erwarteten Bericht urteilen die Geheimdienste, dass die Gewalt im Irak noch nicht ihren Höhepunkt erreicht habe. In den kommenden zwölf bis 18 Monaten werde sich "die allgemeine Sicherheitslage in dem Maße weiter verschlechtern, wie es Ende des Jahres 2006 der Fall war". Der umstrittene Begriff "Bürgerkrieg" beschreibe dabei "zutreffend einige Schlüsselelemente des Konflikts". Als Beispiele nannten die Experten die Verhärtung der Fronten zwischen den Bevölkerungsgruppen im Land, die Vertreibung von Zivilisten und den "grundlegenden Wandel in der Art der Gewalt". Dabei verwiesen sie vor allem auf die eskalierenden Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten.

Der Nationale Sicherheitsberater Steven Hadley sagte, der Bericht werfe einen "harten Blick" auf den Irak, sei aber als "fair" zu bewerten. Hadley betonte, dass die Einschätzung der Geheimdienste nicht der neuen Irak-Strategie von Präsident Bush entgegenlaufe. Bush will die derzeit rund 132.000 Soldaten um mehr als 20.000 weitere verstärken. Gegen den Plan regt sich im Kongress Widerstand, auch die Öffentlichkeit lehnt ihn Umfragen zufolge mit großer Mehrheit ab. Die Veröffentlichung des Geheimdienst-Berichts "National Intelligence Estimate" dürfte die politische Debatte weiter anheizen.

Verteidigungsminister Gates übte Kritik an den Befunden der Dienste. Im Irak gebe es keinen Bürgerkrieg, sagte er. "Ich glaube, dass es dort tatsächlich vier Kriege gibt", führte der Minister aus. Vor allem im Südirak stünden sich schiitische Gruppen gegenüber, in Bagdad seien es Schiiten gegen Sunniten, außerdem gebe es den Aufstand gegen die Besatzungssoldaten und die Regierung sowie die Aktivitäten des Terrornetzwerks al-Qaida. Bei dem Begriff "Bürgerkrieg" gehe es nicht nur um sprachliche Feinheiten, sagte Gates. "Er stellt die Lage vereinfachend dar. Er ist nur ein Schlagwort für das, was im Irak vor sich geht."

ler/AFP

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